Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 491 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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491 jetzt von Ungarn derlebeii. Da is ämol ä jidischer Geschäftsmann von sein Dorf in das nächste gegangen und mitten am Weg, in ä dichten Wald, fallt ihm Pletzlich ä Reiber mit ä Rewoliver an. 's Geld oder 's Leben! schreit der, und der Arme ^gebt ihm ganz erschrocken gleich sei' Briestasch'. Die Uhr her, schreit dann der Reiber, und er gebt ihm die auch. Dann verlangt er noch sein Ring, 's Kleingeld, und er muß ihm eins nach 'n andern geben. Wie er dann ganz ausgeraubt war, sagt er: Herr Reiberleben, jetzt hab'n Se mer alles weggenommen, nn feilt Se so gut und schießen Se mer — aber vorsichtig, daß mir nix g'schieht — ä Loch in mein Rock, damit se mer zu Haus glaube»r, daß ich wirklich ausgeraubt bin geivorden. Der Reiber schießt ihm gern das Loch in sei' Nock und der Mann verlangt dann, er soll ihm auf der anderen Seit' noch ä Loch schießeil und durch 'n Hut auch eins und dann noch ä Streifschuß an de Hosen vorbei. Der Reiber schießt eins uach'n andern, aber bei dem Streifschuß lacht er und sagt: Weiter geht's aber nicht, ich Hab' ka Kugel mehr! „Eso", sogt drauf der Jud und jetzt zieht er ä geladenen Rewolwer raus, „dann geben Se mer jetzt schnell alle meine Sachen zurick, sonst schieß' ich Ihnen wirklich nieder." In dieser Art und iit diesem Tempo ging es Stundenlang weiter. Welch' interessante, völkerpsychologische Beobachtungen kann man doch auf einer solchen Eisenbahnfahrt machen! An den Mann mit den Witzen, der in seiner Art wirklich ein Unicum und ein Ueberbleibsel aus halbvergangeuer Zeit war, mußte ich noch oft und lange denken. Dabei gingen mir die Worte Heines nicht ans dem Sinn: „Die jungen Juden schaden den Alten . . . Ich glaube: gäbe es keinen Juden mehr, und man tvüßte, es befände sich irgendwo ein Exemplar von diesem Volk, mail würde hundert Stunden reisen, um es zu sehen und ihm die Hände zu drücken — und jetzt weicht man uns aus!" 6. K. Litersrilche Mitteilungen. Festpredigten von Dr. I. Rosenberg, Rabbiner in Thorn. Verlag von I. Kaufmann, Frankfurt a. M. 1903. 140 Seiten. Diese Predigtsammlung will zunächst ein Erbauungsbuch für die Gemeinde sein, in der die Reden gehalten wurden. Auf die religiösen Bedürfnisse dieses Kreises ist denn auch vornehmlich Rücksicht genommen. Nirgends hat man das Gefühl, als dränge sich die theologische Gelehrsamkeit des Verfassers als Bibeldeuter oder Talmudausleger selbstgefällig vor. Immer ist weise Selbstbeschränkung geübt und auf die Interessensphäre der Hörer liebevoll eingegangen. Diese Reden sind nicht über die Köpfe der Andächtigen hinweg gehalten worden, sie müssen ihnen zu Herzen gegangen sein. Die edle Volkstümlichkeit und das seelsorgerische Taktgefühl, das sie bekunden, wird diesen Predigten auch außerhalb Thorns Freunde erwerben. Sonst gilt das Wort: „Bücher schreiben ist schwer, Bücher besprechen ist leicht." Predigten zu beurteilen ist aber zweifellos keine leichte Sache. Denn Predigten sind ihrer Natur nach Fragmente, und durch und durch individuell. Der eine wird mehr Wert legen auf das, was er sagt, der audere auf die Art, wie er es sagt, hier wird die gefällige Form, dort der gediegene Inhalt prävalieren. Der eine wird sich mehr an den Verstand, der andere mehr an das Gemüt wenden. Hier wird Drascha, Schrifterklärung, geboten und dort wird Tochacha die moralisch-religiöse Vermahnung bevorzugt. Das rechte Mahnen ist eine Kunst im Leben und auf der Kanzel. Schon bei den Alten hieß es: „Wie selten versteht einer recht zu ver- * mahnen." In diesen Predigten sind die Mahnungen häufig, aber immer eindringlich, niemals aufdringlich, mit feinem Verständnis für das, was nötig und erreichbar ist, immer gegenständlich und aktuell. Eine einfache, edle Sprache, die „wahr, würdig und würzig" ist, Klarheit und Ordnung in Ausbau und Ausbau der Gedanken, feine Bemerkungen und sinnige Midraschansührungeu werdell diesen Reden einen Platz in der homiletischen Literatur sichern. Muß es gesagt werden, daß es keine Parteipredigten sind? Es weht in ihnen eine milde Frömmigkeit: „Keine wilde, schwärmende Sinnesübermeisterung, Eine milde, wärmende, währende Begeisterung." Besonders gut gelungen sind „Der Abschiedsgruß der Feste", „Der Scheidegruß" zu Neila und „Das jüdische Herz" zu Pesach. Ben Beeri. — Predigten von Dr. Isidor Hirsch, Rabbiner und Prediger in Karolineutal bei Prag. Prag, 1903. Jakob B. Brandeis. Die vierte Nummer der vorliegenden Sammlung von 30 Predigten hat die Ueberschrift „Väter und Söhne" und man könnte der ganzen Sammlung diesen Titel geben. Die Darstellung des Verhältnisses zwischen Vätern und Söhnen, das heißt zwischen der Vergangenheit und Gegenwart charakterisiert diese Predigten. Das ist der ihnen eigentümliche Ton und gibt ihnen einen hervorragenden Platz in der Predigtliteratur. Es wird^ost gefragt, welche Bedeutung der Rabbiner innerhalb der modernen Zeitverhältnisse habe und ob er noch in Wahrheit der religiöse Lehrer seiner Gemeinde sei. Die vorliegenden Predigten beweisen, daß er es noch heute sein kann und ist, wenn er nur den richtigen Einblick in die modernen Verhältnisse hat und genügend religiöse Begeisterung und genügend Wissen und Geist besitzt, um .klar zu machen, daß gerade das moderne Judentum der alten religiösen Wahrheiten nicht entraten kann. Hirsch ist ein solcher Prediger ttub darum rückt er auch unerschrocken allen Zeitfragen an den Leib,^zum Beispiel Rathenaus Impressionen, der Judennot und dem Judenhaß, der Bibel- und Babelfrage. Hirsch belehrt seine Gemeinde und die Hörer seiner Predigten, wie solche Fragen richtig zu behandeln sind. Aber auch dort, wo es sich um allgemeine Wahrheiten und Dinge handelt, wie Pietät. Wohltätigkeit, Gottesdienst, Verehrung der Thora. Kindererziehung und anderes weiß Hirsch die alten Wahrheiten in ein neues und schönes Gewand zu kleiden und in jedem Satze erkennt man den Manu, der aus beut Vollem schöpft und bei dem die modernen Anschauungen und religiösen Wahrheiten und Gefühle ein harmonisches Ganzes bilden. Da ist alles geklärt und abgeklärt, eindringlich wirkend durch das gemütvolle, milde Wort, bezwingend durch die logische Erörterung. Referent hat selten Predigten gelesen, die so wenig nach Salbung riechen wie die Hirschschen und doch so gänzlich frei vom trockenen Kathederton sind. Die angeführten Midraschim erscheinen durch die Deututtg neu, modern und man meint oft, der Midrasch wäre auch ein Kind unserer Zeit. Das ist die Kunst, die Stimmung des Midrasch wie ein Leitmotiv zu behandeln, daß der Leser sich ernstlich fragt, ob nicht die Midraschlehrer dasselbe sagen wollten, freilich mit etwas andern Worten, denn Hirsch ist nicht nur ein Meister des Wortes, sondern auch des Stils, weil er in jeder Predigt tticht nur etwas sagen will, sondern auch zu sagen hat. S. --- Biblische Lesestücke II. Jesaia von Dr. M. David, Bochum, Selbstverlag. 1903. Nachdem meine vor drei Monaten erschienene Schrift „Biblische Lesestücke I", AmoS und Hosea, freundliche Aufnahme und Beurteilung gefunden, ging ich sogleich'an die Bearbeitung des zweiten Heftes, das den geschichtlich nächstfolgenden Propheten Jesaia behandelt. Die Art der Behandlung geschah nach denselben Grundsätzen, die ich bereits im ersten Hefte befolgte: Anordnutlg der Reden möglichst nach der, historischen Reihenfolge, Auslassung der Reden, die einen schon vorhnrdenen Gedankenkreis wiederholen und variieren, Auslassung der den Zusammenhang störenden Interpolationen, und vor allem fließende Uebersetzung. Jeder Rede geht eine Ueberschrift uub .^ausführliche Inhaltsangabe voraus, die durch kleineren Druck sich von der Rede selbst abhebt. Realien werden durch Fußnoten kurz erklärt. So erhielt das Büchlein folgende Komposition. Nach eitler Einleitung, die Leben 'und Bedeutung des Propheten behandeln, folgen 10 Abschnitte. 1. Die Berufung Jesaias zum Propheten (Kap. 6). 2. Der Tag des Herrn (Kap. 2—4). 3. Das Lied vom Weinberg (Kap. 5). 4. Der syrisch-ephraimitische.Krieg (Kap. 7 und 8). 5. Zusamenbruch.des assyrischen Weltreichs und Aufbau des messianischen Gottesreichs (Kap. 10—12). 6. Der Untergang Sonnarias, Warnung an Juda (Tempelrede, Kap. 28). 7. Jesaia warnt durch eine symbolische Handlung vor einem Bündnis mit Aegypten (Kap. 20). 8. Gegen das ägyptische Bündnis (Kap. 30). 9. Die Rettung Jerusalems (Kap. 36 bis 39 übereinstimmend mit