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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 494 (sequence 4)
Language
German
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494 müßte, nach dem Kapital, welches der Gesellschaft zur Verfügung steht und nach ihrer Zusammensetzung? Da muß irgendwo ein Fehler in der Rechnung vorhanden sein. Und daß dieser Fehler aufgedeckt oder vielmehr so rasch und so gründlich wie möglich beseitigt werde, ist der dringende Wunsch aller derer, denen die Sorge um die Zukunft der auswandernden Juden des Ostens schwer auf dem Herzen lastet. Von allen Vorwürfen, die die Zionisten der J. C. A. gemacht haben, ist kaum ein einziger berechtigt. Gerade das aber, was inan der Gesellschaft vorwerfen kann, ist von jenen gar nicht hervorgehoben, ja kaum erwähnt worden. Die trübe Zukunft der osteuropäischen Juden erheischt eine kräftigere Betreibung des Kolonisationswerkes, den Wünschen und Bestimmungen des Baron Hirsch entsprechend. Der große Erfolg, den einzelne dieser Kolonien, ivie z. B. die in Kanada erreicht haben, muß ja der Gesellschaft Mut geben, auf diesem Wege fortzufahren und neue Kolonisationsgebiete aufzusuchen. Daneben aber muß endlich einmal die älteste dieser Kolonisationen, nämlich die argentinische, diejenigen Reformen erhalten. die eine größere Ausdehnung und intensivere Entwicklung ermöglichen. Es muß vor allem die Administration geändert und verbessert werden, es müssen sachverständige und pflichttreue Beamte an Stelle der bisherigen treten und endlich muß die Auslese in Rußland selbst eine umsichtigere sein, da es an geeigneten Kolonisten dort tatsächlich nicht fehlt. Als der selige Baron Hirsch die J. C. A. begründete, hatte er gewiß die besten Intentionen und als er sein Lebensiverk den Großgemeinden Europas als Erbe überließ, war er der festen Ueberzeugung, daß er dieses den besten Händen anvertraue und daß es genau nach seinen Ansichten verwaltet und in gedeihlicher Weise sich entwickeln werde. Eine schwere Verantwortung ruht darum auf den Münnen, denen die Verwaltung dieses Unternehmens übertragen wurde. Allerdings ist die Organisation und Zusammensetzung der J. €. A. keine besonders glückliche. Es sind nur vertreten Paris durch drei Stimmen, London durch drei, Brüssel durch zwei, Frankfurt am Main durch zwei und Berlin durch eine Stimme. Und unter diesen elf Vertretern, die wir sämtlich hochschätzen und wegen ihrer allgemeinen Wirksamkeit verehren, hat doch, es muß dies offen gesagt iverden, kaum viel mehr als die Hälfte den praktischen Blick, ein solches Unternehmen so zu leiten, daß es wirklich gedeihen kann. Es kommt noch ein anderer Faktor hinzu, um die Wirksamkeit der J. C. A. zu hemmen. Wir begehen keine Indiskretion, wenn wir hier erzählen, wie oft der selige Plotke, der sicher einer der eifrigsten und tüchtigsten unter diesen elf Männern war, sich darüber beklagt hat, daß die Unternehmungen der J. C. A. nicht den rechten Fortgang nehmen, daß an manchen Stellen eine gewisse Saumseligkeit und Lässigkeit vorherrsche und daß es sehr oft an der Energie fehle, die notwendig ist, um dem Werke neuen Aufschwung zn geben. Die Organisation der 3. C. A. ist eine solche, daß sie keine andere Kontrolle hat als die der öffentlichen Meinung. Gerade daraus aber erwächst der jüdischen Presse die Pflicht, ihre mahnende Stimme so eindringlich wie möglich zu erheben und nachdrücklichst die Forderungen zu wiederholen, die wir oben bereits genanut haben. Etwas mehr Energie, etwas mehr Aufschwung, ein besseres Beamtenpersonal, eine tüchtigere Leitung der Kolonien in Argentinien, eine größere Beförderung von geeigneten kolonistischen Kräften und endlich die Ermittelung neuen Kolonisationsterrains. Das sind die Forderungen, die wir enschieden und dringend an die J. C. A. zu stellen haben/ Daß das groß angelegte Unternehmen die Hoffnungen bis jetzt nicht erfüllen konnte, hat man darauf zurückgeführt, daß die Verhältnisse bisher ungünstig gewesen seien. Aber die erzielten Erfolge, die wir zum großen Teil der bisherigen Tätigkeit der 3. C. A. verdanken, sind doch sehr dankenswerte Fingerzeige für die Zukunft, während die Mißerfolge, die wir keineswegs auf das Konto der Verwaltung der J. C. A. allein schreiben dürfen, doch als Lehre dienen können, welche Mißgriffe zu vermeiden seien. Möchten diese Mahnungen Beherzigung finden. Es ist das der sehnlichste Wnnsch aller, die an der Lösung des großen Problems Mitarbeiten, und es liegt zugleich im Interesse der Sache selbst, die nur durch die werktätige Hilfe der gesainten Judenheit wirklich einmal zu einem gedeihlichen Resultat gelangen kann. Dü Woche. Berlin, 14. Oktober. ie Antisemiten lachen sich ins Fäustchen: Innerhalb der freisinnigen Volkspartei ist der Antisemitismus in dieser Woche ausdrücklich konstatiert worden. Der Vorgang ist den Lesern aus den Tagesblättern zur Genüge bekannt. Es handelt sich nm den Reichstagsabgeordneten Rektor Kopsch, der vor den vorletzten Wahlen, am 29. Dezember 1899, nachdem Dr. Arthur Bernstein in Torgau-Liebenwerda als Kandidat ausgestellt wurde, den Vorstand des Kreiswahlvereius von dieser Kandidatur mit den Worten abbringen wollte: „Ihr werdet doch Bernstein nicht wählen, der ist ja ein Jude." Und als die Herren erwiderten, daß das ihnen egal wäre, daß Bernstein aber übrigens überhaupt kein Jude sei, sagte Herr Kopsch: „Na, er ist ja doch immerhin ein getaufter Jude." Sie waren damals sehr entrüstet über Herrn Kopsch, wollten aber im Interesse der Sache schweigen. Jetzt, nachdem in Charlottenburg wieder gegen Bernstein, der übrigens geborener Christ ist, agitiert wird, rücken sie mit der Sprache heraus. Herr Rektor Kopsch hat sich selbst nicht über den Fall Präzise ausgesprochen; die „Freisinnige Zeitung" aber erklärte: „Allerdings hat Abgeordneter Kopsch vor vier Jahren in einer vertraulichen Unterredung mit den Parteiführern von Torgan-Liebenwerda die Frage aufgeworfen, ob die Abstammung des Dr. Bernstein die Wahl desselben im dortigen Wahlkreise nicht erschweren werde." Das ist mit dürren Worten eine einfache Bestätigung der obigen Meldung. Daß Herr Kopsch erklärte, es lägen ihm nichts ferner als antisemitische Anwandlungen, ist k e i n Dementi jener klipp und klar ausgesprochenen Anschuldigung. Mit allgemeinen unverbindlichen Erklärungen ist nichts getan; hier muß Farbe bekannt werden. Das einfachste wäre, wenn Herr Kopsch eine gerichtliche Verhandlung herbeisührte, bei der ja durch Zeugeneid die Sache am gründlichsten aufgeklärt werden würde. Wenn aber der Herr Stadtverordnete Rosenow seine Glaubensgenossen bei diesem Anlasse „vor übel angebrachter Empfindlichkeit" warne», zu »Nüssen glaubte, so lehnen wir diese Warnung mit aller Entschiedenheit ab. Hier spielt keine übel angebrachte Empfindlichkeit mit, sondern die sehr angebrachte Sorge un» die Zuk'.lnft. Es ist »nehr als töricht, die Partei als solche um dieses Vorfalls »villen anzugreifen, wohl aber erscheint die Frage durchaus berechtigt: Kann ein Abgeordneter, der der Rassenantipathie angeklagt wird, wirklich der Hüter der verfassungslnäßigen Gleichberechtigung aller Konfessionen sein? So steht für uns in diesem Falle die Frage. In Hamburg hat ein deutsch-sozialer Parteitagstattgefrmden. Der „Hamburger Korrespondent" sagt darüber: „Er legte aufs neue beredtes Zeugnis von de»n Rückgänge des Antisemitismus ab, der sich ja auch durch das Ergebiris der Reichstagswahlen so in» allgeineinen in ganz Deutschland, wie

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