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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-09 · Heft 41 (9.10.1903) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 486 (sequence 8)
Language
German
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486 sondern diese Züge sind das tranrige Resultat der schwierigen historischen Lebensbedingnngen, unter welchen die Juden jahrhundertelang eingeschlossen und gedrückt worden sind. Würde man dein Judentum für die Zukunft hin ein mehr brüderliches und von Liebe erfülltes Entgegenkommen zeigen, das heißt, würden sich die Christen, ihm gegenüber als wahre Christen verhalten, so würde sich alles, ich bin davon überzeugt, bedeutend zum Bessern ändern. Eine sittliche Atmosphäre müßte die polnische Judenheit von außen her erwärmen; sie würde dann, zweifelsohne, auch selbst wärmer und weicher werden. Ich erlebte einmal eine sehr interessante Geschichte. Mit einem guten Bekannten fuhr ich von Venedig über die Schweiz heim, nach Rußland. In Luzern hielten wir uns einen Tag auf und gingen abends ins Kurhaus, um dort die russischen Zeitungen zu lesen. Wir blieben dort bis um halb zwölf Uhr des Nachts. Als wir dann auf die Straße hinaustraten, regnete es etwas, und deswegen blieben wir an der Treppe stehen und überlegten uns, ob wir den Regen abwarten oder ob wir gehen sollten. Am Treppenaufgang stand in gebückter Haltung ein etwa 16—17jähriger junger Mensch von hübschem, intelligentem Aussehen. Wir schritteil die Treppe hinab und gingen weiter. Als wir an dem Jungen vorübergingen, konnte ich nicht umhin, ineinem Begleiter auf russisch zu bemerken: „Sehen Sie doch hin, was ein liebes uird kluges Gesicht!" Der Junge lächelte auf einmal und ging uns nach. Ich machte eine halbe Wendung und sagte: „Sollte er es wirklich verstehen?" „Ja ivvhl, ich verstehe," antwortete der Junge mit leichtem jüdisch-polnischen Aeceut. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr so seine traurige Geschichte. Er war ein jüdischer Gymnasiast, der in die Arbeiterbewegung hineingeraten ist. Er wurde desivegen aus der Schule ausgeschlossen. Außerdem hat ihm sein Vater das Haus verboten, weil er, wie er sich selbst ansdrückte, desseti Arbeiter zur „Revolte" aufgereizt hatte. Nun befand er sich hier, ohne einen Heller in der Tasche. Die letzten zwei Nächte verbrachte er auf freien Felde, eine davon unter strömendem Regen. Eilt tiefes Mitleid erfaßte mich beim Anhöreil dieser Geschichte. „Was gedenken Sie jetzt zu tun?" frng ich ihn. „Wenn ich nur bis nach Genf gelangen könnte. Dort könnte ich schon einigermaßen leben. Ich habe dort Bekannte, die mir beistehen würden." Ich hatte ma° italienische 100 Lire Noten bei mir, denn ich hatte noch keine Gelegenheit, mir schweizerisches Geld zu besorgen. Deswegen versprach ich ihm, ihm anr nächsten Tage eine Fahrkarte nach Genf zu lösen. Vorläufig gab ich ihm etwas über einen Frank für das Nachtlager und verwies ihn aus mein Hotel. Am nächsten Morgen kam er nicht. Ich wartete auf ihn bis ein Uhr mittags, dann fuhr ich weg. Ob mein armer Landsmann krank geworden ist, oder ob er durch die zwei schlaflosen Nächte ermattet, zu lange geschlafen hat — ich sah ihn nicht mehr wieder. Unsäglich schwer war es mir, von Luzern abzureisen. Mir war, als ob ich dort meinen eigenen, kranken Bruder einsam und verlassen zurückgelassen hätte. In etwa anderthalb Wochen war ich wieder in Rußland. Ich fuhr von Wirballen^ nach Kowno. Im Bahnhofsrestaurant lernte ich einen jüdischen Kaufmann aus Warschau kennen. Ich war darüber sehr erfreut, denn mein Junge war ebenfalls aus Warschau. „Wissen Sie nichts," frug ich ihn alsbald, „von jener Geschichte? Hörten Sie vielleicht etwas von einem Bater, der seinen Sohn aus dem Hause verjagt hat?" Ich erzählte ihm von meiner Begegnung. Der Jude wußte jedoch nichts davon. Ich bat ihn, etwas darüber zu erkunden und mich davon in Kenntnis zu setzen. „Wozu brauchen Sie das?" frug mich der Jude. „Mir tut der arme, in die Fremde verschleuderte Junge leid. Sobald ich die Adresse seines Vaters erfahre, so werde ich ihm schreiben oder ich werde selbst zu ihm hinfahren und werde ihm sagen: „Sie sind Jude und ich bin Russe: Sie sind Ihrem Glauben nach mosaisch und ich bin Christ, ich bin Ihnen fremd, ich bin aber draußen, weit in der Fremde Ihrem Sohne begegnet und ich habe Mitleid mit ihm. Ist es denn möglich, daß Sie sich als Vater seiner nicht erbarmen und ihm verzeihen?" Mein jüdischer Kaufmann erbebte: „Sie wollen das tun? Sie? Sie ein Russe, Christ, und wollen das wegen eines Juden, eines kleinen „schmutzigen" Juden tun?" „Nicht eines Juden wegen. Eines Menscheil wegeil, meines Bruders wegen," korrigierte ich ihn. „Aber er ist doch Jude!" sprach immer der Kaufmann. „Mensch," — entgegnete ich wiederum. Darauf ist der Jude ans mich zugekommeu und mit einer besonderen, von. Junen heraus klingenden Stimme sagte er zn mir: „Lassen Sie mich Sie küssen wie einen Bruder. Ich hätte Ihnen gerne die Hand geküßt, aber ich weiß, Sie werden mir das nicht erlauben." Während der ganzen Fahrt ist niir dieser jüdische Kansmann, ein Mann von etwa 40 bis 45 Jahren, in der eifrigsten Weise und in jeder Beziehung dienstbereit entgegengekommen. Wie er auch unter gewöhnlichen Verhältnissen gewesen sein mag, so bin ich überzeugt, daß er mir gegenüber niemals ein „Schid" gewesen wäre. Und darum, wenn man mir während meines einmonatlichen Aufenthalts in Galizien, das Judentunl oft in deli fürchterlichsten Farbeil geschildert hat, und wenn man mir später zu Hause dasselbe in Bezug auf unseren Westen wiederholt hat nnd man mir zum Vorwurf machte, daß ich zu naiv und zu gutherzig über das Judentum urteile, und zwar, weil ich mit den Juden uoch nicht persönlich in Berührung gekommen wäre — so antwortete ich überzeugt und sage es auch jetzt: Ich iveiß alles, gestehe gerne zu und finde, daß viele schwere Beschuldigungen gegen das Polnische Judentunl nicht ganz ungerecht seien. Schuld daran sind aber ebenso die Christen wie die Juden, und Abhülfe kann nicht durch Judenhetzen geschafft werden, sondern durch einen heißen und aufrichtigen Aufruf an die gesamte Menschheit, an Juden uild Nichtjuden, zuiil Kampf gegen die ewige Finsternis, gegen die Finsternis des Verstandes und des Herzens. Gegen die Finsternis gibt es nur eine Abhilfe — das ist das Licht, und das Böse im Menschen ist nur durch die Liebe zu bewältigen. Synagosenilllchrikten aus Alexandria. Von Ernst Buchheim. lu Schedia, einem Vororte von Alexandria, hat sich in jüngst vergangener Zeit eine Inschrift gefunden, die für die Geschichte der Juden in Aegypten von Interesse ist. Sie ■ lautet: vnbQ ßaadJajg lIzo?,£fiaiov xal ßaGi?J<jG7]g BtQEvlxriQ aöel- (pt(Q xal yvvaixcg xal XO)V T£XVÜ)V T?,V TtQOGiVyJiy ol ’lovöaoi. „Zum Heile des Königs Ptolemäus und der Königin Berenike, seiner Schwester und Gattin, und ihrer Kinder weihen die Juden das Bethaus." Die Inschrift, zuerst im Bulletin de la societe archeologique von Alexandria (Jahrgang 1902, Heft 4) ediert, ist in

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