Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 487 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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487 den Sitzungsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften (Jahrg. 1902, Seite 1093s.) von Ulrich von Wilamowitz neu herausgegeben und mit einer kurzen Notiz eingeleitet worden. Wie Professor vor». Wilamowitz mit Recht hervorhebt, erweist der neugefundene Stein in erster Linie, daß die Juden bereits unter Ptolemäus Euergetes I. (247—222), dem dritten König der Dynastie, in einem Vorort Alexandrias eine Gemeinde bildeten und für dieselbe eine Synagoge errichten konnten. Wir haben damit einen wertvollen Beleg für die bisher meist bezweifelte Tatsache, daß die Juden schon in den ersten Zeiten des Ptolemäerregimentes größere Ansiedlungen in Aegypten gebildet haben und hier zu einem selbständigen Gemeindeleben gelangt sind. Zu welch glänzender und in ihrer Art im Altertum einzig dastehenden Entfaltung diese Ansiedlungen gediehen sind, ist bekannt — haben doch die Juden, wie in dieser Zeitschrift gelegentlich ausgeführt wurde'), sogar im ägyptischen Heerwesen der Ptoleinäerzeit eine hervorragende Rolle gespielt. So sehr unsere Inschrift, in der auch die — phonetische? — Schreibung ’iovääoi statt ’iovScäoi bemerkenswert ist, in historischer Hinsicht Beachtung verdient, so ivenig beweist sie für die religiöse Entwicklung des Judentums oder, besser gesagt, für die religiösen Strömungen im Judentum. Zwar will Herr von Wilamowitz aus der Tatsache, daß die Juden in Schedia „ihr Bethaus zu grinsten des Königs der Völker" weihten, einen Beleg dafür entnehmen, daß hier „ein Barbarengott sich hellenisiere." Diese Schlußfolgerung ist jedoch grundfalsch. Die Weihung des Gotteshauses für den König und die Königin, beziehungsweise für das Wohl des Königspaares, ist nichts als eine Konzession an die landesüblichen Sitten, die mit dem Wesen der Religion nichts zu tun hat. Die Verehrung für die Person des Landesherrn ist uralte Tradition in der Geschichte des jüdischen Volkes; wie noch heute in den Synagogen für das Wohlergehen des Monarchen Gebete gesprochen werden, so ist es im Ptolemäerreich vor 2000 Jahren urrd wieder Jahrhunderte zurück in den Tagen des Kyros nicht anders gewesen. Ein Symptom für die Hellenisierung der religiösen Anschauungen des Judentums kann man demnach in der Dedikation der Synagoge ine? ßaoittwg gewiß nicht erkennen. Gerade Ptolemäus Hl. Euergetes I. war ein Fürst, für dessen Wohlergehen seine jüdischen Untertanen mit gutem Grunde beten konnten. Josephus (contra ^pionem II 5) berichtet, daß der König nach seinen gewaltigen Siegen über den seleukidischen Rivalen dem Gotte Israels' in Jerusalem Dankopfer darbrachte. Man hat diese Notiz vornehm als Erfindung abgefertigt (Willrich, Inden und Griechen 36ff.): der Stein von Schedia lehrt an sie glauben und in der Kritik der Ueberlieferung vorsichtiger sein. Derselbe Gelehrte erklärt (S. 151) ohne Bedenken: „Zur Zeit des Euergetes I. hat es in Aegypten ebensowenig Synagogen gegeben wie sonst irgendwo." Jetzt wissen wir, daß tatsächlich schon unter diesem König jüdische Gotteshäuser in Aegypten bestanden haben. Und nicht allein, daß Euergetes die Errichtung von Synagogen auf dem Boden seines Reiches gestattete: er selbst hat aus eigener Initiative seineri jüdischen Untertanen Bethäuser gegründet. Die neugefundene Inschrift macht es nämlich wahrscheinlich, daß eine andere, längst bekannte Bauinschrift, die einen Ptolemäus Euergetes als Erbauer einer Synagoge nennt, aus der Zeit des ersten Euergetes stamme. Diese Jnschrist — von Wilamowitz nicht erwähnt — befindet sich auf einer Alabasterplatte, die in Unterägypten gesunden und nach Berlin in das königliche Museum gebracht wurde, wo sie sich gegenrvärtig befindet; ') Jahrgang 1902, Seite 618ff. auch sie dürfte ursprürrglich alexandrinischer Provenienz sein. Der Wortlaut derselben ist folgender: ßaaöiaayg xctl ßaoi- ).img nooüTatclviwv kvtI xyg itQOtivuxHlievyg tiiql xyg ava&eotwg xyg TtQOOfvyyg n'/.axog y vnoytypa/t/ih-y smyQcupyxw. Baoikevg HzoXe/xalog Ev- (Qysxyg xyv xiQoaevyyv uavbov. Regina et rex iusser(un)t. In deutscher Uebertragung lautet dieser unkorrekte und vermutlich von einem Nichtgriechen konzipierte Text: „Auf Befehl der Königin und des Königs soll an die Stelle der früheren Jnschrifttafel in betreff der Weihung des Gotteshauses die folgende treten: ,König Ptolemäus Euergetes weiht das Gotteshaus und Asyl/ Befehl der Königin und des Königs." Das Königspaar, das die Inschrift des Ptolemäerfürsten auf der von ihm gestifteten Synagoge restaurieren ließ, verrät uns seine Namen nicht,' sodaß wir bezüglich derselben auf das Erraten angewiesen sind. Einen Fingerzeig gibt uns, daß der griechischen eine lateinische Aufschrift beigegeben ist, ferner, daß die Buchstabenformen in eine späte, aber noch nicht barbarische Zeit weisen, endlich, daß die Königin vor dem König genannt wird, demnach wohl die Mutter desselben war. Auf Grund dieser Indizien hat Mommsen mit dem ihm eigenen divinatorischen Scharfsirrn sofort die allein Anschein nach richtigen Namen in Vorschlag gebracht: Zenobia und ihren Sohn Waballathus. Wir wissen, daß die berühmte Königin von Palmyra im Namen ihres Sohnes auch über Aegypten herrschte; es ist ferner wohlbekannt, daß sie die Traditionen der heimischen ptolemäischen Dynastie den römischen Eindringlingen und Unterdrückern gegenüber zu neuem Leben zu erwecken suchte und deshalb ihre eigene Herkunft von Kleopatra, dem letzten Sprößling des großen Hauses, ableitete. Endlich wissen wir durch talmudische Zeugnisse, daß Zenobia — eine freigeistige und hochgebildete Frau — Verbindungen mit dem Judentum suchte, die freilich von den Rabbinen meist schroff abgelehnt wurden. Nach all diesen Indizien werden wir kaum mehr daran zrveifeln, daß es die merkwürdige Araberkönigin war, die, um ihre ägyptischen Untertanen jüdischen Glaubens für sich zu gewinnen, eine von Ptolemäus Euergetes gegründete Synagoge neu stiftete. Welcher von den beideir Ptolemäern, die de» Beinamen Euergetes führen, — ob Euergetes der Erste (247—222) oder der Zweite (146—117) — der Erbauer dieses Gotteshauses gewesen ist, wußte man bisher nicht mit Sicherheit zu sagen. Die Inschrift von Schedia fällt jetzt sehr dafür ins Gewicht, daß wir auch hier an den ersten Euergetes zu denken haben. Wenn dieser König selbst seinen jüdischen Untertanen Gotteshäuser errichtete und diesen zugleich das Asylrecht verlieh, so vermag man daraus zu erkennen, welch großen Wert er auf die gute Gesinnung der Juden in seinem Lande legte. Und dies war nicht allein die persönliche Willensmeinung des hochgebildeten Fürsten, sondern auch das Ergebnis politischer Erwägungen: denn neben den unbotmäßigen Mazedoniern und den unzuverlässigen Aegyptern waren die Juden ein schwer in der Wagschale fallendes Element der Bevölkerung. In nicht geringer Zahl müssen damals und späterhin unter ptolemäischer Herrschaft Synagogen in Aegypten erstanden sein. Außer den beiden citierten Bauinschriften von Bethäusern ist uns noch eine dritte erhalten, die den Polizeihauptmann {intaxäxyg x<Sv ipvAcrxcxmj Ptolemäus, Sohn des