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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-09 · Heft 41 (9.10.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 41. Allgemeine Berlin, 9. Oktober 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljLhrl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von ° Rabbiner D*» Ludwig Philippfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ÄSS Volk des Luches. Zum Simchat Thora-Leste. Berlin, 8. Oktober. as Volk des Buches, so hat man einmal die Jude» genannt. Verdienen sie auch heute noch diese Bezeichnung? Um es offen heraus zu sagen: Wir glauben, nein. In alten Tagen hatte jeder Jude, der Anspruch darauf erhob, im Sinne jener Zeit als gebildet zu gelten, eine kleine aber gewählte Bibliothek. Sie bestand aus einer Bibel, aus mehreren Erbanungsschrifteu und sehr oft auch aus einem vollständigen Exemplar des Talmuds. Diesen haben sie wohl nicht alle, die Bibel aber sicher im Urtext und mit dem Nascht - Kommentar die meisten verstanden und studiert. An jedem Abend nach des Tages Last und Mühen, an jedem Sabbat zumal nach den Arbeiten und Leiden einer Woche war es ihr frohes Fest, in diesen Büchern zu lesen und zu lernen. Und wer auch das nicht einmal konnte, der ging wenigstens ins Lehrhaus und hörte zu, wie die andern lernten, und was sie zu verkünden hatten. Damals haben die Juden wirklich jenen Ehrentitel verdient. Sie waren in der Tat das Volk des Buches, des Buches vor allem, in dem ihre ganze Geschichte, der Inhalt ihres Lebens und nicht ihres Lebens allein, sondern des Daseins der ganzen Menschheit zusaminengefaßt war, des Buches der Bücher. 1 Wie steht es nun heute darum? Eine Betrachtung darüber erscheint zum Freudenfeste der Thora wohl angebracht, ja geradezu notwendig, wenn auch das Resultat derselben nicht gerade ein erfreuliches genannt werden darf. Wir kennen die Bibel nicht mehr. In der Schule lernen wir ja die wichtigsten Geschichten der Bibel, und diejenigen, welche ein gutes Gedächtnis haben, behalten sie wohl auch in der Erinnerung. Aber das ist nicht der Inhalt der Bibel. Das große Bild einer sozialen Weltanschauung, wie es uns der Pentateuch entrollt, die Geschichte der Kämpfe und Leiden, die die alten Israeliten unter Richtern und Königen zu führen und zu dulden hatten, die gewaltigen Reden und Mahnungen der Propheten, die erhabenen Gesänge der Psalinisten, die großen Geschichtsbücher der Chronik sind für unsere Zeit ein Buch mit sieben Siegel». Das ist eine traurige Wahrheit, aber es hilft nichts, die Augen davor zu verschließen. Ein Schaden muß erkannt und beseitigt, aber nicht vertuscht werden. Mit Neid sehen wir auf andere Völker, wie z. B. auf das englische, ivo jeder, Mann und Frau, Greis und Kind, seine Bibel kennt, und als ein wahres Hausbuch des Trostes und der Erhebung mit sich durchs Leben führt. So war es auch einmal in Israel. Fromme Bibelsprüche erleichterten ihnen jede trübe Stunde, und wenn der Rabbi am Sabbat das Gotteswort verkündete, so konnte er getrost jedes Zitat aus der Bibel anwenden und deuten, in der sicheren Ueberzeugung, daß die meisten Zuhörer ihn verstanden, und den Sinn seiner Deutung erfaßt haben. Wie anders heute. Der moderne Prediger darf es ja kaum noch ivagen, eine Sentenz aus der Bibel seinem Hörerkreise vorzuführen, auch selbst, wenn er die Uebersetzung hinzufügt. Ja noch mehr. Wenn unsere Modernen im Theater eine Geschichte aus altbiblischer Zeit oder in der Kunstausstellung ein Bild, das einen Vorgang aus der biblischen Geschichte darstellt, hören und betrachten, dann stehen sie in den meisten Fällen der Sache ratlos gegenüber, weil sie keine Ahnung von dem Inhalt der Bibel haben. Noch viel wichtiger und bedauerlicher ist die Unkenntnis der Bibel, sobald wir, wie es in den letzten Jahren so häufig vorgekommen, Angriffe von außen erfahren habe». Wenn wir in Bücher» und Zeitungen von der christlichen Nächstenliebe lese», wissen nur Wenige dem gegenüber die Stellen ans der heiligen Schrift zu zitieren, mit denen wir die Priorität dieses Gedankens in Anspruch nehmen dürfen und müssen. Als im vorigen Jahr Professor Delitzsch seine Angriffe gegen die Bibel richtete, da fand er — zu unserer tiefen Beschämung muß es gesagt werden — nirgends so vielen Beifall, als in dem Kreise der gebildeten Juden, die die Bibel nicht kennen. In sehr vielen modernen Häusern gibt es überhaupt gar keine Bibel, und mit einer gewissen Geringschätzung sehen diese klugen Leute auf die heilige Schrift, die ja, wie sie sehr genau wisse», durch die Forschungen und Ausgrabungen der Wissenschaft längst rim ihre Bedeutung gekommen sei. Das muß anders werden! Das Wort der heiligen Schrift muß wieder heimisch werden in den Häusern derer von Israel, wenn uns Hilfe und Rettung kommen soll für die Zukunft. Das Wort der Schrift und der Geist ihrer Lehre, der Israel erhalten hat in trüben Tagen und der uns auch weiter erhalten soll in nicht minder trüben Zeiten. Unsere Jugend muß den Inhalt der heiligen Schrift kennen, um gewaffnet und gerüstet zu sein für die Angriffe, die ihrer harren. Es darf nicht mehr Vorkommen, wie dieses iviederholt der Fall. gewesen ist, daß jüdische Schüler es „als Chikane" betrachten, wenn sie beim Abiturientenexamen in jüdischer Geschichte geprüft werden, während der examinierende Schulrat es mit Recht als einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit ansieht, daß die jüdischen Schüler zum mindesten den Inhalt des alten Testaments kennen, während die christlichen doch das alte mid neue Testament beherrschen müssen. Und auch das darf nicht mehr Vorkommen, daß ein jüdischer Schüler auf die Frage des Lehrers, wer die Makkabäer gewesen seien, keinen Bescheid zu geben wußte. Diese Unkenntnis schädigt uns mehr als wir glauben. Und nur aus solchen Verhältnissen heraus ist es möglich, daß unsere Jugend einem Lehrer zujubelt, der öffent-

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