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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 497 (sequence 7)
Language
German
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497 Das Deutschtum ringt in der Ostmark einen verzweifelten Kampf mit den Polen. Die deutschen Juden setzen ihre besten Kräfte ein, bringen Opfer an Zeit, Geld und Mühe, um die soziale und wirtschaftliche Lage der polnischen Glaubensgenossen zu heben und ihnen eine Lebemöglichkeit zu verschaffen, die in geordneten Staaten jeder Bürger unter normalen Verhältnissen bei bescheidenen Ansprüchen sich selbst ohne fremde Hilfe verschaffen kann, Die polnischen Juden bekennen sich zwar zu demselben Gotte ivie wir, beten ihn aber in anderer Form an. Dieses geht so weit. daß. als ich in Norderney für einen Jahrzeitsgottesdienst für meinen seligen Vater die erforderliche Anzahl erwachsener Glaubensgenossen nicht zusannnenbringen konnte, einige wohlhabende Polen hieruin ersuchend, die klassische Antwort erhielt: „wir vren nicht mit Aschkenes". Dem Verhalten dieser reichen Polen entsprechend, ist das der armen Polen, der sogenannten Schnorrer. In Hannover ist beispielsweise eine ganze Kolonie derartiger Familien. Dieselben sind mit den wohlgeordneten Institutionen unserer Gemeinde indes so wenig zufrieden, daß sie ihren eigenen Schächter und ihren eigenen Gottesdiensthalten. DerVorstandder Synagogengemeinde ist schwach genug, obwohl er eine gesetzliche Handhabe zur Verhinderung dieses meines Erachtens groben Unfugs hat, denselben unbeanstandet zu lasten. Man wende nicht ein. daß man den polnischen armen Leuten, welche wir doch durchiveg erhalten müssen, nicht zumuten könne, mit nns zu beten und von unser» Schächtern zu essen, da sie es anders gewohnt seien. Ich kann keine Unduldsamkeit darin finden, daß man dieses Verlangen stellt, denn es handelt sich nicht um Orthodoxie oder Reform, sondern lediglich um das gemeinschaftliche Bekenntnis.') Wenn aber entgegnet werden sollte, daß es sich hier nm zwei prinzipiell verschiedene Riten, nämlich den deutschen Gebetsritus und den politischen Gebetsritus handelt, ivelche fundamentale Verschiedenheiten und essentielle Besonderheiten aufweisen, so ist dieses gerade der Einwand, den ich zur Begründung meiner Argumentationen meinerseits verwenden möchte. Ist es richtig, daß es sich um zwei verschiedene Riten handelt, vergleichbar etwa den Verschiedenheiten in der griechischen und römisch-katholischen Kirche, so würde die moralische Verpflichtung für solche Glaubensgenossen, welche einen: andern Ritus angehören, Sorge zu tragen, doch als erheblich gemindert erscheinen. Dazu kommt eine Erwägung praktischer Art. Die Gesamtheit der Juden in Deutschland ist im Verhältnis zu der numerischen Anzahl der polnisch-russischen Juden so gering, daß selbst wenn sie ihr ganzes Vermögen opfern und ihre ganze Intelligenz ausschließlich in den Dienst dieser Sache stellen wollte, sie doch eine entscheidende Wendung für die Gesamtheit der polnisch-russischen Juden nicht herbeiführen könnte. Gewisse historisch gegebene Faktoren lassen sich eben nicht mit einfachen Wünschen und herzlichen: Empfinden ausschalten aus den Lebensbedingnngen der Völker. Jeder/ der Herz und Empfindung hat, wird mit den Opfern der Greuel in Kischinew das innigste Mitleid haben und Namen und Beitrag für die Sammlungen zur Verfügung stellen. Ich kann mir aber sehr wohl denken, daß die Herzen der abendländischen Christen bluten, wenn sie von den täglichen ') In diesem Punkte sind wir anderer Ansicht als der Autor; wir vermögen die Rücksicht auf religiöse Bedenken und Anschauungen nicht zu tadeln. Auch der Vergleich mit der katholischen Kirche trifft nicht zu. Und ebenso m usi die Hilfsaktion für die unglücklichen Glaubensgenossen im Osten immer die Sorge der Gesamtjudenheit bleiben. Die Red. Greueli: lesen und hören, welche gegenüber den armenischen Christen verübt werden, und doch geschieht, trotzdem die ganze gebildete abendläirdische Christenheit hier in ihrem heiligsten Empfindei: verletzt wird, nichts gegen die Türkei. Die Greuel, welche hier geduldet werden, sind tausendfach größer, die Mittel zur Abwehr millionenfach umfangreicher und doch versucht nian nicht die Vorsehung zu spielen, vermutlich in der richtigen Erkenntnis, daß wirksame Hilfe doch nicht gebracht werden könne. Dieser skeptische Zweifel ist aber auch bei der ganzen Hilfsaktion für die polnisch-russischen Juden gestaltet. Ich fürchte, daß aus dem Hin und Her der expatriierten Inden vornehmlich die Eisenbahn- und Schiffahrtsgesellschaften bleibenden Gewinn ziehen, während im großen und ganzen in den Verhältnissen dieser unglücklichen Menschen wenig geändert iverden wird. Der Versuch, den Juden des Ostens, welche in Deutschland einwandern, deutsche Gesinnung und deutsche Gesittung beiznbringen, erschöpft unsere besten Kräfte. Die deutschesten aller deutschei: Juden waren ohne Zweifel wohl Mendelssohn nr:d Gabriel Rießer. Ihre Nachkommen sind säintlich getauft; sie haben sich von dem Judentum und den Juden abgewendet. An ihre Stelle sind die Nachkömmlinge polnischer Juden getreten, welche inühselig dem Deutschtum erst gewonnen werden müssen. Die deutsche Judenfrage würde vermutlich viel von ihrer Schärfe und Erbitterung verloren haben, wenn das Deutschtum in den eingeborenen Familiey sich ohne Rücksicht auf den fortwährenden östlichen Nachwuchs hätte entwickeln und befestigen können. So aber mnß man die traurige Beobachtung machen, daß die Fainilien, ivelche mit Herz und Sinn den: Deutschtun: ergeben sind und gleichzeitig ihren angestammten Glauben Hochhalten, in ihren Söhnen und Enkeln den: Abfall sich zuwenden. In der Provinz wenigstens kann man beobachten, daß in sehr vielen Familien, welche, um einen bösen, nationalliberaleu Ausdruck zu gebrauchen: „Bildung und Besitz" haben, mit zunehmenden: Besitztum und wachsender Bildung die Söhne, welche Assessoren, Aerzte oder Kaufleute werden, sich taufen lassen. Das deutsche Judentun: kann diesen Ausfall an seinen besten Kräften auf die Dauer nicht ertragen. Der fremde Ersatz ist minderwertig und will znn: Teil gar nicht deutsch werden, weil er das instinktive Empfinden hat, daß der Weg seiner deutsch gewordenen Kinder und Enkel ebenso zur Taufe führen könne und werde, wie er dieses bei den besten und hervorragendsten Familien der deutschen Juden mit Unwillen beobachtet hat. England hat bis jetzt nur eine eingeborene jüdische Bevölkerung gehabt. Diese hat sich in dem Sinne entwickelt, daß sie sich völlig englisch sühlt, trotzdem aber ihren jüdischen Glauben hochhält, diesen nach außen hin bekennt und unter demselben weder wirtschaftlich noch sozial leidet. Die russische Einwanderung in Eastend gibt der jüdischen Bevölkerung, deren Hilfsbereitschaft gewiß nicht beziveifelt werden darf, schon jetzt zu ernster Besorgnis Anlaß, ob dieses schöne ungetrübte Verhältnis ju. der andersgläubigen Bevölkerung nicht durch diese Ueberflntung des Landes mit polnisch-russischen Inden eine Einbuße erleiden könne. Ich glaube, daß es für das deutsche Judentum viel wichtiger wäre, dafür Sorge zu tragen, daß die besseren Familien, welche Bildung und Besitz repräsentieren, beim Judentum bleiben, als daß Fremde einwandern und durch unsere Hilfe in den Stand gesetzt werden, sich mühselig deutsche Gesinnung und deutsche Gesittung anzneignen, welche erst in ihren Kindern und Enkeln ein gedeihliches Zusammenwirken in religiöser und vaterländischer Beziehung als möglich erscheinen läßt.

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