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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 ihn gerichteten Anforderungen gerecht zu werden. Namentlich wird es oft schmerzlich von dem Vorstande empfunden, daß befähigten armen Schülern nicht neben dem Schulgeld auch eine Beihilfe zur Beschaffung von Büchern und Kleidern gewährt werden kann. Es sollen 2000 Exemplare der Statuten verschickt werden. Hoffentlich wird die Propaganda für diesen Verein, der schon nun der historischen Tradition, noch mehr aber von seiner großen Aufgabe willen der fördernden Teilnahme aller Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin auf das wärmste empfohlen werden darf. 8. Berlin, 27. September. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" hat soeben Nummer 15 seiner Mitteilungen zur Versendung gebracht. In einem kurzen, präzis gehaltenen geschichtlichen Rückblick wird der „Liberalismus im deutschen Judentum" beleuchtet und der deutliche Nachweis erbracht, daß die vornehmsten Forderungen der liberalen Weltanschauung, die Freiwilligkeit der Religionsübung und die Freiheit in der Entwicklung der Formen, in den Ereignissen des letzten Jahrhunderts ihre Entstehung und ihre Begründung haben. Die glänzenden Verdienste eines Moses Mendelssohn, von dessen Zeit ab erst die enge Berührung des Judentums mit der europäischen Kulturwelt datiert, eines Friedländer und Jacobsohn in ihrem unermüdlichen Wirken für die Schule und den Gottesdienst, eines Zunz und Geiger, welche sich der wissenschaftlichen Erforschung der jüdischen Vergangenheit widmeten, die Fortbildung der Religion von innen heraus erstrebten und die Grundlage der liberalen Weltanschauung geschaffen haben, und endlich eines Moritz Lazarus, welcher zur Abwehr der Pfeile hochmütigen Spottes und verletzender Mißachtung, welche von der christlichen Theologie ausgingen, für die Unantastbarkeit der jüdischen Moral vor aller Welt eintrat, werden in hellstes Licht gerückt und gebührend gewürdigt. Das Judentum ist eine aus kleinerr Anfängen emporgewachsene, strach immer größerer Vollendung strebende geschichtliche Erscheinung und nur dem Liberalismus wird es Vorbehalten bleiben, das Judentum zu erhalten, weil er seine Blicke richtet rückwärts in die Vergangenheit, vorwärts in die Zukunft und nach innen in das Herz der Menschen. — Irr einem offenen Antwortschreiben ergreift alsdann der Verfasser des in der vorigen Nummer enthaltenen Artikels „Ein Rückblick" noch einmal das Wort, welcher in der Generalversammlung des Zentralvereins für die Interessen der jüdischen Gemeinde zum Gegenstände eines Referats gewählt worden war. In präzisen Worten, deren vornehmer Ton im Vergleich zu demjenigen des Referats angenehm berührt, wird noch eininal die Methode der Agitation des Zentralvereins enthüllt und dessen eigenartige Taktik, in der von ihm die Betätigung des Grundsatzes „Gleiches Recht für alle" durchgesührt wird, und mit Schärfe werden die vom Zentralverein ausgehenden planmäßigen Entstellungen der Absichten des liberalen Vereins und die Anzweiflungen der treuen jüdischen Gesinnung desselben zurückgewiesen. Berlin, 25. September. Das Israelitische Krankenheim der Chewra Kadischah der Israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel versendet seinen zweiten Rechenschaftsbericht. Die neuen, wesentlich größeren und günstiger gelegene Räume, die ehemals Hadrasche Klinik (Königgrätzerstraße 46 a), haben sich in jeglicher Hinsicht bewährt. Die stetig wachsende Frequenz beweist, daß die Heilstätte das Vertrauen weiter Kreise sich erworben hat. Von den 269 Kranken, 158 Männern, 100 Frauen und 11 Kindern, wurden in insgesamt 6560 Verpflegungstagen 72 in der inneren Station, der Herr Privatdozeut Dr. Ferdinand Blumenthal, Oberarzt an der königlichen Charitee und Assistenzarzt des Herrn Geheimrats Leyden, vorsteht, und 158 in der äußeren Station, welche von dem gefeierten Chirurgen Herrn Dr. Adler geleitet wird, behandelt. Als geheilt wurden 153 58,88 Prozent, als gebessert 60 -- 22,30 Prozent, als ungeheilt 13 5,83 Prozent entlassen, verstorben sind 25 9,29 Prozent Kranke. Die Einnahmen betrugen 36 828,90 Mark, davon Verpflegungsgelder 23 255.90 Mark, Beitrag der Chewra-Kadischah 2000 Mark, Jahresbeiträge 2695 Mark, Spenden 2169,55 Mark rc. Da die Ausgaben sich auf 38 006,64 Mark beliefen, so schließt die Jahresrechnung mit einem Fehlbeträge von 2178 Mark ab. Es ergeht deshalb der Ruf an alle Wohltäter, der Anstalt ihre Teilnahme zuzuwenden. Das Kuratorium bilden die Herren A. Goldschmidt (Neue Friedrichstr. 45), Vorsitzender, Oskar Berlin, Stellvertreter, Sal. Ginsberg, Rendant, Dr. Meier Hildesheimer. Schriftführer, Edm. Lissa, G. Rosenberg und David Struck, Beisitzer. N. Berlin, 28. September. Herr Rabbiner Dr. Ungerleider beging vor kurzem seinen 70. Geburtstag. Er war, um sich allen Ovationen seiner Freunde zu entziehen, von denen sehr zahlreiche bereits im vorigen Jahre ihn durch Depeschen und Briefe ausgezeichnet hatten, noch nicht von der Souunerreise zurückgekehrt. Am 16. d. M. erhielt er ein warmherziges Schreiben des Gemeindevorstandes, worin des Jubilars langjähriges, segensreiches Wirken, sein auf die Förderung des religiösen Friedens in der Gemeinde gerichtetes Walten in dankbare Erinnerung gebracht und ihm die herzlichsten Glückwünsche ausgesprochen wurden. Mögen diese Wünsche, rnit denen sich die Gefühle der Verehrung und Liebe der ganzen Gemeinde vereinen, an dem ehrwürdigen Manne in Erfüllung gehen und zu seinem und der Seinen Wohl und zur Freude aller, die voll Hochachtung vor seinen wahrhaft edlen Eigenschaften und seinem treuen Streben zu ihm aufblicken. — Berlin, 27. September. Zum erstenmal fand hier in Berlin ein für die jüdischen Taubstummen eingerichteter Gottesdienst am Neujahrsfeste statt. Veranstaltet wurde derselbe von dem Hilfsverein für die jüdischen Taubstummen in Deutschland in Dräsels Festsälen und war von etwa 200 Taubstummen, wovon 160 Männer und 40 Frauen, besucht. Verrichtet wurde der Gottesdienst teils in hebräischer und teils — so auch das Gebet für den Kaiser und die Predigt — in deutscher und in der Zeichensprache. Die Taubstummen sind ohne Ausnahme von dieser gottesdienstlichen Einrichtung sehr befriedigt und brachten den Veranstaltern der Feier in rührender Weise ihren Dank zun» Ausdruck. 8. Allenstein, 20. September. In glänzender Jubelfeier beging anl 1. und 2. September der hiesige „Kriegerverein Allen st eil»" das Fest seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens. Zu ben Begründern des Vereins gehört, wie wir der zur Feier des Tages herausgegebenen Festschrift entnehmen, der Stadtrat und Stadtälteste Kaufmann Simon, der auch zum ersten Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde. In dieser Eigenschaft hat er sich besondere Verdienste um die Erlangung der Fahne für den Verein erworben; als seine mannigfachen Bemühungen nicht zur Erreichung des Zieles führten, wandte er sich schließlich vertrauensvoll mit einem Jmmediatsgesuch an Kaiser Wilhelm!., der auch durch allerhöchste Kabinetsordre vom22.August 1879 die Verleihung einer Fahne verfügte. Herr Simon, der im nächsten Monat sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Stadtrat zu feiern in der Lage ist, hat auch sollst vielfach seine reiche und unermüdliche Arbeitskraft in den Dienst des Gemeinwohls gestellt; so ist er unter anderem Vorsitzender der städtischen Armenkommission, ferner bei der Vorschußkasse und der Sparkasse in leitender Stellung ehrenamtlich tätig. Die innerhalb des Kriegervereins gebildete Sanitätskolonne steht unter der ärztlichen bewährten Leitung des Herrn Dr. Kamnitzer, welcher zugleich zu ihren Begründern zählt. Bereits früher finb dessen jahrelangen glänzenden Bemühungen um das Sanitätskolonnenwesen durch die Verleihung der Rotel» Krenzmedaille anerkannt worden. Herr Dr. Kamnitzer gehört auch der städtischen Vertretung als Mitglied an und ist erster Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde. Aus der Zahl der jetzigen Vorstandsmitglieder des Kriegervereins hebell wir noch besonders Herrn Kaufmann Mendelsohn hervor, der in seiner Eigenschaft als Kolonnenfuhrer der freien Sanitätskoloune in diesem Jahre ebenfalls durch die Verleihung der Roten Kreuzmedaille ausgezeichnet worden ist. Seine freie Zeit widmet er in anerkannten» Wirken besonders noch der freiwilligen Feuerwehr, bei welcher er den Rang eines Vizehauptmanns bekleidet und dem hiesigen Männer-Turnvereiu, zu dessen Vorstandsmitgliedern er zählt. Allen drei Herren wurden wiederun» bei der Jubelfeier des Kriegervereins Medaillen für ihr unermüdliches Wirken im Ehrendienste der Gemeinde verliehen. v. Jinotschirr, 28. September. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Der allgemein geachtete Bezirksrabbiner Salo Bloch starb am 23. d. M. im 63. Lebensjahre. Der Heimgegangerle war seit 1868 hier tätig. Als Prediger war er weit über die Provinz bekannt. Außerdem war er Vorsitzender des Beerdigungsvereins, des Armenvereins, Leiter der Religionsschnle, Mitglied des Kuratoriums der Abraham und Henriette Rohr'schen Stiftung zur Förderung des Handwerks unter den Juden der Synagogengemeinden zu Posen und Jarotschin, ferner seit 1874 Ortsschulinspektor der jüdischen Volksschule. Vor einigen Jahren wurde Rabbiner Bloch vom seligen Baron Moritz Hirsch nach Ostpreußen gesandt, um die

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