Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 485 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Beweis hierfür gab die am Tage vor Jom Kipur stattgehabte Beerdigung, zu der viele hunderte von Leidtragenden sich eingefunden hatten. Nicht weniger als neun Redner legten am Grabe das Zeugnis ab von der Trauer, die alle Kreise ergriffen hatte. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Seligmann und er bezeichnet« Plotke als einen der edelsten Bürger Frankfurts und als einen der größten und besten Söhne des Gesamtjudentums. Justizrat Dr. Geiger sprach für den Anwaltsverein, Geheimer Negierungsrat Mayer (Karlsruhe) für die Israeliten Badens, Charles Hallgarten für die Jewish Colonisation Association und die Alliance israelite universelle, Landgerichtsrat Dr. S. Sommer für das israelitische Mädchenstift, Direktor Dr. Adler für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, die Herren Wisloch, Rechtsanwalt Dr. Blau und Herr Kahn (Cöln) für die Loge B'ne Brith. Eül reiches Leben ist dahingegangen, ein warmes Herz hat aufgehört zu schlagen, aber die Erinnerung an dieses Leben wird nicht vergehen, und der Name des teuren Toten gehört unsrer Geschichte an. Er aber ruhe in seligem Frieden! Ein jiidilchrs Königreich. Von G. S. Petrof. n. ein zufälliger Reisebegleiter, der polnische Gutsbesitzer, bestritt leidenschaftlich meine Ansichten über die Juden. „Sie verallgemeinern die Sache zu sehr," sagte er mir. „Es ist klar, daß wir alle keine Heiligen sind, und ich glaube nicht, daß man uns mit besonderer Ungeduld im Himmel erwartet, aber die jüdischen Fehler sind eben ganz besondere, rein jüdische Fehler. Denken Sie doch an die Goldgier des Juden, an seine Geschmeidigkeit und Durchtriebenheit, an leine Fähigkeit, sich überall dem Aal gleich durchzuschlängeln. Sehen Sie doch, wie er sich vor dem Starken beugt, und wie grob-frech er wird,'.sobald er sich seiner Macht bewußt wird. Denken Sie endlich an den Haß, von dem das Judentum zu allem Fremden durchdrungen ist, an seine überall zu schauende Abgeschiedenheit, Entfremdung und die vollständige Unfähigkeit, sich mit seiner Umgebung zu verschmelzen." „Das ist alles verständlich und leider natürlich," antwortete ich; „alles mußte aber unbedingt so kommen. Erinnern Sie sich doch daran, unter welchen Bedingungen das Judentum sich entwickelte und erzogen wurde. Was bekam es denn von seiner nächsten Umgebung zu sehen? Wie verhielten sich ihm gegenüber die Christen? Bis zur Hälfte des vorigen Jahrhunderts existierten ja noch in Rom, in Wien und anderen Städten Ghettos, abgesonderte Stadtviertel, in denen die Juden wie Verpestete zusammengedrängt worden sind, und von den anderen Stadtbewohnern von 9 Uhr abends bis morgens durch Gitter und Kettelt abgeschieden worden sind. Nehmen Sie einmal das friedfertigste Geschöpf, irgend ein zartes Kätzchen oder Hündchen, und versuchen Sie es zu hetzen. Es wird sicherlich wild werden, wird kratzen, beißen und immer gegen Sie böse sein. Die Juden wurden jahrhundertelang gehetzt. Es ist also kein Wunder, daß sich in ihrem Herzen oft Erbitterung angehäuft hat und daß diese Erbitterung zuweilen tiefe Wurzel geschlagen hat. Eine Krankheit dringt ja in den Körper zentnerweise und entweicht lotweise. Was nun das Zueinanderhalten der Juden, sowie ihre Herrschsucht bei Erlangung von Macht anbetrifft, so ist es lviederum das unumgängliche Resultat ihrer ewigen Bedrückung. Jedes Volk, jede Gemeinschaft oder Gesellschaft sucht, im Falle sie von außen bedrängt wird, einen Stützpunkt in sich selbst. Sie drängt enger zueinander. Die Juden bilden hiervon keine Ausnahme. Man drückt sie von außen und daruill finden sie sich enger zueinander und suchen, wenn sic sich unter Fremden befinden, diese auf ihre Weise zu überlisten und durch Klugheit zu bewältigen. Mau kann das Leben nicht zum Stillstand zwingen. Es sucht sich einen Ausgang, um von neuem zu erscheinen. Das durch einen Damm zurückgedrängte Wasser schlägt sich durch eine Spalte durch und kommt auf Umwegen wieder zum Vorschein. Wenn es aber den Damm durchbrochen hat, so beginnt es zu schäumen und zu brausen. So ist das Naturgesetz. So siud auch die Menschen. Wir wissen an uns selbst, wie der Mensch sich ändert, wenn er vom Knecht zum Herrn erhoben wird. Wenn man ein Krummholz lange Zeit nach einer Seite biegt und läßt es nachher frei, so wird es nicht in der Mitte stehen bleiben, ’ es wird nicht nur gerade werden, sondern es wird sich nach der entgegengesetzten Seite umbiegen. So ist auch der Meusch, sei er nun Jude oder nicht. Wenn man ihn lange Zeit nach unten biegt, so wird er bei Wiedererlangung seiner Freiheit und seiner entfesselten Kraft nach der entgegengesetzten Seite ausschlagen. Er wird sich nach oben verbiegen. Was nun das Geld anbetrifft, die Gier nach dem Groschen, so werde ich Ihnen zur Erklärung eine Stelle aus der lieblichen Erzählung der polnischen Schriftstellerin Maria Konopnika: „Mendel Gdanski" anführen. In dieser Erzählung unterhält sich der Jude Mendel, ein alter Buchbinder, mit einem christlichen Uhrmacher. Auf die Vorwürfe, welche dieser Uhrmacher den Juden macht, antwortet ihm Mendel folgendermaßen: „Der Herr sagt, daß für uns Juden das Geld alles bedeutet. Nun gut, das möge zugegeben werden. Aber weiß denn auch der Herr, warum? Der Herr weiß nicht warum? Der Herr glaubt, weil die Jüdchen schlau sind? Das ist aber ein Irrtum. Der Herr kennt doch jene Säule, die bei der Einfahrt in die Stadt steht? Wenn man nun auf dieser Säule die Ehre, hohen Ruhm, große Ehrungen, hohe Aemter und auch Geld hingelegt hätte, nun, so wäre mancher auf die Säule geklettert, um nach der Ehre zu greifen. Ein anderer hätte die Weisheit zu erlangen gesucht, ein dritter lviederum — die hohen Ehrungen oder den Ruhm. Es hätten sich auch manche eingefunden, die nach dem Geld gegriffen hätten, obwohl daneben auch etwas anderes zu finden wäre. Nu», wenn man auf diese Säule weder Ehre noch Ruhm oder Weisheit, souderu nur Geld hingelegt hätte, wonach hätten wohl dann die Menschen gegriffen? Wie denkt der Herr? Nach dem Gelds, nach nichts anderm hätten sie gegriffen. Nun, wie denkt der Herr darüber, >vas wohl auf unserer jüdischen Säule liegt? Nur das Geld. Nun, so greifen wir eben danach." In diesen Worten des alten Juden ist viel bittere Wahrheit enthalten. Der jahrhundertelang gehetzte Jude konnte seine einzige Kraft und Stütze nur im Gelds finden. Mit Hilfe des Geldes wurde es ihm leichter möglich, unter den Christen schnell und sicher seine Wünsche in Erfüllung zu bringen und sich vor Gefahrzu schützen. Und darum ging er ganz im Gelds auf. Nein — sagte ich zu meinem Reisebegleiter — viele unangenehme und dunkle Züge der Juden bilden keine organische Eigenheit, an der man sie von Natur aus von «lldern Menschen unterscheiden könne.