Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 489 (sequence 11)
- Language
- German
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489 so schwangen sich die Kronberger im XIV. und XV. Jahri hundert zu einem der angesehensten Geschlechter der Wetterau empor. Keine größere Fehde, kein Hoflager, wo nicht mindestens ein Kronberg genannt wird; auch unter den Aebten und Bischöfen Mitteldeutschlands findet sich mancher Sproß des immer mächtiger aufstrebenden Geschlechts. Die Quellen ihrer Macht aber blieben Geldgeschäfte im großen Stil und kluge Benutzung und Ausnutzung ihrer Schutzjuden, deren sie immer eine ungewöhnlich große Zahl hatten. Ein Meister in beiden Künsten war auch der bedeutendste Kronberger des XV. Jahrhunderts, Frank IX. (1371—1461) ein „gewaltiger Landerwerber", ivie ihn Ompteda nennt, und „der größte Finanzmann seines Geschlechtes." Es hätte für diese Darstellung, die aus guten Gründen auf das Verhältnis der Kronberger zu den Juden eingeht, sich aber auch ans dies Moment, das zur Sache gehört, beschränken will, keinen Zweck, wollt' ich berichten, was alles er zusammenscharrte; nur ein Geschäft, bei dem Frank als Spiritus roetor diente, fei verzeichnet. Bischof Konrad 111. von Mainz (1419—36) ließ die Juden in etwa einem Dutzend seiner Städte gleichzeitig gefangen setzen uud nahm all ihr Hab und Gut in Beschlag. Nach den Urkunden, welche die Geplünderten dann ausstellen mußten, tat der Erzbischof dies „um argwohne und Unwillen, so er um sache willen, die ihn dazu bewegeten, gie (gegen) uns gewonnen hatte" — also aus gar keinem rechtlichen oder auch nur irgend greifbaren Grunde. Verständlich aber wird das Verfahren des Erzbischofs, wenn mail erfährt, welchen Ausgang die Sache genommen. In jener Urkunde verzichten sie aus jeden Schadenersatz und erhalten ihre liegende Habe zurück — ihr baares Gold- und Silbergeld aber behält der Erzbischof . .. „Das war die damalige Form der Zwangsailleihe", fügt Ompteda erläuternd hinzu. Unter allen diesen Urkunden aber steht der Name Frank IX. als „Zeugen"; er war der Anzettler und Leiter des ganzen sauberen Handels . . . Die Zeiten wandelten sich: das Antlitz der Welt wurde ein anderes, das Deutschland des XVI. Jahrhunderts glich kaum mehr in einem Zuge dem der früheren, aber den Kronbergern blieben Glück, Besitz und Ansehen treu. Zwei von ihnen gehörten zu den bekanntesten Männern Deutschlands in Luthers Tagen. Der Eine, der Deutschmeister und Ordenskomtur Walter XI. (1479—1543) als Anhänger des Papstes, der andere, sein Vetter Hartmnt XII. (1488—1549) als Vorkämpfer der Reformation. Zunächst der Gefolgsmann feines Vetters Franz von Sickingen und Ulrich von Huttens Waffengefährte, teilte er Ruhm und Beute des Herrn der Ebernburg, dann aber sein Schicksal; 1522 sagten ihm Trier, Knrpfalz und Hessen Fehde an, weil er den Landfrieden gebrochen; Schloß und Stadt Kronberg fielen in ihre Hände. In Worms, wohin er sich nun wandte, vertauschte Hartmut, in enger brieflicher Fühlung mit Luther, das Schwert mit der Feder und veröffentlichte eine Reihe von Traktaten zu gunsten der neuen Lehre, die in ihrer derben Volkstümlichkeit viel Anklang fanden. Als „Hartmut der Bekenner" mm nsi weitesten Kreisen bekannt geworden, Theologe und Politiker, Feldherr und Diplomat in einer Person, bald auf Franz I. von Frankreich gestützt, bald wieder in Fühlung mit Karl V., betrieb er die Wiedereinsetzung in seinen Besitz, bis sie erkämpft war. An Mitteln hierzu fehlte es ihm nicht, da er über die, für jene Zeit riesige Mitgift seiner Gemahlin und den größten Teil des eigenen Besitzes verfügte. Der Streit mit jenen drei Verbündeten war natürlich viel weniger eine Rechts-, als eine Macht frage, und es ist für die Position der Kronberger in jenen Tagen bezeichnend, daß Hartmut schließlich über alle drei siegte. Noch eh' ihm dies gelungen war, trat in seiner Familie ein Ereignis ein, das weit über Deutschlands Grenzen hinaus ungeheures Aufsehen und Entsetzen weckte. Ein europäischer Skandal. Eine Tochter dieses Stammes, eine Schwester dieses Mannes war die Liebste eines Juden geworden und mit ihm geflohen! * * Die Heldin dieser rätselhaftesten aller Liebesgeschichten war Lorichia Walburga von Kronberg, verwitwete von Dalberg, ihr Erwählter der Jude Jakob aus Groß-Gerau, einem Städtchen, das damals dem Landgrafen von Heffen untertan war. Nehnien wir an, wir hörten heute, im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts, von einem solchen Bündnisse der Tochter eines regierenden deutschen Hauses — und sei es das kleinste — mit einem durch Talent, Besitz, körperliche Eigenschaften hervorragenden Juden, wir wären fassungslos vor Staunen und würden sicherlich gespannt nach den näheren Umständen fragen, die dies Wunder bewirkten. Denn die Kluft, die mich in unseren Tagen die deutsche Fürstentochter von dem Manne jüdischen Stammes und Glaubens scheidet, ist noch immer so breit und tief gerissen, daß Flügel dazu zu gehören scheinen, über sie hintvegznkommen. Wie aber erst vor vierhundert Jahren? Die Kronberg wie die Dalberg waren reichsunmittelbare, also regierende Familien, freilich nur „Reichsritter", aber aus eigener Wahl; beide hätten längst beit Grafentitel haben können — er war den Kronberg wie den Dalberg wiederholt angeboteu, den Kronberg einmal bereits verliehen, — wenn sie nicht begreiflicherweise vorgezogen hätten, lieber die ältesten und mächtigsten Ritter, als die jüngsten Grasen im Reich zu sein. Beide Familien gehörten 311 den reichsten und mächtigsten Westdeutschlands und standen damals im Zenith ihres Ansehens; daß der Bruder Lorichias, Hartmut XII. damals zeitweilig ans seiner Starnmburg verjagt war, ist, ivie bereits betont, ein Umstand ohne Bedeutung für die Beurteilung der Machtstellung des Geschlechts; übrigens erhielt er ja kurz darauf auch seine Burg zurück. Beide Falnilien nahmen damals eine Stellung ein, mit der die eines kleinen regierenden Herrn unserer Tage, sagen wir z. B. des Fürsten von Waldeck, gar nicht zu vergleichen ist. Sie waren viel mächtiger, viel unabhängiger. Und noch Eins will erwogen sein; es ist wahrlich nicht das geringste, im Gegenteil, als psychologischer Moment gemessen, vielleicht das wichtigste. Lorichia von Kronberg wuchs in einer Gegend auf, in der es von Juden wimmelte, als Tochter eines Geschlechts, das die Inden so taxierte, so behandelte, wie oben dargelegtwurde. Undals sie sich einemDalbergvermählte, wechselte sie ja nur den Namen, nicht die Landschaft, nicht die geistige Atmosphäre. Der Jude war auch ihr, seit sie denken konnte, ein Paria, lediglich deshalb auf die Welt gesetzt, um von ihresgleichen beraubt, getreten, verabscheut zu werden. Und dennoch gab sie sich einem Juden hin, verließ lim seinetnüllen die Heimat und die Kinder und floh mit ihn: ins sichere Verderben. Wer dies alles erwägt, wird mir nachfühlen, mit welcher Spannung ich die Quellen nach einer Erklärung dieses Rätsels durchforschte. Was hatte Lorichia in die Arme des Juden Jakob getrieben? Direkt sagen die Quellen nichts darüber. Wie Lorichia von Dalberg den Juden Jakob kennen gelernt, ivodurch er ihr Herz gewonnen, erfahreil wir nicht. In beiden also, psychologisch betrachtet, den wichtigsten Punkten in diesem Liebeshandel, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Ganz ohne Anhaltspunkte bleiben ivir dabei freilich nicht, wenn wir zusammenfaffen, was uns über die beiden Menschen überhaupt mit Sicherheit überliefert wird. (Fortsetzung folgt.)