Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 484 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228569--60218-3296793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
484 sich in Haft. Die Zahl der Verhafteten vergrößert sich, da die Gerichtskammer diejenigen Angeklagten, die von den Untersuchungsrichtern gegen Bürgschaft in Freiheit gesetzt worden sind, wieder in Haft nimmt. Den würdigen Abschluß dieser Mitteilungen aus Rußland mögen zwei Sätze aus dem Festgruß des antisemitischen „Deutschen Volksblatts" zur Ankunft des Zaren in Wien machen. Dort heißt es wörtlich: „Noch ein anderes Moment sichert ihm die Sympathien des antisemitischen Wien. Seine Regierung kann als mustergültig für das Verhalten der höchsten Behörden gegenüber dem Judentum bezeichnet werden. . . . Die Wiener Bevölkerung weiß, was sie von den diesbezüglichen Klagen der Judenpresse zu halten hat; sie jubelt dem Zaren, als dem Haupt einer antisemitischen Regierung, eben deshalb um so lebhafter zu und bedauert nur, daß der Zar nur einen halben Tag in den Mauern unserer Stadt weilen kann." Hechlssnwslt Julius Klstke. Ein Nachruf von Benas Levy. ie Nachricht von dem Dahinscheiden Julius Plotke's hat nicht nur in Frankfurt am Main, sondern weit über die Grenzen dieser Stadt hinaus tiefe Trauer hervorgernfen. Ueberall in der Welt, wo arme Juden leiden, wird diese Trauer einen Widerhall finden, denn die Armen und Bedrängten haben einen wahrhaften Freund verloren. Er war ihnen ein Helfer in ihrer Not, ein Helfer, auf den sie sich jederzeit verlassen konnten, und der überall für sie eingetreten ist mit all' seiner Kraft und all' seinem Vermögen. Es ist ein tragisches Geschick, daß ein Mann wie Julius Plotke in „seines Lebenstages Mittag" — kaum 46 Jahre alt — der Menschheit und dem Judentum entrissen wurde. Der Verlust, den »vir durch seinen frühen Tod erlitten haben, ist um so herber, als es leider nur wenige Männer gibt, die so tatkräftig und einsichtig sind, wie es Julius Plotke gewesen ist. Was hätte er nicht noch alles den Seinen, seinen Freunden und Glaubensgenossen sein können — wenn Gott ihn uns länger gelassen hätte! Aber es hat nicht sollen sein! Einem heimtückischen Leiden ist er erlegen, alle ärztliche Kunst war vergeblich, und der blühende, von Kraft strotzende Mann wurde allzufrüh von dem Tode dahingerafft! An dem zweiten der Mittelseiertage des Laubhüttenfestes würde Julius Plotke sein sechsundvierzigstes Lebensjahr vollendet haben, und es ist wahrhaft erstaunlich, ivas er in der kurzen Lebensfrist zum Wohle seiner Glanbensgeirossen geleistet hat. Durch seinen scharfen Geist und vermöge seines tief empfindenden Herzens verstand er es, jeden für sich und seine philanthropischen Ziele zu gewinnen. Julius Plotke wurde in Borek (Provinz Posen) geboren, er besuchte das Gymnasium in Krotoschin und die Universität in Berlin. Als Referendar war er in Schweidnitz, Breslau und Limburg tätig und ließ sich als Rechtsanwalt in Bockenheim bei Frankfurt am Main vor 18 Jahren nieder. In der B'ne Brith Loge lenkte er zuerst die Aufmerksamkeit auf sich; seine zündenden, begeisternden Vorträge erregten Aufsehen und Plotke wurde zu den höchsten Würden in der Loge berufen. Durch sein vielseitiges Wissen, durch seinen praktischen Sinn, und durch seine Ueberzeugungstreue war Julius Plotke ein hervorragender, ja ausgezeichneter Vertreter allerjüdischen Interessen, und er hat diese bei jeder Gelegenheit mit Wärme und Geschick verfochten. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main berief ihn in den Vorstand, und mehr als zehn Jahre hat Plotke die Angelegenheiten der altehrwürdigen Gemeinde in umsichtiger Weis» gefördert. Und als Baron Hirsch gestorben war, und die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main zum Miterben eingesetzt hatte, da designierte der Vorstand einstimmig Julius Plotke als Vertreter uud Mitglied der Jewish Colonisation Association. Von dieser Zeit an wurde er einer der eifrigsten Mitarbeiter an dem großen Werke der Kolonisation, und Baronin Hirsch schenkte ihm unbegrenztes Vertrauen. Sobald Julius Plotke das Bittgesuch irgend eines Vereins oder irgend einer bedrängten Gesellschaft bei der Baronin Hirsch befürwortete, gewährte sie ohne weiteres die reichlichsten Unterstützungen. In dem Aufsichtsrat der J. C. A. sowie bei dem Vorstande der Alliance Israelit« Universelle genoß Plotke die höchste Wertschätzung. Seine Vorschläge waren stets so überzeugend und verrieten so viel Sachkenntnis und Klarheit, daß sie fast immer die Zustimmung seiner Kollegen fanden. Seine Arbeitsfreudigkeit kannte keine Grenzen und mit seinem klugen Rat förderte er in außerordentlicher Weise das große Unternehmen, den notleidenden Glaubensgenossen in Argentinien eine sichere Existenz zu schaffen. Als die Juden in Rumänien in ungerechter Weise von der Regierung bedrückt wurden, da empörte sich Plotke's Gerechtigkeitssinn. Er sammelte die Dokumente und erbrachte in einer Broschüre, betitelt: „Die rumänischen Juden unter dem Fürsten und König Karl" den vollgültigen Beweis, daß die rumänische Regierung die Gesetze nicht befolgt habe und den Juden ihres Landes bitteres Unrecht zufüge. Auch neuerdings, bei den Bersolgungen der Juden in Kischinew, erhob Plotke in einem fulminanten Artikel in der „Frankfurter Zeitung" seine warnende Stimme zu den Staaten, die flammenden Zeichen nicht zu übersehen, denn das Gift des Antisemitismus würde schließlich den Regierungen, die diese verderbliche Bewegung dulden, selbst den größten Schaden bringen. So stand Plotke stets auf der Warte; er beobachtete mit scharfem Blick alle Ereignisse, die den Horizont des Judentums verdunkelten, und sobald sie einen bedrohlichen Charakter annahmen, stellte er sich sofort au die Spitze jeder Hilfsaktion, die sich irgendwo bildete. Er half den ansgewiesenen russischen Juden, er unterstützte die rumänischen Glaubellsgenossen und widmeteseinebesondereFürsorge den kleinen jüdischen Gemeinden Deutschlands. Als Mitglied des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, sowie in der Bne Brith-Loge war Plotke unermüdlich tätig, die Lage der bedrängten kleinen Gemeinden zu verbessern, und seine Anregungen fandeil in dieseil Körperschaften stets einen günstigen Boden. Auf Plotke's Veranlassung soll eine Statistik der kleinen jüdischen Gemeinden zunächst in Hessen ausgenommen werden, um eine Uebersicht zu gewinnen, auf welche Art ihnen geholfen werden könne — und es ist zu hoffen, daß diese Erhebungen zu einem gedeihlicheil Resultat führen werden. Plotke förderte jede Bestrebung, die geeignet war, das kulturelle und sittliche Niveau unserer Glaubensgenossen zu heben, und er war als Vorstandsmitglied in der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem, in der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und in anderen Vereinen unermüdlich und erfolgreich tätig. Dabei aber war Julius Plotke ein vielbeschäftigter, tüchtiger Rechtsanwalt, dessen reiches juristisches Wissen nicht nur von seinen Klienten, sondern auch von seinen Kollegen anerkannt wurde. Im Jahre 1888 verlegte er seinen Wohnsitz von Bockenheim nach Frankfurt am Main, um die Stelle des nach Berlin berufenen Justizrats Rießer, als Associ« des dort hochangesehenen Justizrats Dr. S. Fuld einzunehinen. Er mußte bei dieser Gelegenheit das Notariat, welches ihm für Bockenheim verliehen war, abgeben, doch wurde ihm dieses im vorigen Jahre wieder übertragen.