Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Petenten abschlägig. Der hiesige Regierungspräsident verfügte indessen, daß die Verschiebung zu erfolgen habe. Gegen diese Verfügung des Regierungspräsidenten wendet sich nun der Herr Landrat im „Oelser Kreisblatt". Er seht den Lesern desselben auseinander, daß sich die Bevölkerung allmählich daran gewöhnt habe, daß die Mutzelmärkte stets am 1. Oktober stattfinden. Weiter erzählt er, wie die jüdischen Kaufleute von Oels und Bernstadt, welche die Verlegung vom 1. auf den 2. Oktober forderten, von ihm abschlägig beschieden wurden. Dann fährt Gras v. Kospoth fort: „Nach Bekanntgabe meines ablehnenden Standpunktes, welchem sich der königliche Herr Landrat zu Groß-Warteuberg in einem Bescheid auf ein an ihn gerichtetes gleiches Gesuch angeschlossen hat, wandten sich die Antragsteller im Verein mit den gleichen Interessenten in einigen Städten benachbarter Kreise an den königlichen Herrn Regierungspräsidenten zu Breslau, welcher die sämtlichen beteiligten Landräte dienstlich anwies, die von ihm verfügte Verlegung des Vermietstages aus den 2. Oktober dieses Jahres bekannt zu machen. In dem ich dieser Weisung meiner Vorgesetzten Dienstbehörde hierdurch pflichtmäßig Folge leiste, habe ich es doch für erforderlich erachtet, die Gründe für meine entgegengesetzte Stellung zu dieser Frage — auch mit Rücksicht auf die politischen Zustände im hiesigen Wahlkreise an dieser Stelle amtlich bekannt zu geben, um ersichtlich zu machers, daß keine bloße Willkür ihr zu gründe liegt." Das ist, wie man sielst, eine direkte Polemik des Herrn Landrats gegen den Regierungspräsidenten. i'. Magdeburg, 4. Oktober. Der Vorstand der Shnagogeugemeinde hat an nnsern verehrten Herrn Rabbiner Dr. Rahmer, der nach 42 Jahren unermüdlicher Wirksamkeit zum erstenmal die Feiertage fern von Gemeinde und Kanzel in Karlsbad verleben muß, das nachfolgende beide Teile ehrende Schreibell gerichtet: „Hochverehrter Herr Rabbiner! Zum erstenmal in Ihrem langen, segensreichen Wirken verleben Sie die hohen Festtage fern von Ihrer Gemeinde. Ihren Worten zu lauschen, an Ihren Predigten uils zu erbauen, wird uns nicht vergönnt fein, unsere Wünsche Ihnen mülldlich darzubringen, ist llns versagt. Empfangen Sie deshalb, verehrter Herr Doktor, diese unsere herzlichsten Glück- und Segenswünsche zu den bevorstehenden Rosch Haselwnok-Tagen auf urkundlichem Wege. Mag Ihnen, verehrter Herr Rabbiner, das ist unser erster und illnigster Wunsch, durch Gottes Gnade volle Gesundheit und neue Kraft zn teil werden, und mag Jhnell und Ihrem Hause ein frohes und glückliches Jahr beschieden sein! Der Vorstand der Shnagogengemeinde zu Magdeburg." Möge Herr Dr. Rahmer an den Quellen des Heils seine Gesuildheit wiedererlangen, um seine reiche geistige Kraft lloch lange den Interessen des Judentums widmen zu können. --- Halberstadt, 2. Oktober. Vor einiger Zeit ist hier zur Pflege der Geselligteit ein Verein „Casino" gegründet worden, deni bereits jetzt über fünfzig jüdische Familien beigetreten sind. Der Vereill, der in das Vereinsregister des kölliglichen Amtsgerichts eingetragen ist, läßt jetzt mit einem Kostenaufwand von ca. 120 000 Mark all bester Lage ein Vereinshaus errichten, das nicht nur die Klubräuule, sonderll auch große schöne Räume für die hiesige Berend Lehmann- Loge, einen Saal für den etwa 80 Mitglieder zählenden Verein jüdischer junger Kaufleute, ferner ein öffentliches Restaurant mit einem 230 Quadratmeter großen Festsaal, eine Kegelbahll usw. enthalten lvird. Die Fertigstellung des Hauses, an dem fleißig gearbeitet wird, erwartet man zum nächsten Frühjahr und läßt sich bereits jetzt beurteilen, daß das Gebäude mit der wundervollen Fassade ein Schmuck ulld eine Zierde für die Stadt werden lvird. Einem tüchtigen Wirt würde sich hier Gelegenheit zll einer voraussichtlich sehr guten Existenz bieten und verweisen wir in dieser Beziehung aus das in Nr. 39 enthaltene Inserat. L. Stuttgart, 2. Oktober. Geheimer Kommerzienrat Dr. Kiliarr v. Steiner, einer der hervorragendsten und hochverdientesten Männer Süddeutschlands, ist, wie bereits gemeldet, in seinem 69. Lebensjahre im Katharinenhospital, wo er sich kürzlich einer anfangs gut verlaufenen Operation unterzog, an eineul hinzugetretenen Schlaganfall gestorben. Weite Kreise nehmen den innigsten Anteil an dem schweren Verlust, den außer der zahlreichen Familie und seine Heimatgemeinden Stuttgart, Laupheim und Niedernau, auch die gesamte deutsche Finanzwelt, der Handel und die Industrie Württembergs, deren hervorragendster und angesehenster Vertreter und Förderer er gewesen ist, erlitten haben. Geradezu staunenswert war die Intelligenz und Tatkraft des seltenen Mannes. der sich vom einfachell Rechtsanlvalt zum Führer des Finanz-, Handelsülld Jndustriewesens in und außerhalb Württembergs emporgeschwungen hat. Seine erste größere Schöpfung war die Gründung der zn hohem Ansehen gelangten Württembergischen Vereinsbank, welcher er bis zuletzt seine Kräfte widmete (zuerst als Direktor, danil als Vorsitzender des Aufsichtsrats). Für die ganze indllstrielle Entwicklulig Süddeutschlands, speziell Württembergs, war seine zielbewußte, reich gesegnete Tätigkeit von hervorragender Bedeutung. So war er. lange bevor in Amerika der Trnstgedanke auskam, schon für rationellen Zusammenschluß verwandter Betriebe. Die Kombination der Württembergischen Vereinsbank mit der Württembergischen Bankanstalt, die Gründung der Badischen Anilin- und Sodafabrikvereinigung, der Zusammenschluß der vereinigten Filzfabriken in Giengen, der Verein deutscher Oelfabriken in Mannheim sind auf seine Initiative znrückzuführen.' Auch die Gründung der Württembergischen Notenbank (1871) ist Steiners Werk. Bei einer großen Allzahl von vornehmen Bank- und Industrie-Unternehmen wirkte er als Vorsitzender oder Mitglied des Aufsichtsrats, so außer bei den genannten Jnstitllten noch bei der Deutschen Bank, dem Wiener Bankverein. bei der Deutschen Waffell- und Munitionsfabrik Berlin- Karlsruhe, Waffenfabrik Mauser, Köln-Rottweiler Pulverfabrik, Deutschen Vereinsbank, Deutschen Effekten- und Wechselbank, Rheinischen Creditbank, Mannheim u. a. m. Trotz der Riesenlast, die auf den Schultern des Verblicheneir ruhte, fand er immer noch Zeit, sich den Idealen des Lebens zuznwenden, Kunst und Wissenschaft zn pflegen und den sozialen Pflichten gerecht zu werden. Irr Niedernau, seinem herrlichen Sommersitz, fanden stets Künstler ulld Schriftsteller gastliche und liebellswürdige Aufnahme. Seine hochsinnige Gattin, eine geborene Bacher aus Hechiugen, stand ihm in seinen idealen Bestrebungen mit Eifer und Sachkellntnis zur Seite, namentlich auch in der reid&en Entfaltung ausgebreiteter Wohltätigkeit unter den Armen und Bedürftigen ohne Unterschied der Konfession. Die Bauern der ganzen Umgegend betrachteten den Besitzer und seine Familie wie gottgesandte Helfer in der Not. Steiner wurde Ehrenbürger des Dorfes! Bert hold Auerbach, der intime Freund der Steiuerschen Faulilie, brachte manchen Sommer bei derselben in dem waldumkränzten gastlichen Hause zu. Dort besuchte ihn Schreiber dieses zuletzt im Jahre 1879. (Siehe Allgem. Zeitung des Judentums Nummer 9 vom 28. Februar 1902: „Ein Nachmittag bei Berthold Auerbach.") In den letztell Jahren hielt sich Steiner mehr in seinem Geburtsort Laupheim auf, wo er aus seinem Schloßgut Groß- Laupheiln — für die Landwirtschaft lleue Wege suchend — eine landwirtschaftliche Musteranstalt errichtete. Er erhielt 1901 die landwirtschaftliche Verdienstmedaille. Bemerkenswert war seine Schill er--' Verehrung. Er half den Schwäbischen Schiller-Verein und das Schiller-Museum zu Marbach gründen, welch letzterem er reiche Znwendullgell an materiellen Mitteln, feltenen Manuskripten, Büchern und Originalbriefen machte. Marbach ernannte ihn deshalb zum Ehrenbürger. Bei all dem lebte der merkwürdige Mann bescheiden und zurückgezogen. Als Ehrenritter des Ordens der württembergischen Krone wurde ihm der persönliche Adel verliehen. Der König ließ sofort nach Bekanntwerden der Todesnachricht den Hinterbliebenen seine „aufrichtige Teilnahme" aussprechen. Vom politischen Leben hielt sich Steiner fast ganz fern. Er half zwar im Jahre 1866 die nationalliberale (deutsche) Partei gründen und war mit ganzem Herzen bei ihr; aber er war zu bescheiden, eine führende Rolle spielen zn wollen. Dagegen galt er als ein Verfechter des Freihandelprinzips und hat mit in diesem Sinne, als Preußen mit Frankreich einen Handelsvertrag schloß, damals auf die schutzzöllnerisch gesinnten Südstaaten einzuwirken verstanden, so daß der gefährdete Zollverein intakt geblieben ist. Das war der erste große Erfolg Steiners. — In den letzten Jahren hielt sich der Verblichene dem öffentlichen Leben fast ganz fern. Er widmete seine Kraft hauptsächlich den von ihm ins Leben gerufenen Instituten und daneben mit seiner Gattin einer ausgebreiteten Wohltätigkeit in und außerhalb der Familie, bei Juden und Christen, in allen Ständen und Klassen. So hat sich der Verklärte durch sein segensreiches Wirken ein ewiges Denkmal gesetzt! Ehre seinem Andenken! — Die Beisetzung hätte sich zweifellos zu einer großartigen Trauerkundgebung gestaltet, wenn der Verewigte nicht selbst noch kurz vor seinem Tode den ganz bestimmten Wunsch ausgesprochen hätte, es möchte ihm nur ein ganz enger Kreis von Freunden das letzte Geleite geben. So waren denn die Trauer-