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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-09 · Heft 41 (9.10.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 4L Berlin, 9. Oktober 1903 Der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentum^" korrrlpondrn?kn und Kachrichten. Deutschland. 2XL Berlin, 5. Oktober. Heute vor 100 Jahren, am 5. Oktober 1803, wurde Dr. Raphael Kosch. einer der Begründer der Fortschrittspartei, zu Lissa in Posen geboren, als Sohn jüdischer Eltern, die mit dem Knaben frühzeitig nach Königsberg i. Pr. übersiedelten, wo Kosch das Gymnasium besuchte, seine Studienzeit verlebte und dann' praktischer Arzt wurde. Als im Anfang der vierziger Jahre das politische Leben in ganz Deutschland erwachte und besonders in Königsberg einen Ausschwung nahm, war es Kosch, der mit seinen Berufskollegen Johann Jacoby und Falkson gemeinsam sich an die Spitze der freiheitlichen Bewegung stellte und besonders durch die Ereignisse des Jahres 1848 in eine führende Stellung gelangte. Am 15. März präsidierte er in einer Versammlung von etwa 80 angesehellen Personell aus Ost- und Westpreußen, in der eine von Jacoby entworfene Adresse an den König angellommen wurde, die alles das verlangte, was einige Tage später durch die Berliner Revolution erreicht schien, weshalb dann statt jener Adresse an den König eine Dankadresse an die Berliller Bürgerschaft abging, die Kosch als Sprecher einer Deputation am 31. März dem Magistrat und den Stadtverordneten von Berlin überreichte. Dann kanr er als Abgeordneter sür Königsberg zur Nationalversammlung, deren erster Vizepräsident er wurde. Später hielt er sich ein Jahrzehnt lang, in den Jahren der Reaktion, vom politischen Leben fern, wurde aber im Jahre 1861, nach Begründung der deutschen Fortschrittspartei, von Königsberg in ben Landtag gesandt, den: er bis 511 feinem Tode angehörte. Er war lange Jahre hindurch Vorsitzender der Geschäftsordnnngskommission. Mit besonderem Interesse nahm sich Kosch während seiner parlamentarischen Tätigkeit seiner Glaubensgenossen und der Verteidigung ihrer Rechte an, lind „feine edle Persönlichkeit hat", so heißt es in einem Nekrologe Koschs. „wesentlich dazu beigetragen, dern Anspruch auf politische Gleichberechtigung des Judentums auch da eine Stätte zu bereiten, wo die Vorurteile einer überwundenen Zeit am längsten festgehalten zu werden pflegen". Kosch starb am 27. März 1872 in Berlin. Als er im Februar erkrankte, nahm ihn. der uilvermählt gebliebell lvar, sein Freund und Parteigenosse Max v. Forckenbeck in sein Haus. Später aber mußte, da der Zustalid sich verschlimnlerte, die Uebersührung in das jüdische Krankenhaus erfolgen, wo er starb. Die jüdische Gemeinde veranstaltete in der Neuen Synagoge eine Trauerseier, bei der nach Dr. Abraham Geiger, der langjährige Freund und Parteigenosse Koschs, Dr. Löwe-Calbe, der ihn auch in seiner Krankheit behandelt hatte, sprachen. Dann wurde die Leiche nach Königsberg übergeführt, wo Dr. Kosch nicht nur als Arzt sehr beliebt gewesen, sondern auch in der Stadtverordnetenversammlung lange Jahre gewirkt hatte und wo seinen Namen heilte noch ein Waisenhaus trägt, zu dessen Begründung er die Mittel hinterlassen hatte. S\- Berlin, 4. Oktober. Seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde sind zu den diesjährigen Festtagen elf Filial-Gottesdienste veranstaltet worden, welche ca. 22000 Plätze enthielten. Mit den fünf ständigen Gemeinde-Synagogen (circa 8000 Stellen) war demnach nahezu 30000 Betern Andachtsgelegenheit geboten. Die Kosten dürften 50000 Mark überschreiten gegen ca. 39 000 Mark im Vorjahre. Welch' ein Stab von Predigern (15), Vorbetern. Choristen rc. aufgeboten lverden mußte, läßt sich denken. Auch die Zahl der Jugend-Gottesdienste ist wesentlich vermehrt worden; biefelben fanden in sechs Sälen statt. Es wäre von Interesse, eine Statistik der Synagogenbesucher in Berlin an den hohen Festtagen zu veranstalten. Man brauchte bloß zu ben oben genannten Zahlen die über die andern Gemeinden und Privatgottesdienste zu sammeln, was gewiß nicht allzuschwer sein dürfte. Nach einer ungefähren Schätzung besuchen mehr als 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Berlin am Versöhnungstage ein Gotteshaus — ein Prozentsatz, der wohl kaum in irgend einer andern Gemeinde Europas erreicht, geschweige denn übertrosfen wird. GD Berlin, 4. Oktober. Anläßlich des Versöhnungstages fand wie üblich auch am 1. d. M. im Evangelischen Vereinshaufe eine „religiöse Versammlung" der Judenmission statt. Das klingt nun zwar unglaublich, aber es ist wahr. Die Versammlung, in welcher die bekannten Judenlnissionare Pastor Herzka-Posen, Geifert und Bieling sprachen, war von Christen und Inden gut besucht. Hören wir, was ein antisemitisches Blatt darüber zu berichten weiß: „Während Pastor Bieling nur von der christlichen und jüdischen Religion im allgemeinen sprach, bemühten sich die beiden Erstgenannten aus Leibeskräften, die anwesenden Juden davon zu überzeugen, daß ihr Seelenhecl einzig und allein gerettet würde, wenn sie zur christlichen Religion üverträten. Anscheinend hatten sie mit dieser Allsicht bei den anwesenden „lieben jüdischen Schwestern und Brüdern" wenig Glück; denn man sah verschiedene ungläubig lächelnde Gesichter, worüber Herr Pastor Herzka sich tiefgekränkt beklagte. Zum Schluß wurde noch auf die neue Kapelle der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Jltden" in der Kastanien-Allee hiugewiesen, in der selbstverständlich christlicher Gottesdienst abgehalten würde, jedoch, wie betont wurde, so, dpß „dem jüdischen Geist und dem jüdischen Empfinden nach Möglichkeit Rechnung getragen werde." Mit anderen Worten, es wird von den Herren Judenbekehrern dort so gepredigt, wie es den „lieben jüdischen Schwestern itnb Brüdern" am angenehmsten ist. llitb nach diesem Rezept lvurde auch in der Versammlung verfahren." — Der Spott, mit dem das Antisenütenblattvon seinem Standpunkt aus die Herren Missionare verfolgt, ist in diesem Falle llur zu berechtigt. Berlin, 6. Oktober. Graf Pückler-Kl.-Tschirne, über dessen Festungshaft in Danzig jetzt wieder die abenteuerlichsten Geschichten durch die Blätter gehen, wird heute lvieder vor Gericht, diesmal vor der ersten Strafkammer des Landgerichts II, erscheinen. Es handelt sich um einen Punkt aus dem großen Pückler-Prozeß, der Ende November v. I. vor der lieunten Strafkammer des Landgerichts I verhandelt lvorden ist. In jenem Prozeß lvaren auch mehrere jüdische Einwohner Glogaus als Nebenkläger aufgetreten, die sich durch die Ausführungen des Grafen Pückter über seine Suppenvergiftungsaffäre beleidigt fühlten. In diesem Punkte war Graf Pückler aus formellem Grunde freigesprochen worden, weil der Gerichtshof nicht der Meinung war, daß bei jener Anklage ein Anschluß der Nebenkläger gestattet sei. Das Reichsgericht hat sich in dieser Beziehung dcu juristischen Ausführungen des Strafkammerurteils nicht angeschlossen und, während im übrigen die von beiden Seiten eingelegten Revisionen verworfen worden sind, die Revision in diesem Punkte für berechtigt gehalten. Die Sache ist vom Reichsgericht an das Landgericht II verwiesen worden. — Königsberg i. Pr., 5. Oktober. Der Frauen verein zur 11 n t e r st ü tz u nQ israelitischer Witwen un d Waisen in Königsberg hat von dem Herrn Oberpräsidenten die Erlaubnis erhalten, in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 1. Dezember dieses Jahres bei den wohlhabenderen Bewohnern Königsbergs Gaben und Geschenke zu wohltätigen Zwecken einzusammeln. Ferner ist dem Verein die Genehmigung erteilt worden, mit den: von in ihm biefem Jahr geplanten Bazar eine öffentliche Verlosung von Handarbeiten und sonstigen kleinen Gebrauchsgegenständen zu verbinden. Dce Lose bürfen innerhalb der Stadt Königsberg vertriebeil lverden. — Rominten, 2. Oktober. Ein feierlicher Kaiser-Gedenkgottesdienst fand auch in diesem Jahre in der Synagoge zu Wystiten in Rußland gelegentlich der Wiederkehr des Tages statt, an lvelchem Kaiser Wilhelm das durch die furchtbare Brandkatastrophe im Jahre 1901 zerstörte russische Grenzstädtchen Wystiten persönlich besuchte und durch seine hochherzige Spende die Wiedererbauung des Ortes ermöglichen half. Der Rabbiner Niederland schilderte in seiner Predigt in berebten Worten die große Menschenfreundlichkeit und Gnade des Deutschell Kaisers und verrichtete zum Schluß für den Kaiser und den Zaren fromme Gebete. i. Breslou, 2. Oktober. Einige Interessenten aus Oels und Bern stabt hatten sich an den Landrat Grafen v. Kospoth mit der Bitte gewandt, den Mutzelmarkt mit Rücksicht aus den Versöhnungstag vom 1. auf den 2. Oktober zu verlegen. Der Landrat beschied die

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