Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- Seite 496 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228570--60239-3296815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4S6 Quo vadis? Bo» Rechtsanwalt Dr. Siegmund Meyer in Hannover?) as deutsche Judentum wendet im Anfang des 20. -Jahrhunderts sein Interesse vielfach geistigen Bestrebungen und Strömungen zu, welche unfern Vorfahren weder bekannt noch geläufig waren. Ein neues Geschlecht ist auf den Plan getreten, welches gebieterisch Beachtung verlangt und Widerspruch anscheinend nur schwer verträgt oder duldet. Es scheint nützlich und notwendig, über drei Arten von Fragen eine von den landläufigen Anschauungen vielleicht vielfach abweichende Meinung in ruhiger und leidenschaftsloserer Forut, als dies in den erregten Diskussionen öffentlicher Versammlungen möglich wäre, zu äußern; dies sind: die Zweckmäßigkeit des akademischen Studiums, die Hilfsaktion für die polnischrussischen Juden und die jüdisch-nationale Bewegung. Der innere Zusammenhang dieser drei anscheinend heterogenen Fragen erhellt daraus, daß sie für die Grundbedingungen unserer politischen und sozialen Stellung im lieben deutschen Vaterlande nicht ohne Bedeutung sind. Unsere Zeit ist mehr als andere an Feiern und Festlichkeiten gewöhnt und wenn man heute jüdische Zeitungen liest, so enthalten sie eine lange Reihe von Berichten, in denen Leben und Wirken mehr oder minder geachteter Glaubensgenossen mit behaglicher Breite geschildert und die Schandtaten, Bosheiterr und Verkehrtheiten unserer Gegner mit gewissenhafter Entrüstung registriert werden. Alles Licht auf der einen, aller Schatten auf der anderen Seite. Unsere Propheten und Richter waren nicht so entzückt voir dem Volke Israel, das sie doch mit ganzer Seele liebten, sondern hatten von dem sanftnrütigen Mose bis zu dem eifernden Jeremia häufig flammende Worte des Tadels, der Entrüstung, der Unzufriedenheit. Freilich waren sie keine Bankdirektoren, Rechtsanwälte, Aerzte oder sonstige Akademiker, sondern meistens von geringem Herkonrmen, aber gerade deswegen vertraut mit allen Regungen der Volksseele, nicht zu vornehm, um mit ihr sich zu freuen, nicht zrr gebildet, um ihrem Schmerz und ihrer Trauer fremd gegenüber zu stehen. Unser heutiges deutsches Judentum hat nur den einen heißen Wunsch, die Kinder mehr werden zu lassen als die Eltern waren; wenn möglich, sollen sie studieren. Die Eltern, welche ihre Söhne unter Entbehrungen aller Art die höheren Schulen und mit Opserrr die Universitäten besuchen lassen, werden über die Maßen gelobt und antiseiuitischen Angriffen gegenüber, welche die Ueberfüllurig der höherer» Lehranstalten beklagen, als Muster und Vorbild hingestellt. Spätere Geschichtsschreiber werden vermrrtlich finden, daß das Judentum als solches von dieser höheren Bildung seiner studierenden Jugend eigentlich wenig profitiert hat. Wenn ein armer katholischer Junge eine besondere Anlage oder Intelligenz zeigt, wird er von rvohlwollenderr Mitbürgern soweit gebracht, daß er studieren kann, natürlich geistlich. Als Geistlicher zahlt er dann der Kirche und deren Gläubigen den Dank für alle Wohltaten, durch die er in den Stand gesetzt rvnrde, zu studieren und über die Sphäre seiner Eltern sich zu erheben, zurück und kann, wie das Beispiel des jetzigen Papstes zeigt, die höchsten Ehrenstellen erringen. Bei den wohlhabenden Familien ist meistens die mangelnde positive Gesetzestreue der Elterrr ein zwingender Hinderungsgrund, daß deren Söhne sich diesen Berufen zull Der nachfolgende Aufsatz wird sicher allgemeine Aufmerksamkeit erregen. Obwohl wir nicht mit allen darin ausgesprochenen Ansichten übereinstiminen, habe» ivir den Aussatz doch abgedruckt, weil er das Bekenntnis eines angesehenen Mannes ist, dessen begeisterte Anhänglichkeit an das Judentum und dessen eifriges Wirken für die deutsche Judenheit allgemein bekannt sind. Die Red. wenden können. Aber auch der Ehrgeiz der weniger bemittelten und noch gesetzestreuen Juden geht nreistens nicht dahin, daß ihre Söhne Geistliche oder Lehrer werden; wenn sie studieren, sollen sie Jura oder Medizin, Chemie oder Elektrotechnik, bei Leibe aber nicht Theologie studieren. Merkwürdigerweise wird diese Anschauung der Eltern von unseren Geistlichen und Lehrern nicht bekämpft, trotzdem doch im allgeineinen deren soziale und wirtschaftliche Stellung als so zulänglich und ausreichend bezeichnet werden kann, daß hierin ein Hinderungsgrund für die Wahl dieses Studiums nicht zu erblicken ist. Entbehren wir auf diese Weise in dem akadernischen Nachwuchse von Berufswegen unfern natürlichsten und besten Helfer, so finden wir gerade in den Reihen derer, denen mit jüdischem Gelds und durch jüdische Wohltätigkeit ein profanes Studium errnöglicht ist, viele, die ihres Glaubens und ihrer Glaubensgenossen sich schämen, sobald sie in gesicherten Stellungen sind. Jeder Leser wird aus seinem Bekanntenkreise sofort einen oder mehrere Fälle, welche das Gesagte bestätigen, anführen und vielleicht noch mit bitterm Lächeln hinzufügen können, daß manche von diesen Akademikern zum Dank für alles Gute sich sogar als Antisemiten versuchen. Diese traurigen Erfahrungen sollten doch zu denken geben und diese Lobhymnen auf die jüdischen Eltern, welche ihren Kindern eine bessere Bildurrg, als sie selbst besaßen, geben, nur als bedingt begründet erscheinen lassen. Dazu kommt der praktische Gesichtspunkt, daß die akadernischen Berufe, welche den deutschen Juden zur Zeit de facto offenstehen, mit Juderr so überfüllt sind, daß ein einsichtiger jüdischer Rechtsanwalt oder Arzt in Berlin nur mit Achselzucken auf die Frage antworten wird, ob er die gegenwärtigen Zustände, welche übrigens in den verschiedenen Provinzen sich nach dem Vorbilde der Hauptstadt in entsprechender Reduzierung nach den Größenverhältnissen entwickeln, für gesunde, annehmbare oder auch nur erträgliche halte. Man darf ohne Uebertreibung davon reden, daß in den akademischen Berufen der Kampf um das Dasein stetig schwerer ivird. Viele haben schon mit Not und Sorge zu kämpfen. An behördlichen Maßnahmen, um dem übermäßigen Eindringen der Juden in die gelehrten Berufe zu steuern, fehlt es nicht. Aus den parlamentarischen Verhandlungen ist bekannt, daß jüdische Anrvälte bei der Ernennung zum Notar teils übergangen, teils viele Jahre zurückgesetzt wurden. Krankenhäuser suchen mit Vorliebe christliche Aerzte, Oberlehrer finden kaum mehr eine staatliche Anstellung, jüdische Richter gibt es nrrr noch in Ausnahmefällen. Darum ist es nicht die Sprache des Satten, der nicht weiß, wie dem Hungrigen zu Mute ist, sondern Recht und Pflicht eines jeden, der es treu und gut meint mit unserer Heranwachsenden Jugend, öfferitlich nud eindringlich vor den Fährnissen und Bedenklichkeiten des übergroßen Andranges zum Studium zu warrren. Als Delegierter des D.-J. G.-B. habe ich in der letzten Psingstkonferenz jüdischer Lehrer in Hannover dies ausgeführt und gebeten, darauf hinzurvirken, daß die Jugend mehr als bisher dem Handwerk, welches auch heute noch für bescheidene Ansprüche eine ausreichend gesicherte Existenz bietet, zugeführt werde. Alles, was ich 1894 in zwei Artikeln dieser Zeitung in dieser Richtung ausgeführt habe, kann ich heute lediglich iviederholen. Der Zrrg nach Oben bedarf keiner Unterstützung; was uns fehlt, sind die Mittelstände und die untererr Klassen, die Handwerker, Subalternbeamten und Arbeiter. Ihnen die Wege zu ebnen, ist unsere soziale Pflicht, hierfür müssen wir notwendig Mittel bereitstellen. Wenn wir diesen naheliegenden Bestrebungen unsere Aufmerksamkeit mehr als bisher widmen, rverden wir unseren, unserer Hilfe bedürfenden Glaubensgenossen und damit uns selbst, dem Judentum und dem Vaterlande eine« Dienst erweisen. * * *