Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- Seite 495 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228570--60238-3296814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
495 im besonderen hier in Hamburg bekundete." Gleichwohl sind die Verhandlungen nicht ohne Interesse für uns gewesen. So erklärte der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg, aus politischen Gründen habe er gar keine Veranlassung, gegen die Gläubigen der katholischen Kirche Stellung zu nehmen. Denn gerade jetzt beginnen sich die Ansichten über den Antisemitismus im Zentrum sehr scharf zu entwickeln, so daß damit die Möglichkeit eines Zusammenarbeitens gegeben sei. Ein anderer Herr empfahl, nach dem Muster der friesischen Inselbewohner Gott um einen gesegneten Strand zu bitten und von den Planken des nationalsozialen Schiffes soviel als irgend möglich für die deutschsoziale Partei heranzuziehen. Liebermann v. Sonnenberg meinte, nun werde gewiß von antisemitischen Strandräubern gesprochen werden. Aber es sei doch nicht zu vergessen, daß auch die Natioualsozialen seinerzeit bei den Antisemiten Strandränberei getrieben hätten. Aus diesem Grunde stimme er dem Vorredner durchaus zu. * Ein Vorgang, der greller als die größten Debatten und Prozesse die gegenwärtige Lage erhellt, hat sich jüngst in der Gegend von Könitz zugetragen. Man schreibt darüber dem „B. T." aus Bromberg: „In Siegers, der Gegend, wo der Antiseniitismus seinerzeit die Winter-Affäre zur Welt brachte, ist dieser Tage ein jüdischer Handwerker, der Schriftsetzer Levi aus Warschau, von ehrsamen Bürgern der Stadt zu Tode geprügelt worden. In der Herberge, wo der arme Jude einkehrte, wurde er von den genannten wackeren Herren und anderen Gästen damit geneckt, daß er niederknien und das „Vaterunser" sprechen mutzte. Da er aber das Gebet schlecht oder gar nicht konnte, so wurde er derart mißhandelt, daß er i» der Nacht verstarb. Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft ist die Leiche seziert und die oben genannten „Spaßmacher" sind zur Verantwortung gezogen worden." Mit Recht muß man den Tätern gegenüber diesmal Milderungsgründe gelten lassen. Sie wußten vielleicht wirklich nicht, was sie taten. Möglicherweise hatten sie es nur auf einen wenn auch entsetzlich plumpen Scherz abgesehen. Aber je mehr man die Täter entlastet, um so stärker wird die Anklage gegen die Hetzer, die den Raffenhaß in jener Gegend geradezu gezüchtet haben. Ja, gezüchtet!, Oder will man leugnen, daß in Stegers nur blutig aufgegangen ist, was die Antisemiten dort gesäet haben? Die Folterknechte, die den Schriftsetzer Levi mit dem Vaterunser zu Tode marterten, haben schwerlich die antisemitische Beweisführung sich zu eigen gemacht, aber sie haben nach antisemitischem Rezept gehandelt, sie haben in ihrer Beschränktheit den Antisemitismus in die Tat umgesetzt. Das sind die Früchte derPückler-Erziehung! Die ehrsamen Männer von Stegers haben einfach seine idealen Forderungen in die Tat umgesetzt. Der Graf Pückler aber zahlt 60 Mark Strafe, weil er die gesamten Juden beleidigt, während ein Journalist, der einen einzigen Antisemiten beleidigt hat, mit drei Monaten Gefängnis bestraft wird! * In Rußland gärt es wieder. Christliche Studenten armenische Geistliche, tartarische Edelleute, orthodoxe Arbeiter veranstalten Unruhen — die Schuld aber tragen allein die Juden! So will e8 Herr v. Plehwe, und so verkünden es nach neuestem Rezept seine Gouverneure jetzt schon in den Dorfsynagogen. So neuerdings der Gouverneur von Taurien, Trepow. Derselbe besuchte dieser Tage die Synagoge im Dorfe Kamenka und wandte sich mit nachstehender Rede an die dort Versammelten: „Ich war sehr erfreut, Ihrem Gottesdienste beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen Mitteilen, daß ich nicht als Feind der Juden in das Gouvernement Taurien gekommen bin. Ohne von den gesetzlichen Vorschriften abzuweichen, fand ich es gleich anfangs für notwendig, den Juden in Bezug auf ihren Ausenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons durch Zirkularvorschriften größere Freiheiten zu gewähren. 'Ich bin mir mit Kummer dessen jedoch bewußt geworden, daß die Haltung Ihrer Glaubensgenossen meinen Erwartungen nicht entsprochen hat; bei den Unruhen sind die Juden überall nicht nur beteiligt, sondern sie sind als deren Urheber zu betrachten. Vollkommen begreife ich, daß Sie und Ihre Glaubensgenossen durch die bestehenden Einschränkungen bedrückt werden; der von Ihnen gewählte Weg zur Abschaffung der Einschränkungen muß jedoch zu Ergebnissen führen, die den gewollten entgegengesetzt sind. Ich setze voraus, daß Sie auf eine Erweiterung Ihrer Rechte hoffen. Das einzige Mittel zur Erreichung Ihrer Absicht besteht darin, durch eine ordentliche Führung die Negierung zu überzeugen, daß Sie eines größeren Vertrauens würdig sind." Als ob unter deir dort Versammelten auch nur ein Sozialist gewesen wäre! Im übrigen wehren sich die russischen Juden tapfer gegen ihre Angreifer, und Mtr ein Narr kann sie deshalb tadeln. Aus Orsch a im Gouvernement Mohilew wird vom 7. d. M. — allerdings offiziös — telegraphiert: „Als heute verhaftete Juden durch eine berittene Wachtmannschaft aus dem Gefängnis zur Eisenbahn eskortiert wurden, versuchten ihre Glaubensgenossen, die sich in einer Stärke von etwa 1000 Mann zusammengerottet hatten, die Verhafteten zu befreien, wurden aber mit blanker Waffe znrückgeschlagen; es wurden zunächst zehn Verhaftungen vorgenommen." Zu den gemeldeten Judenmeheleien wird aus Mohilew am Dnjepr sowie aus Bjelzy in Bessarabien offiziell gedrahtet, daß die Nachrichten über dort vorgekommene Unruhen unbegründet sind. Wir haben das schon in der vorigen Nummer berichtet. * Ueber die verheerende Wirkung der russischen Maigesetze hat der bekannte Moskauer Statistiker Professor Simonenko eben Zahlen veröffentlicht, die eine überaus beredte Sprache sprechen. Die Zahl der jüdischen Geburten ist nicht wesentlich größer, die der Todesfälle erheblich geringer als bei den Nichtjudeu. Und dennoch ist die jüdische Bevölkerung Rußlands in beständigem relativen Rückgänge begriffen. So bildetet! die Juden in den 15 Gouvernements der eigentlichen Ansiedlungsrayons noch im Jahre 1881 durchschnittlich llv2% der Gesamtbevölkerung, während sie bei der 16 Jahre später vorgenomineuen allgemeinen Volkszählung nur noch 10l/a°/o der Bevölkerung ausmachten. Am stärksten äußerte sich dieser allgemeine Rückgang in den Gouvernements Mohilew und Kolvno. lvo der Prozentsatz der Juden von 19 respektive 18 auf 14 beziehnngsiveise 12",'» gesunken ist. Die eheuials ivegen ihrer berühmten Jeschiba in weiten jüdischen Kreisen bekannte im Eollvernemeut Minsk belegene Stadt M i r hat in den letzten 10 Jahren 65°/° ihrer jüdischen Bevölkerung und die ebenfalls im Gouvernement Minsk belegene große jüdische Gemeinde Slutzk hat seit 1881 nachweisbar nicht weniger als 15000 Juden durch die Auswanderung verloren. Daß diese enorme Auswanderung ausschließlich eine Folge der traurigen Maigesetze ist, bedarf eigentlich keines Beweises; dennoch wird dieser Beweis von Professor Simonenko durch den Hinweis auf die 10 Gouvernements des Königreich Polen erbracht, wo die Maigesetze noch nicht in voller Ausdehnung zur Anwendung gelaugt sind. Dementsprechend hat die jüdische Bevölkerung dieser Gouvernements absolut wie relativ zugenommen und ist seit 1880 von 14 auf 14,7°/» der Gesamtbevölkerung gestiegen.