Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 482 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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482 lich in blasphemischer Weise „die Bibel des Unglaubens" verherrlicht. Die größten Geister der Menschheit, auch die, welche über jeden religiösen Glauben erhaben waren, ja sogar auch die, welche der Weltanschauung huldigten, die auf den Natursorscherkongressen meist gepredigt wird, haben die hohe ethische Bedeutung der Bibel jederzeit anerkannt und in begeisterten Worten verkündet. Wir brauchen uns nur auf Kant und Goethe, auf Humboldt und Darwin zu berufen. Es wäre ein lohnendes Unternehmen, die Sentenzen und Aussprüche zusammenzustellen, in denen die Geistessürsten jeder Wissenschaft ihr Urteil über die Bibel zusammengefaßt haben. Vielleicht würde dann auch in unfern Kreisen die Achtung und das Interesse für das heilige Buch sich steigern, vielleicht würde dann auch das Volk des Buches sich wieder seines größten Schatzes erinnern und vielleicht ivürde dann auch die Bibel, welche das Erziehungsbuch von Millionen Menschen aller Jahrhunderte gewesen ist, ihrem inneren Werte und ihrer reinen Erkenntnis nach endlich zu voller Würdigung in Israel gelangen. Wenn heule noch nach Jahrtausenden der Bauer in unwirtbaren Alpengegenden in das Buch der Hirtengeschichten Abrahams und Jakobs die wichtigsten Ereignisse seines eigenen Familienlebens verzeichnet, wenn heute noch das Kind des aufgeklärten Jahrhunderts zuerst und vor allem den „braunen Folianten" liebgewinnt und wenn auch der erfahrene Mann stets freudig den „Freund aus Kindertagen", die große Fainilien- und Hausbibel auffchlägt, um die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, von Jacob und Esau, von Moses und Hiob zu lesen, wenn die Künstler und Dichter aller Zeiten aus diesem Buche ihre erhabensten und wertvollsten Anregungen geschöpft haben, so ist das eine jener Erscheinungen, die man mit Recht Providentielle Tatsachen nennt, und die durch die Erhaltung, Verbreitung und Verehrung dieses Buches bei allen Knlturnatiouen eine wesentliche Bekräftigung findet. Darum laßt uns am Feste der Thora den frommen Vorsatz fassen, die Bibel wieder zu lesen mit heiligem Ernst, mit aufrichtiger Treue und dieses große Buch unfern Kindern, den Erben unseres Geistes und unserer Kämpfe, als ein teures Vermächtnis für ihre Zukunft zu hinterlassen. Die große und unvergängliche Bedeutung, die die Bibel als das Buch der Bücher jederzeit gehabt hat, wird und muß sie behalten, trotz aller Angriffe von Naturforschern und Historikern, solange unsere Kultur Boden in der Menschheit hat. Denn auch das ist charakteristisch für unsere ganze Betrachtung, daß keiner von allen, die darüber geschrieben und gesprochen haben, Wert und Wesen dieses heiligen Buches besser erkannt hat als jener alte Weise, dessen Werk erst jetzt wieder aus dem Schutt der Vergangenheit zu neuem Leben erweckt wird, als Josua, der Sohn Sirachs, der den Inhalt der Bibel in den schon oft citierten, aber immer noch nicht beherzigten feierlichen Worten ausgesprochen hat: „Dies alles ist eben das Buch des Bundes, mit dem höchsten Gott gemacht, nämlich das Gesetz, welches Moses dem Hause Jacob zum Schatz befohlen hat. Daraus die Weisheit geflossen ist, wie das Wasser Pison, wenn es groß ist, und >vie das Wasser Tigris, wenn es übergehet in Lenzen. Daraus der Verstand geflossen ist wie der Euphrates, wenn er groß ist und wie der Jordan in der Ernte. Aus demselben ist hervorgebrochen die Zucht, wie das Licht und wie das Wasser Nilus im Herbst. Er ist nie gewesen, der es ausgelernt hätte und wird nimmermehr werden, der es ausgründen möchte. Denn sein Sinn ist reicher weder kein Meer und sein Wort tiefer denn kein Abgrund." Dir Woche. m Berlin, 5. Oktober, it großer Diskretion übergehen die konservativen und antisemitischen Blätter jede Aeußerung, die in den Kreisen der Sozialdemokratie gegen die Juden fällt. Natürlich. Es paßt das nicht in ihren Krain, in dem die gangbarste Ware die Marke trägt: Judentum nnd Sozialdemokratie. Wie wenig aber eilt Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren besteht, das konnte man in der letzten Zeit sowohl auf dem Parteitage, wie anläßlich der Preßfehde über diesen konstatieren. In Dresden wurden verschiedene sehr wohlfeile Witze gemacht, die jedem antisemitischen Witzblatte zur Zierde gereicht hätten. Und dasselbe gilt von der Preßpolemik. In einer der letzten Berliner Versammlungen warf Frau Zetkin dem Abgeordneten Heine ausdrücklich antisemitische Gesinnung vor, nnd dieser Herr hat, soweit aus den Berichten zu ersehen ist, gegen diese Zumutung keineswegs protestiert. Herr Heine ist ja auch vom Antisemitismus ausgegangen. Die österreichische Sozialdemokratie kokettiert sogar in sehr auffälliger Weise mit dem dort grassierenden Antisemitismus. Wir hätten von all diesen Dingen, deren Register noch ansehnlich vermehrt werden könnte, aber gar keine Notiz genommen, wenn nicht dieser eklatante Fall das törichte nnd nichtswürdige Gerede von irgend einem Zusammenhang zwischen Judentum und Sozialdemokratie in die rechte Beleuchtung gerückt hätte. Unsre Gegner werden freilich nichtsdestoweniger mit diesem Stichwort weiter hausieren gehn. * Aus dem früheren Musterlande des Liberalismus, ans Baden, wird den „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus" geschrieben: „Nicht nur keine jüdischen Offiziere scheint man in der Armee haben zn wollen, auch die Unteroffizierlausbahn wird den Juden nicht so offen gehalten wie den christlichen Konfessionen. Die Bezirkskommandeure lassen durch die Bezirksämter eben veröffentlichen, daß die Unterosfizierschulen junge Leute von 17—20 Jahren als Schüler ausnehmen und daß diese bei ihrer Anmeldung bei der betreffenden Schule oder beim Bezirkskommando der Heimat 1. einen Meldeschein ihrer Bezirksbchörde, 2. einen Konfirmationsschein oder Ausweis über den Empfang der ersten Kommunion, 3. Schulzeugnisse. 4. amtliche Bescheinigung über die bisherige Tätigkeit, über etwaige erbliche Belastung vorzulegen haben. Ohne Kollfirmationsschein oder Ausweis über erste Kommunion ist eine Meldung unmöglich, es können mit ersterem nur Protestanten, mit letzterem Katholiken dienen, aber Dissidenten. Freireligiöse und Juden können solche Scheine nicht beibringen. — Wo die Juden, wie in Württeniberg und etlichen kleinen Staaten, auch eine Konfirmation in ihren Kultus einfügten, welche der protestantischen in ihren Aeußerlichkeiten ähnelt, können sie auch zur Unterosfizierschule angemeldet werden, aber in Baden und ganz besonders auch in Preußen nicht, denn da kennt man eine Konfirmation bei den Juden nicht. Die Freireligiösen sind in kleiner Zahl, aber die Juden sind etwa ein Prozent der Bevölkerung und es hat mancher darunter als Unteroffizier mit Auszeichnung gedient und ist auch mancher dann in Civilstelle übergegangen; jedoch Unterosfizierschüler können die Juden trotz aller Gleichberechtigung der Konsessionen im Deutschen Reiche nicht werden." Das ist ein Stück praktischer Antisemitismus der Militärbehörden, die sich ja heute sehr überlegen, wenn sie einem Juden nur den Gefreitenknopf gewähren. * Die antisemitische Bewegung in Ostgalizien erregt in letzter Zeit mit Recht die besondere Aufmerksamkeit der öffentlichen Kreise Oesterreichs, soweit diese nicht selbst schon früher Kenntnis von dieser Bewegung gehabt oder sie gar im stillen i