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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-09 · Heft 41 (9.10.1903) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 490 (sequence 12)
Language
German
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490 In Lrr Heimat. IH. Wem Gott die rechte Gnade gibt, Den läßt er bei den Seinen, Denn schöner als der Heimat Glanz Kann keine Sonne scheinen. ir aber leuchtete die vielbesungene Sonne von Austerlitz. „Endlich einmal ein bekaiinter Name." Denn daß jemand von Austerlitz nichts wisse, ist doch kaum zu glauben. Nur in Austerlitz selbst wissen" sie nichts davon. Ich bin durch das ganze Städtchen nnd vor die Stadt nach allen Richtungen gelaufen — aber weder von einem Schlachtfeld, »och auch von einem Denkstein habe ich auch nur das Geringste bemerkt. Endlich sah ich an dem alten Rathause eine Tafel — aber diese war dem Andenken des Historikers Franz Palacky gewidmet, der sich um die Weckung des tschechischen Nationalgefühls so große Verdienste erworben und der deshalb natürlich hier viel mehr gilt als Napoleon. Erst der brave Wenzelsritter, der mich in dem schönen Schlosse, das aus einer kleinen Höhe malerisch die Stadt krönt, herumführte, wußte etwas von „Napvlium." Er zeigte mir das Gemach mit den barocken Nokokomöbelu, den kostbaren Gobelins und den verblaßten, in schweren Goldrahmen hängenden Bildern, in dem Napoleon nach der großen Dreikaiserschlacht vom 2. Dezember 1805 geschlafen hat. Nichts weniger als ein Prunkgemach war die Stube, in welcher in jener Nacht des Schreckens der Rabbiner von Austerlitz geschlafen oder auch nicht geschlafen hat. Ich habe mir auch dieses Stübchen angesehen. Denn hier wohnte mein Urgroßvater. Und daß der mir mindestens so interessant ist wie Napoleon, wird mir selbst der eingefleischteste Bonapartist nicht verübeln. Er war voll 1806 bis 1846 Rabbiner zu Austerlitz und hieß Gerson Buchheim. In der Sprache der Gasse heißt er noch heute Reb Gerschon Austerlitz. Und noch heute weiß man von dem Manne dort zu singen lind zu sagen. Bon seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, von seinem Geist und Witz. Schade, daß ich mit dem Namen nicht wenigstens auch die letztere Eigenschaft von ihm geerbt habe! Das Stübchen hat aber noch eine andere und höhere Bedeutung für mich. Denn hier wurde an einem Sonnnermorgen des Jahres 1822 mein seliger Vater geboren. Er war der Lieblingsenkel des Urgroßvaters, und dieser bestimmte natürlich auch ihn zum Rabbiner. Als mein Vater zu 24 Jahren die Stelle in dem kleinen Eiwanowitz erhielt und bald darauf seine Cousine heimführte, da ließ es sich der achtzigjährige Mann nicht nehmen, die Trauung seiner beiden geliebten Enkelkinder selbst zu vollziehen. Er reiste nach Eiwanowitz, erkrankte aber daselbst, und so mußte der Trauhimmel vor dem Fenster seines Krankenzimmers aufgestellt werden. Von seiliem Krankenlager ails segnete er das Brautpaar. Bald darauf verschlimmerte sich sein Zustand in bedenklicher Weise, und vierzehn Tage später — am 30. Dezember 1846 — starb er daselbst. Nach seinem Tode entspann sich ein Prozeß zwischen ben beiden Gemeinden der wirklich eine besondere Schilderung verdiente, um die Zustände der guten alten Zeit zu charakterisieren. Die Austerlitzer forderten ungestüm die Herausgabe der Leiche, die Eiwanowitzer verweigerten dies — wie mir scheint, mit Recht. Es kam mm zu einer Verhandlung vor dem sogenannten Grundamte. Die Austerlitzer hatten zu ihreni Fürsprecher den gelehrten und schlagfertigen Rabbiner Jacob Brüll — den Vater von Nehemias und Adolf Brüll aus Kojetein — gewählt. Der Amtmann fragte nun den Sachwalter der Austerlitzer Gemeinde, wo nach seiner Meinung der selige Rabbiner zu begraben sei? „Buchheim habe in Austerlitz gewirkt, er müsse daher dort begraben werden," war die richtige Antwort. Da traten die Eiwanowitzer vor und erinnerten den ehrwürdigeil Mann an einen Vorgang ans den letzten Jahren, der ebenfalls in die Geschichte meiner Familie hineingehört. Als mein Großvater. Rabbiner Lazar Karpeles, im Bade zu Trenczin gestorben war, hatte ihm Jacob Brüll in der Synagoge zu Eiwanolvitz die Gedächtnisrede gehalten. Null war aber Brüll durchaus kein Mann, der Znckerwasser liebte Ulld süße Redensarten. Im Gegenteil: Er lvar ehrlich, weise, offen, mutig und — derb. Und so sagte er den verblüfften Eiwanvwitzern in seiner Predigt gerade heraus: Es sei fast eine göttliche Fügung zu nennen, daß ihr Rabbiner in der Fremde gestorben sei, denn sie wären wahrlich nicht würdig, einen solchen Mann ans ihrem Gottesacker zu begraben! An diesen Vorgang erinnerten sie jetzt selbst den Fürsprecher der Austerlitzer Gemeinde und auch daran, wie diese Gemeinde zuletzt sich gegen ihren Führer benommen habe. Das gab den Ausschlag und Brüll erklärte ihneil nun freimütig: „Ihr habt Recht!" So ist denn mein Urgroßvater, wie es heißt — auch nach eigenem Wunsch — auf dem Gottesacker in Eiwanowitz zur letzten Ruhe bestattet worden. Doch ich biete hier meinen geduldigen Lesern vielleicht zu viel von Familiengeschichten. Freilich wachsen diese, wie in dem erwähnten Prozeß, durch ihre kulturgeschichtliche Bedeutung über den engeren Nahmen der Familienchronik hinaus; gleichwohl möchte ich aber doch lieber etwas von den Witzen und „Wörtchen" meines Urahns erzähleil. Aber hieran hindert mich der Dialekt. Oder vielmehr die nicht zu überwindenden Schwierigkeiten, die die Wiedergabe desselben für einen — Gott sei Dank! — deutschen Leserkreis bieten würden. Und auch uvch andere Faktoren treten hindernd in den Weg. Hauptsächlich das Verständnis für diese Witze. Hört man doch heute schon recht oft, wenn über die Zukunft des Judentums gesprochen wird, die bewegliche Klage, daß unsere Jugend nicht einmal einen jüdischen Witz inehr verstehe. Was soll daraus werden? Der Rabbiner einergroßen deutschen Gemeinde, in der aber die Kenntnis des Hebräischen (und damit auch die Erkenntnis des Judentums!) fast gänzlich ausgestorben, hat mir in allem Ernste erzählt: wenn er einen guten jüdischen Witz ans der Pfanne habe, müsse er zu seinen Kollegeil in die Nachbargemeinde reisen, da von seinen Balbatim kein Einziger mehr einen svlcheii verstehe. Nun meine ich allerdings nicht etiva mit Herrn Slldermann, daß die Zukunft des Judentums mit der Erhaltung des jüdischen Witzes zusammenhänge, aber der Gedankengang, ans dein jene Klage hervorgeht, ist mehr als begreiflich, wenn man daran denkt, welche Macht der jüdische Witz einmal gewesen ist. Der alte Saphir sagte sehr treffend: Weil mari die Judeil von jedem andern Waffendienst ausgeschlossen, wurden sie Offiziere in der Armee des Witzes. Es liegt ein tiefer Sinn in diesem Scherzwort. Mit einem solchen „Offizier" fuhr ich auch von Austerlitz zurück. Im Nebenberuf war er Fellhändler. Aber seiii Humor hätte zwei Witzblätter bequem versorgen können. Und um seine Sprichwörtersammlnng hätte ihil Karl Simrock vielleicht beneidet. Für alles, was uns begegnete, hatte er sein Wörtchen. Und zu jeder Bemerkung seines Coupö-Genosseu wußte er einen Witz zu erzählen, über den alle lachten,;bis auf einen Mann, der sichtlich in keinem Sinne zu uns gehörte. Das Gespräch gelangte natürlich auch auf die hohe Woge der Politik. Und da waren es vor allem die ungarischen Wirren, die die Leute im Coupö am meisten interessierten. Sofort lvar mein Nachbar mit seinem Wörtchen zur Hand- „Das erinnert mich an ä ReibergeschichU, die aber bester ausgegangen is, wie die Politischen Reibergeschichten, >vos inir

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