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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. Ko. 42. Berlin, 16. Oktober 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippson. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe, Berlin. Die Jewish Colonisation Association. Berlin, 15. Oktober, er Kreis der Feste ist geschlossen und die Sorge des All» tags rückt wieder und zwar schwerer als je in den Vordergrund unserer Interessensphäre. Die Hiobsposten aus Rußland und Galizien überstürzen sich förmlich. Jeder Tag bringt neue Botschaft von Verfolgungen und Bedrückungen. Angesichts dieser Sachlage wendet sich darum unser Blick mit erhöhter Spannung der Organisation zu, die an erster Stelle berufen ist, Hilfe zu leisten, nämlich der Jewish Colonisation Association. Der Tod eines der tüchtigsten und einflußreichsten Mitglieder der Gesellschaft lenkt ebenfalls von neuem unsere Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit derselben. Wir haben im Sommer dieses Jahres den Bericht der J. C. A. für das Jahr 1902 in extenso veröffentlicht und schon damals uns Vorbehalten, auf denselben noch einmal ausführlich zurückzukomiuen. Die J. C. A. besteht nunmehr seit acht Jahren. Sie hat sich, wenn man den Rapport, den sie vor der letzten Generalversammlung herausgegeben, aufmerksam durchlieft, zu einem weitverzweigten Unternehmer! entwickelt. In 200 Rubriken dieses Berichts tverden fast ebenso viele über vier Erdteile zerstreute Unternehmungen behandelt, bei denen die J. C. A. mehr oder weniger stark beteiligt ist. Manche von diesen Unternehmungen sind Millionengeschäfte, wie sie nur wenige große Aktiengesellschaften betreiben können, aber selbst die geringeren unter ihnen sind immerhin noch bedeutsam genug, um einen Wohltätigkeitsverein vollauf in Anspruch zu nehrnen. Wir haben schon damals hervorgehoben, daß die Unternehmungen der J. C. A. an zwei Fehlern kranken, nämlich an dem Mangel an geeigneten Kolonisten und noch mehr an passendem Beamtenpersonal. Beiden Mißständen kann man nicht durch Geld allein abhelsen. sondern vor allem durch einsichtige und umsichtige Verwaltung. Als Baron Hirsch seine Kolonien gründete, wurden 8500 russische Juden nach Argentinien übersührt. Nachdem die ungeeignetsten entfernt waren, schmolz die Zahl bis auf viertausend Seelen zusannnen. Heute ist die Bevvlkerungszahl der Kolonisten auf 7847 gestiegen. Aber das ist doch nur eine sehrkleine Zahl im Verhältnis zu den Kosten, die sich ans jährlich 350 000 Dollar belaufen. Ein solcher Apparat, um eine Bevölkerung von 7500 Seelen zu erhalten, existiert wohl in der ganzen Welt nicht mehr. Die Zentrale in Buenos-Aires beansprucht allein von dieser Summe ca. 73 000 Dollar. Und rvenn dieser Verwaltungsapparat ivenigsteus noch gut funktionierte! Aus dem Bericht des Direktors Dr. Sonn enfeld aber, der die Kolonien besucht hat, erfahren wir, daß die Direktion in Buenos- Aires zu brrreankratisch sei, das; ihre Verbindungen mit den einzelnen Kolonien sehr lose, daß einige der Administratoren auf den Kolonien sich für selbständig halten und wenig um die Anordnungen der Zentrale kümmern und endlich, daß die meisten Beamten keine Juden seien. Durch diese mangelhafte Organisation des Verwaltungsapparats ist großer Schaden verursacht worden, der kaum wieder gut zu machen ist, denn die Ausgaben müssen doch von den Kolonisten bezahlt werden und die Schuldenlast derselben hat sich dadurch bis ins Enorme gesteigert. Das ist der eine Mangel. Eng hängt damit zusammen ein zweiter Fehler, der nämlich, daß die Kolonisation der Provinz Entre-Rios unablässig fortgesetzt,daß die Banterrains immer erweitert werden, während e8 doch feststeht, daß keine Provinz ungeeigneter ist als diese, in der die Ernte bald von der Dürre vernichtet, bald vom Regen erdrückt wird. Selbst die genügsamen Italiener und die tüchtigen Deutschen können es dort nicht lange aushalten. Und gerade dorthin hat man den größten Teil der Kolonien verlegt. Anstatt nun den Fehler einzusehen und in anderen Gegenden Terrain zu kaufen, werden immer neue Organisationsversuche gemacht, um den dortigen Kolonisten, welche sich sehr unglücklich fühlen, ökonomisch aufzuhelsen — aber es ist eben alles vergeblich. Aller Fleiß hilft nicht gegen eine schlechte Verwaltung und ein noch schlechteres Klima. Diesen traurigen Tatsachen stehen freilich andere erfreulichere gegenüber, die wir bereits in dein oben erwähnten Bericht hervorgehoben haben. Um so dringender erscheint aber die Pflicht der Zentralverwaltung, den gerügten Mißständen Abhilfe zu schaffen und den fleißigen Arbeitern den Weg zu ebnen. Die Zahl der Kolonisten muß erheblich vergrößert werden. Hunderttansende rnssischer Juden warten auf die Möglichkeit der Auswanderung. Tausende von ihnen wollen gern Bauern werden, und wir alle haben die Pflicht, ihnen bei diesem Bestreben zu helfen. Denn je mehr sie sich diesem produktiven Berufe zuwenden, desto mehr erleichtert sich die Last, die auf die westeuropäischen Juden vom Osten drückt und die, wie wir ans dem Aussatz des Herrn Rechtsanwalts Dr. Meher in der heutigen Nnmrner ersehen, bereits Aeußerungen des Umoillens und der Verstimmung Hervorrufen, die wirzwar nicht zu teilen vermögen, weil erfahrungsgemäß der Strom der Auswanderung weit über Deutschland hinaus fernen Ländern sich zuwendet, die wir aber doch verstehen, weil sie von der bangen Sorge um die Zukunft der deutschen Judenheit eingegeben sind. Die Männer, denen die Verwaltung der J. C. A. unterstellt ist, sind hervorragend tüchtig und pflichttreu. Einzelne unter ihnen haben einen weiten Blick und wahrhaft praktischen Sinn für die Bedürfnisse der Zeit und für die Unternehmungen der Gesellschaft. Woher kommt es nun, daß das Werk trotzdem nicht den Fortgang nimmt, den es eigentlich nehmen

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