Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 483 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Pinsk 2× ep/1045440
- Minsk 1× ep/1000754
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483 gefördert haben. Mail schreibt der „Neuen Freien Presse" aus Lemberg: „Die intensive antisemitische Bewegung, welche sich im benachbarteir Rußland geltend macht, hat auch bei uns ihre Reflexströmung hervorgerufen. Ein großer Teil der russischen Presse, mit der „Nowoje Wremja" cm der Spitze, predigt täglich flammenden Judenhaß und die ruthenischen Blätter Ostgaliziens schöpfen aus dieseil russischen Quellen. Diese Saat fällt ulnsomehr auf fruchtbaren Boden, als die ruthenische Propaganda seit langem. den galizischen Juden es sehr verübelt, daß sie bei allell Wahlen mit den Polen stimmen. Aus diesern Gesichtspunkte müssen jene Judenexzesse beurteilt werden, lvelche sich in den letzten Tagen in rascher Folge in Zablotow, Gwozdziec und Kulaczkowee abspielten, also in Orten, die fast ausschließlich von Ruthenen bewohnt sind. Aus der Art der bedauerlichen Ausschreitungen ist aber auch eine gemeinsame Hand erkennbar, denn vor allem ist in allen diesen drei denn doch nicht so nahe beieinander liegenden Ortschaften eine ueuliche einheitliche Form der Inszenierung deutlich erkennbar. Ein Bauer tritt in die Handlung eines Juden, verlangt eine Ware, eignet sich dieselbe an und versucht das Lokal zu verlassen, ohne den Kaufpreis zu bezahlen. Der Jude läßt sich dies nicht gefallen und verteidigt sein Eigentum; der Bauer erhebt Geschrei, ruft Genossen herbei, der jüdische Händler wird blutig mißhandelt. Dieser Vorgang hat sich in allen drei Orten wiederholt und daran knüpften sich auch Ausschreitungen gegen ganz unbeteiligte Juden. Alle diese Fälle habell eine höchst gefährliche Gährung gegen die Juden in der Bauernbevölkerung erzeugt. Nach jedem Exzeße gegen die Juden taucht ein Agitator auf, welcher die Unterweisungen gibt, wie sich die Bauern vor den Behörden verteidigen und wie sie alle Schuld auf die Juden wälzen können. Eine Beruhigung gewährt allerdings die Energie, mit welcher der jetzige Landeschef dieser gefährlichen Belvegung begegnet. Die Ausführung seiner Verfügungen liegt aber in den Händen der Lokalbehörden, und diese haben sich in den alten Kurs um so inniger eingelebt, als er ihren eigenen Neigungen und Anschanungen näher liegt." * Das Hauptinteresse der Woche konzentriert sich leider auch diesmal auf Rußland. Wie sich allmählich herausstellt, waren die Unruhen in Homel doch viel größer, als man bisher gewußt hat. Von zuverlässiger Seite wird berichtet: „Man schätzt 500 bis 600 demolierte jüdische Häuser und Wohnungen und gegen 50 schwerverwuudete Juden, vou denen gewiß noch mehrere ihren Wunden erliegen dürften. Leichtverwundet sind sehr viele, eine Schätzung ist unmöglich, da die meisten die Hilfe von Aerzteu und Heilgehilfen gar nicht in Allspruch nahmen. Ganz llllerklärlieh ist, warum sowohl Schutzmanllschaft wie Militär llicht gegen die Unruhestifter vorging. Es zirkulieren die seltsamstell Gerüchte. Zunächst soll sich das Militär, das tags zllvor nur iit einer Stärke von vierhundert Malln alls dem Lager voll Bobrllisk (vier Stunden Eisenbahnfahrt voll Hornel) zurückgekehrt war. 31t schwach (?) gefühlt habell, die Bewegung niederzudrücken. Nach einer anderen Version hätte das Militär die Patronell in Bobrnisk vergessen (!), schließlich noch soll erst gegen 7 Uhr abends der Befehl zum Scharfschießell vom Gouverneur aus Mohilew eingetroffeir sein. Homel hat ungefähr 45 000 Eillwohner. ullter denen sich etlva 16 000 Juden befinden. Handel und Industrie sind zumeist in den Händen der Juden. Die Bauerll in der Umgegend sind, lvie säst alle russischen Bauern, arm. Es heißt, daß die Bauern die kommende Plülrderung 14 Tage vorher wußten, doch herrschte Ruhe bis znm 11. September, welches ein Feiertag war." Im übrigen hat auch in Mohilew selbst der Haß bei der christlichen Bevölkerung gegen die dortigen Jllderr schon unheimliche Formen angellommen. Kundmachungen des Gouverneurs, lvelche überall affichiert sind, fordern die Einwohner auf, sich ruhig zu Verhalten und der Polizei zu gehorchen. Die Nachrichten über Unruhen in Mohilew finb bis jetzt — Gott sei Dank — nicht bestätigt worden. Bei der Beerdignllg der während der Exzesse getöteten Juden, die unter kolossaler Beteiligung der jüdischen Bevölkerung Hömels stattfand, spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Eine Störung des Leichenzuges, die man befürchtet hatte, fand dank den getroffenen Vorsichtsmaßregeln nicht statt. Die Honreler Juden flüchten zu Hundertell aus der Stadt, da sie eine Wiederholung der Exzesse für sicher halten. Ein grelles Licht lvirft nach diesen Nachrichten auf die Zuverlässigkeit der amtlichen russischen Berichterstattung den Juden gegenüber die folgende, in dem Organ der russischen Negierung, dem „Regierungsboten", veröffentlichte Mitteilung: „Am 30. August (a. St.) wurde in Pinsk in der Straße, in welcher die jüdische Schule liegt, ein elfjähriger Knabe, namens Kisselew, als er gegen 9 Uhr abends aus dem Kloster in der Lagoschunerstraße heimkehrte, von drei Juden überfallen, bis zur Bewußtlosigkeit mit Stöcken geschlagen, an der Hand verwundet und halbtot am Ufer des Pmaflusses hiugeworfen. Dort wurde er von drei Schiffsarbeitern aufgefunden. Als er zur Befilmung kanr, erzählte er den Vorfall mit dem Hinzusügen, daß einer der Juden Samuel Pomeranz heißt. Der Ueberfall erfolgte plötzlich und ohne jeden Anlaß. Der lokale Untersuchungsrichter ist mit der Angelegenheit beschäftigt." Der Gouverneur vou Minsk ist selbst in Pinsk erschienen, und hat eine Untersuchung veranstaltet, die ein außerordentlich geringfügiges Ergebnis hatte. Kisselelo, der kein elfjähriger Knabe, sondern ein achtzehnjähriger Arbeiter ist, der schon wiederholt in Schlägereien verwickelt war, hat auch diesmal mit einem jüdischen Arbeiter handgreifliche Differenzen gehabt, wobei er eine unerhebliche Wunde davontrllg, die ihn aber nicht gehindert hat, bereits am Tage nacf) dem Vorfall zur Arbeit zu gehen. In der Art und Weise, lvie dieses an sich ganz unerhebliche Vorkonunnis in den: aurtlichen „Regieruugsboten" aufgebauscht lvorden ist, liegt genau dasselbe System, wie in den unwahren Berichten über Kischinew und Homel. Es soll offenbar die öffentliche Meinung mit Gewalt zu der Ueberzeugung gebracht werden, daß die Juden in Rußland außerordentlich frech und streitsüchtig auftreten, llnd daß die russische Regierung gezwungen ist, ihren Uebermut einzudämmen. Niemand, der die russischen Jllden — und die russische Regierullg kennt, wird sich natürlich voll solcher lügenhaften Darstellung tauschen lassen. Aber immerhin kann* der Tüuschungsversuch in manchen Fällen gelinget,, und deshalb ist es notwendig, die Oeffentlichkeit jedesmal auf die lügenhaften Berichte der russischen Offiziösen hinzuweiserr. Dasselbe gilt von den Berichten über Kischinelv. Der antisemitische „Bessarabetz" bringt eine allen! Anschein nach halbamtliche Bekanntlnachung über den Stand der gerichtlichen Untersuchung gegen die Teilnehmer an den Judeumetzeleien in Kischinew. Es heißt darin: „Die Voruntersuchung ist beendet. Voraussichtlich werden keine nachträglichen Ermittelungen stattfinden, obgleich Hnnderte von Beschwerden über angebliche Pflichtverletzungen der Untersuchungsrichter von den Juden eingebracht lvorden sind ... Bei der Untersuchung wurden die Angeklagten in 22 Gruppen eingeteilt. Die meisten haben schon die Anklageschrift zugestellt erhalten. In den nächsten Tagen wird die Anklageschrift auch den Angeklagten der Hauptgruppe zugehen. In diesem Schriftstück werden die Ursachen der Judenmetzeleien in einem Gesamtbild dargestellt, außerdem wird eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die für das Gericht zwar vou untergeordneter Bedeutung, sonst aber äußerst wichtig sind." Es ist also zu erwarten, daß diese Anklageschrift irgend eine antisemitische Knndgebullg bringen wird. Die Verhandlung wird voraussichtlich Anfang November stattfinden. Ueber die Zusammensetzung des Gerichtshofes ist noch nichts Näheres offiziell bekannt geworden. Unter den Schöffen werden sich befinden: der Adelsmarschall von Cherson Suchomlinoff, der Oberbürgeruleister von Odessa Seleny und ein Wolostültester. Im ganzen stehen 350 Personen unter der Anklage. 250 sind der Sachbeschädigung und 100 des Mordes und schwerer Körperverletzung angeklagt. Etwa 70 befinden