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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 498 (sequence 8)
Language
German
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498 Ganz neu ist der Versuch, die polnischen Juden in Deutschland heranzubilden in Lehrlingsheimen, Erziehungsanstalten rc. Diesem Versuche stehe ich grundsätzlich ablehnend gegenüber. Der verstorbene Abgeordnete Rickert war auf meine Veranlassung einmal in Ahlem und teilte mir bei seiner Rückkehrganz bekümmert mit, das; dort anscheinend mehr ausländische als inländische Juden erzogen würden, so daß die Vorteile dieser Anstalt durch diesen Uebelstand ausgewogen würden. Diese Kritik einer Anstalt, welche sonst jeder Sympathie und Förderung würdig wäre, entspricht durchaus meinem Empfinden auch heute noch, nachdem die Inländer in derselben überwiegen. Wir haben nicht den Beruf, die Jugend anderer Länder heranzubilden, wir haben nicht die Kräfte und nicht die Mittel dazu. Der einzelne Polnische Knabe mag vielleicht bessere Lebensbedingungen durch eine derartige Erziehung gewinnen, der Gesamtheit der polnischen Inden wird damit wenig genützt, wenn einzelne dieser Knaben in deutscher Kultur erzogen werden. Als Pioniere für die zurückgebliebenen polnischen Juden sind derartig erzogene Jünglinge unbrauchbar, denn sie würden bei ihrer Rückkehr in ihre Heimat von ihren Glaubensgenossen nicht gehört oder respektiert werden und sich selbst ans Grund der gewonnenen neuen Anschauungen und Gewöhnung unbehaglich fühlen. Andererseits sind diese Jünglinge und Kinder eine Gefahr für ihre deutschen Erziehungsgenossen, weil sie ihnen zum Teil geistig überlegen und jedenfalls von ihnen in ihrem vaterländischen Empfinden verschieden sind. Unter dieser übertriebenen Sorge für die östlichen Juden müssen notwendig diejenigen unserer Glaubensgenossen, welche in Deutschland geboren und groß geworden sind, und unserer Hilfe bedürfen, leiden. Man frage nur die Leiter wohltätiger Anstalten, welche ausschließlich deutschen Zwecken dienen, ob sie nicht unter der Konkurrenz der Institute leiden, welche in ihren Räumen internationale Zöglinge großziehen, und dabei gibt es soviel zu sorgen, soviel zu helfen in unserer nächsten Umgebung, daß wir gar nicht soweit außerhalb der Grenze unseres lieben deutschen Vaterlandes zu suchen nötig hätten. Die Geschehnisse in Könitz sind uns allen noch in schreckensvoller Erinnerung. Die wirtschaftliche Boykottierung einzelner deutscher Glaubensgenossen um ihres Glaubens willen, kann auch in Deutschland leicht sich wiederholen. Der Boykott ist eine schlimmere Waffe, als die Knute der Kosaken und hat denselben radikalen Erfolg, wie Plünderung und Mord in Kischinew. Für gläubige Juden ist die Schüchtfrage eine Vorbedingung zur Ausübung der Religion. Ein Bundesstaat hat das Schächten bereits verboten. In Preußen sind den Kommunen durch die Verordnungen über die Schlachthäuser diskretionäre Befugnisse gegeben, welche bedrohlich wirken können. Die antisemitische Propaganda in Deutschland hat solche Erfolge erzielt, daß sie auf einige Abgeordnete mehr oder weniger kein Gewicht zu legen braucht, weil sie in den iveitesten Kreisen der Bevölkerung bei Hoch und Niedrig, bei Gebildeten und Ungebildeten den von ihr angestrebten Tropfen antisemitische;; Oeles mit Genugtuung konstatieren kann. Will man aber für diese, die deutsche Judenheit auf das empfindlichste berührenden Punkte Geld oder Opfer haben, so koinmt man ineistens vor verschlossene Türen, während alle die Anstalten florieren, welche internationalen Zwecken gewidmet sind. Das ist "verkehrt und zu mißbilligen. Das Henid ist mir näher als der Rock. Der Jude, welcher von deutschen Eltern geboren, deutsch fühlt, und deutsch empfindet, steht mir näher als der Pole oder Russe, welcher keinerlei Empfindung für unser patriotisches Denken und Empfinden hat. Darum ist es vernünftig, unser Geld und unfern Einfluß zunächst dafür zu verwenden, daß die deutschen Juden, soweit sie in geordneten Verhältnissen sind, sich dem Glauben nicht entfremden und soweit sie in wirtschaftlicher Not sind, von uns so gefördert werden, daß sie eine wirtschaftliche Lebemöglichkeit haben. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, können und dürfen wir den Ueberschuß an Zeit, Kraft und Geld für die östlichen Juden, welche nach einem anderen Ritus als wir beten und mit uns nicht einmal essen wollen, verwenden. Zu dieser Ueberzeugung bekenne ich mich auf die Gefahr hin, als ein Erzreaktionär verschrieen zu werden. Zur Zeit gehen im deutschen Judentum so merkwürdige Dinge vor, daß es auf eine Unstimmigkeit mehr oder weniger nicht aukommen kann. Vor etwa einem Jahrzehnt wurden von Berlin aus die Abwehrbestrebungen von den bekannten geistigen Vorkämpfern des Judentums auch iu der Provinz organisiert. In Hannover hatte man unter welfischer Herrschaft friedlich, schiedlich mit den christlichen Mitbürgern gelebt. Der Stöckersche Antisemitismus fand selbstverständlich auch in Hannover Eingang. Der Auf- und Niedergang dieser Bewegung wird durch die bekannten Vorgänge: Leuß-Schnutz, den Konkurs der hannoverschen antisemitischen Landesbank, das Aufhören der gefährlichen antisemitischen „Hannoverschen Post" und die Mißerfolge des Bundes der Landwirte bei den Reichstagswahlen charakterisiert. Alle diese Geschehnisse beruhen nicht auf bloßem Zufall, sondern haben viel Arbeit, viel Aufregungen, manches Opfer an Zeit und Mühe gefordert. Gegenwärtig ist in den Reihen der Gegner eine gewisse Ernüchterung und Enttäuschung eingetreten. Die jüdische etwa 4000 Seelen starke Bevölkerung hält sich zurück. In der Stadtvertretung sitzt kein Jude, unter den Beamten der Provinz findet sich kaun; mehr als ein Glaubensgenosie; höchstens auf der Straße bemerkt man die vielfach gerügte unselige Gabe der Vervielfältigung und in den Theatern und Konzerten würde ein übelwollender Kritiker ä In Rathenau ein „schwärzliches Gewimmel" (!) vielleicht mit Unwillen vermerken. Alles in allem aber glaubten wir von dem harten, anstrengenden und aufregenden Kampfe mit den; Gegner in Ruhe etwas aufatmen zu können. Zu unserer Ueberraschung und zu unserer schinerzlichen Verwunderung hat sich nun auf einmal wie über Nacht im eigenen Lager die national-jüdische Bewegung erhoben, welche mit unserer ganzen bisherigen Arbeit kurzen Prozeß macht und sie einfach in das alte Eisen wirft. Alle unsere Zwecke und Ziele sind nach dieser Darstellung verkehrt, unsere Arbeiten nutzlos, wir selbst Leisetreter und Kriecher, die nicht den Mut haben, ihre Abstammung und ihre Rasse zu bekennen. Das ist der Dank und die Anerkennung dafür, daß wir uns ein Jahrzent lang mit den Gegnern herumgeschlagen haben; dies der Lohn, daß wir unser Judentun; gegen jedermann und jederzeit offen bekannt und mit den Besten und Edelsten der Nation, mit den Rittern von Geist und den gottbegnadetsten Künstlern offen und ehrlich die Judenfrage diskutiert und ihnen eine vorurteilsfreiere Beurteilung der Zustände und Persönlichkeiten anheim gegeben haben. Das ist jetzt alles verkehrt und nutzlos. Das Heil soll jetzt in; national-jüdischen Fühlen, Denken und Empfinden liegen. Man weiß nicht, ob dies zum Lachen oder zum Weinen ist. Wir sind auch jung gewesen, haben beim Militär erlebt, daß wir uin unseres Glaubens willen nicht Offizier geworden sind, haben auf der Universität gesehen, daß die Korpsstudenten sich von uns zurückgezogen haben. Das hat uns aber weder unfern Lebensmut genommen, noch unsere Pflichterfüllung gegen den Staat und die Gesellschaft beeinträchtigt.

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