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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 480 (sequence 14)
Language
German
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480 hatte, im Bethamidrasch saß und lernte. Doch wohin bin ich geraten? Ich wollte ja von meiner Reise nach Boskolvih erzählen. Freilich, ist es ein Wunder, daß einem in der Heimat zuerst die Jugenderinnerungen einfallen? Ich habe schon oben erzählt, daß in dieser ehrwürdigen Gemeinde stets große und gelehrte Männer als Rabbiner gewirkt haben. Unter diesen nimmt mein Urgroßvater, Rabbi Moses Karpeles, einen hervorragenden Rang ein. Sein Namen lockte Talmildjünger ans allen Teilen Oesterreichs an. Aus seiner Jeschiba sind Männer wie Leopold Löw, H. B. Fasset, Abraham Neuda u. a. hervorgegangen. Wer sich für den Mann weiter interessiert, mag in Frankl-Grüns vortrefflicher Geschichte der Juden in Kremsier das Nähere Nachlesen. Vielleicht auch erzähle ich an dieser Stelle noch etwas aus seinem interessanten Lebensgang. Mein erster Besuch galt also natürlich dem Urgroßvater ans dem Friedhofe. Er ist 1837 gestorben; der Grabstein ist aber noch ziemlich gut erhalten. Die Grabschrift ist ebenfalls bei Frankl-Grün nachzulesen. Welch ein Anblick ist doch so ein alter jüdischer Friedhof! Wie viele haben ihn schon geschildert und besungen — und doch, das Eigentümliche desselben hat noch keiner richtig herausgefunden. Etwas von der tragischen Poesie des Judentums selbst, ein Hauch seines eigenen Martyriums, ist hier überall zu verspüren. Wenn sie sprechen könnten, diese armen, ungepflegten Gräber! Welche Geschichte des Judentums, seiner Leiden und Taten, könnte da geschrieben werde»»! Jildes ich solchen Betrachtungen nachging, hatte sich fast unbemerkt ein kleiner Kreis verehrter Glaubensbrüder um den Grabstein versammelt, die augenscheinlich zu den Stammgästen des Friedhofs gehören. Ihre Neugierde »var so groß »vie ihre Erzählerinst. Und sie wußten von meinem Urgroßvater teils aus eigener Erinnerung, teils vom Hörensagen, recht viel zu berichten. Auch das ist ein charakteristischer Zug. Das Gedächtilis der großen Lehrer lebt in den alten Gemeinden mit einer rührenden Zähigkeit fort. Selbst die kleinsten Züge hatten diese Alten noch in der Eriirnerung treu bervahrt. Mit wahrer Lebhaftigkeit schilderten sie den Urgroßvater, sein Aussehen, seineil Gang, ja seine Kleidung. „Immer hat er e Wolfspelz getragen", erzählte der eine, „auch in» Summer." Er meinte natürlich einen Schafspelz. Auch ein tschechischer Arbeiter, der auf dem Friedhofe arbeitete, hatte sich inzwischen dem kleilren Kreise zugestellt. Und auch er »var sichtlich bemüht, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Als ich den Vers suchte, in dem bekaniltlich auf den hebräischen Grabinschriften die Jahreszahl des Todesfalls ausgedrückt ivird — Trat heißt das — da beteiligte sich die ganze Gesellschaft an dieser Arbeit, aber vergebens, da die Schrift schon etwas verwischt »var. Da stieß der tschechische Arbeiter die Nächststehenden fort, »vischte mit dem Aermel seines Rockes eine dicke Staubschicht von dem Stein und zeigte triumphierend auf eine Linie in der Mitte mit dem Ausruf: „Tarn jest Prat!“ Da ist der Prat. Der Mann weiß augenscheinlich noch nichts davon, daß auch unter seinen Stammesgenossen Antisemiten und Blutlügner sich befinden. Das Zusammenleben ist hier noch ein ziemlich idlMisches, und ohne Scheu nehmen auch die tschechische!» Staatsbürger Trinkgelder von den Juden. Einer meiner neuen Bekannten erbot sich schließlich auch, mir das Stübchen in der Judengasse zu zeigen, in dem »nein Urgroßvater jahrzehntelang gesessen »md gelernt hat. Es ist ein kleines, enges, finsteres Stübchen, in dem heute fein Dicnstbote wohnen möchte. Aber in dieser Armut welche Fülle! Ach, »vo sind sie geblieben, die Männer, »velche hier gesessen, gesonnen, gelehrt und gelernt haben? Schweigen ruht auf dem verödeten Häuschen, »velches die Tradition noch iminer in Ehren hält. In den» sogenannten Gärtchen singt eine Magd ein tschechisches Lied von Scheiden und Sterben. Durch das offene Fenster blickt ein augenscheinlich blöder Bettler herein, der mir immerfort zuruft: Scholaum alechem! Ja, Friede sei mit Euch, ruft hier der Tor wie der Weise aus, »venn die Schatten der Vergangenheit, ein langer Geisterreigeu, an uns still vorüberziehen . . . Friede sei mit ihnen und eine Träne ihrem Gedächtnis! Aber das Leben will seine Rechte und die Uhr mahnt uns gebieterisch, den Omniblls nicht zu versäuinen, der die Freiirden zur nächsten Station führt. Sonderbarer Wechsel der Zeiten der Ereignisse, der Erscheinungen! Hier erhält sich nichts in alter Weise als die Natur. Zu dieser Schloßruine hat auch der Urgroßvater hinaufgesehen und über jenen weiten Marktplatz mit seinem nicht gerade klassischen Pflaster ist auch er gefahren, wenn er nach Brünn mußte. Aber ein Zweirad hat er doch nicht gesehen, ivie eben eins angesaust kommt. Und nicht ein- »nal eine Lokomotive, geschiveige denn eine Gaslaterne, von denen heute doch hie und da eine zu sehen ist. Und eine jüdische Bürgerschule auch nicht. Ebeusolvenig wie das Waisen- und Siechenhaus der Geineinde. So spiegelt sich in Geschichte und Bild dieser einen Gemeinde der ganze jüdische, ja menschliche Makrokosulns in seinem steten Wechsel, in seiner »vechselnden Stetigkeit ab. Ein trostreicher Gedanke. Als ich in den Omnibus einstieg, hatte dort ein Ehepaar bereits die besten Plätze okkupiert. Und was für ein Ehepaar! Wenn die Natur etwas sparsamer gewesen wäre, so Hütten sie aus diesem einen »veuigstens drittehalb normale Paare machen können. Der männliche Teil saß da, so breit und so dunnn wie eine Festungsmauer, ivährend die bessere Hälfte mit einem ans Unendliche grenzenden Umfang »venn auch nicht alle Passagiere, so doch mindestens alle Plätze derselben für sich einuahm. Sie saß eigentlich überall und suchte »vie Rußland nach jeder Seite hin ihr Gewicht geltend zu »lachen. Mich traf ein großer Teil ihres allerstärksten Teils. Während ihr Mann stillvergnügt den Rauch aus seiner kurzen Pfeife blies, entströmte der Frau, kaum daß sie die Glaubensgemeinschaft geivittert hatte, ein wahrer Wolkenbruch von jüdisch-deutscher Beredsamkeit. Sie wollte nun durchaus »visseu, ivas ich in Boskowitz zu tun hatte. Wie die Wolle stehe, so begann die Unterhaltung. Und mit den Lederpreisen war sie noch lange nicht zu Ende. Ob ich dort Bekannte habe? Gewiß sei ich bei Ticho oder bei Knöpfelmacher gelvesen! Wie mir das Essen in der jüdischen Restauration geschmeckt habe? Ob ich mir die Schul angesehen habe? Und endlich, kllrz und bestimmt: „Bon »vannen sen Sie?" Als ich mich notgedrungen ihrer Neugier erbarmte und den Zweck meiner Reise mitteilte, »vurde sie noch viel liebenswürdiger als zilvor. „Vuu Reb Moische Karpeles ä Ureenegel, ä Kleinigkeit!" rief sie wiederholt aus. Dann nahm sie mit raschem Entschluß aus einer alten Handtasche etlvas Backwerk und reichte es mit mir den Worten: „Vielleicht ä Kichel gefällig?" (Das ch ist so hart auszusprechen, lvie es die Schiveizer tun.) Und als wir uns auf dem Bahnhof in Skalitz trennten, drückte sie mir zum Abschied herzlichst die Rechte. Ich lverde diesen Händedruck nie vergessen. 6. X. Berichtigung. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^sch ersuche in meinem Aufsätze „Neue Bahnen" in Nr. 39 Ihres Blattes folgendes richtig zu stellen: Seite 466, Spalte 2, Zeile 2 soll es heißen: „viel, viel weniger trauriges Aussehen." Karlsbad, 27. September. Dr. Ziegler. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Lerlin.

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