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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-09 · Heft 41 (9.10.1903) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 feierlichkeiten einfach und schlicht, wie es dem Sinne des Entschlafenen entsprach. Der bekannte Nationalökonom Prof. Gustav Schmoller hielt eine Ansprache, in der er ein Charakterbild von dem Leben des dahingeschiedenen edlen Mannes entwarf und in begeisterten Worten hervorhob, daß Steiner ein Genie in des Wortes voller Bedeutung und einer der bedeutendsten Männer der Finanzwelt Deutschlands gewesen sei. Ganz besonders aber rühmte der Redner die Kunst des Verewigten, bei großen Finauzfragen unter den oftmals verschiedenen Ansichten der Beratungsteilnehmer Klarheit zu schaffen und feinen Ratschlägen Geltung zu verschaffen. Volle Würdigung sandeil auch die engen Beziehungen Steiners zur Kunst und Wissenschaft. — Unter der Fülle von Blumenspenden, die dem Verewigten als Zeichen der Liebe und Verehrung gespendet worden waren, befand sich auch ein Kranz des Königspaares. Gesterrelch-Nngsm. O Wien, 5. Oktober. Auf welche Weise die neuerdings so beliebt gewordenen Ritualmordmärchen entstehen, beweist eine Gerichtsverhandlung in Ku ttenberg (Böhmen) über eine — wäre es nicht so erschreckend traurig — urkomische Geschichte: Ende April dieses Jahres kam, wie schon öfter, die 15jährige Antonie Dvorak nach Humpoletz in die Wohnung des Lehrers Jakob Posamentir, um Tauben zu verkaufen. Zufälligerweise betrat sie anstatt die Küche, das Wohnzimmer des Lehrers, in dem gerade der 20jährige Sohn des Lehrers, ein Jurist, der an einer Verkrümmung des Rückgrates leidet, an einem Streckapparat Uebungen vornahm. Das Mädchen eilte fort und erzählte atemlos, daß im Zimmer des jüdischen Lehrers ein schwarzgekleideter Knabe hänge, ganz in Riemen eingewickelt und drei schwarzbärtige Juden halten ihn fest. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich nun im Orte das Gerücht von einem Ritualmorde und kurz darauf erschien in dem Hanse des Lehrers eine Gerichtskommission, bestehend aus dem Gerichtsadjunktell Dr. Valentin, dem Bürgermeister, Reichsratsabgeordneten Veevar, zwei Gendarmen und einenl Aktuarius, um Erhebungen zu pflegeil. Eine große Menschenmenge umstand das Haus. Der Lehrer führte die Kommission in das Zimmer, in dem sein Sohn die Gelenksübungen an dem Hängeapparat zeigte; da aber die kleine Dvorak behauptete, es sei ein anderer Knabe gewesen, durchsuchte die Konlmission das ganze Haus, um schließlich zur Ueberzeugung zu gelangen, daß sie mystifiziert worden sei. Wegen Verbreitung dieses unwahren ihn höchst gefährdeten Gerüchtes verklagte Lehrer Posamentir das Mädchen wegen Ehrenbeleidigung und die Staatsanwaltschaft erhob gegen dasselbe die Anklage wegen Verbreitung beunruhigender Gerüchte. Das Bezirksgericht Humpoletz verurteilte die Dvorak wegen Ehrenbeleidigung zu einer Woche Arrest. — Der Kaiser hat dem Vizepräsidenten der Union-Baugeseüschaft Robert Herzfelder das Osfizierskreuz des Franz Josef-Ordens und dem Bezirks- Obertierarzt in Podgorze, Siegmund Fertig, das goldelie Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. — Die Landes-Rabbi nerschule in Budapest versendet soeben ihren Bericht für das Schuljahr 1902/03. Demselben geht eine grundgelehrte und gediegene Abhandlung von Professor Dr. Bacher „Aus dem Wörterbuche Tanchum Jeruschalmis nebst einem Allhange über beit sprachlichen Charakter des Maimünischen Wsehue Thora“ voran. Der Bericht selbst gedenkt der am 8. Oktober v. I. stattgehabten Feier des 25 jährigen Bestehens der Anstalt und teilt sodann mit, daß zwei Hörer nach Abschluß ihrer Studien entlassen wurden, von denen einer als Prediger und Religionslehrer nach S.-A.-Ujehely, der zweite als Rabbiner nach Szentes berufen wordell ist. Die' obere Abteilung wurde von 17. die untere (Gymnasial-Kursus) voll 70 Hörern besucht. Für den Ez Chajim (Stipendien)-Verein gingen 17 814,90 Kronen (davon Jahresbeiträge 3497, Synagogen-Spenderr 1743, Zinsen 6861 Kronen rc.) ein; verausgabt wurden 16 615,46 Kronen. — Am 22. v. M. ist hier der frühere Sekretär des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Moritz Amster, der auch ein begabter Poet «lld fleißiger Schriftsteller war, nach schweren Leiden gestorben. Ihm folgte am 24. v.M. ein nicht weniger fleißiger hebräischer Dichter und Schriftsteller Jacob Fischer, der eill Alter von 81 Jahren erreicht hat. — Einen schweren Verlust erleidet die hiesige Gemeinde durch das so unerwartete Hinscheiden des Vorstandsmitgliedes Arthur Edler von Mises, der nach einer Operation plötzlich verschieden ist. Ehre seinem Andenken! — In dem galizischen Städtchen Strzeliska Nowa bei Bobrka entstand am Versöhnungslage in der Synagoge auf die Nachricht, daß im Orte Feuer ausgebrochen sei, eine furchtbare Panik. Hunderte von Frauen, die auf der Galerie beteten, stürzten zum Ausgang. In dem engen Treppenhause fielen sie haufenweise aufeinander und verrammelten die Ausgangstür mit ihren Körpern. Um Raum zu schaffen. mußte eille Zwischenwand im ersten Stockwerk der Synagoge niedergerissen werden. Drei Frauen sind tot. vier lebensgefährlich verletzt, viele andere erlitten gerillgere Verletzungen. Schweden. — Malmö, 2. Oktober. Kurz vor Jahresschluß am 28. v. M. fand die feierliche Einweihung unsrer neu erbauten Synagoge statt. Es ist ein prachtvoller lnonumentaler Bau mit einer in der Mitte hochragenden Kuppel, umgeben von vier kleinen Kuppeln und bildet eine der schönstell Zierde unserer Stadt. Die Einweihungsfeier, zu welcher Glaubellsgenossen von Nah und Fern, die Vertreter aller zu Malmö gehörenden Filialgemeillden herbeieilten, nahm eitlen glänzenden Verlauf. Von den Honoratioren der Stadt bemerkten wir, um nur einige zu llennen, den Landshöfdillg (Oberpräsident), die Vorsitzenden der Stadt und des Genleinderates, v. Bendt und v. Dieben, die Direktoren der Gymnasien, die evangelische und katholische Geistlichkeit. Als Vertreter der Gemeinde Kopenhagen waren erschienen der ehemalige Oberrabbiner Professor Dr. Simonsen, der gegenwärtige Oberrabbilier Dr. Levensteill, Mitglieder des Vorstalldes, denen sich eine stattliche Zahl von Gemeindemitgliedern angereiht. Die Feier beganll mit „Ma tauwo“, welches von Kantor Hurwitz mit schöller Stimme und Chorbegleitung stimmungsvoll vorgetragen wurde. Hierauf bestieg Professor Simoilsen die Kallzel lmd hielt eine geistvolle tief durchdachte Betrachtulig über die symbolische Bedeutung des „Ner tomid“, welches der Redner mit einem Dank- und Segensspruche anzündete. Es lvurde hiernach Ps. Kap. 84 gesungen, worauf Herr Rabbiner Dr. Wohlstein die Einweihullgsrede hielt, die sich durch Formschönheit und Ideenreichtum auszeichnete. Den Text derselben bildete das Wort Jesaias: „Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Völker." Unter Zugrllndelegung dieses Propheteuwortes behandelte der Redner das Thema: Das Gotteshaus im Dienste des Judentums und der Humanität. Nachdem der Redner das Gebet für König und Vaterland verrichtet und die Volkshylnue gespielt lvurde, betrat Herr Oberrabbiner Dr. Levenstein aus Kopenhagen die Kanzel und ermahnte mit einer Glut der Begeisterung, die zündend wirkte, die Gemeinde, den Idealen des Judentums allezeit treu zu bleiben. Damit schloß die erhebende Feier, die aus alle Teilnehmer einen tiefen unauslöschlichen Eindruck machte. Von MH und ssern. ----- Der geschäftssührende Ausschuß des „Hilfsvereins der deutschen Juden" hat fernere 50 000 Mark für die Opfer der Exzesse in Homel bewilligt und die verwandten Organisationen ausgefordert, seinem Beispiele zu folgen. — Dr. Moritz Kandt-Berlin wurde an Stelle des verstorbenen Syndikus Hirschberg von der Handelskammer zu Bromberg zu ihrem Syndikus gewählt. — Zum Magistratsmitglied und stellvertretenden Bürgermeister in Schönsee ist der Kaufmann Mendelsohn gewählt und bestätigt worden.— In Halberstadt fcmb am 20. v. M. die Eimveihung der renovierten Synagoge statt. In der Eröffnungsrede wies Rabbiner Dr. Auerbach auf das fast 200jährige Bestehen der Gemeinde hin. — Auf Antrag der israelitischen Hauswirte der politischen Gemeinde Wickede, Amt Brackel, hat die königliche Regierung vom 1. Oktober d. I. ab die Ausschulung dieser Hauslvirte ans der israelitischen Schulgemeinde Unna angeordnet und dieselben der evangelischen Schulgemeinde Wickede zugewiesen. Schon seit Jahren sandten die israelitischen Eingesessenen in Wickede ihre schulpflichtigen Kinder in die evangelische Schule zu Wickede, mußten aber, weil sie zum Bezirk der israelitischen Schulgemeinde Unna gehörten, zur letzteren Gemeinde Steuern zahlen, obwohl sie keine Gegenleistung hatten. — Anläßlich der jüngsten Anwesenheit des Kaisers in Kassel ist der Bankier Gustav Plaut, Inhaber der Firma Mauer <L Plaut, zum Kommerzienrat ernannt worden. — Laut Mitteilungen der russischen Blätter hat in letzter Zeit die Auswanderung der Juden aus Wolhynien bedeutend zugenommen. Infolge der feindseligen Haltung der bäuerlichen Bevölkerung fühlen sich die Juden beunruhigt und greifen zum Wanderstabe Die Auswanderung geht vorwiegend nach Amerika. — Ein Erlaß des

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