Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 479 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich wiederhole: „ttub so weiter! Aehnliche Lasten trugen die Juden damals überall in Deutschland. Nahmen aber sie große Zinsen, so wurden sie erschlagen; mindestens war dies eines der Stichworte, das die großen „Judenschlachten" hervorrief, so z. B. die „erste Judenschlacht" zu Frankfurt am Main im Mai 1241. Aber erschlagen wären sie auch ohnedies worden. . . Da jeder einzelne Schutzjude ein Kapital bedeutete, so waren solche „Judenschlachten" nicht bloß — wie soll ich es ausdrücken? — unchristlich, sondern auch unökonomisch, und in ruhigen Zeitläuften waren die Schutzherren auch mindestens dieses ketzeren Moments bewußt. So auch die Kronberger. Ein Burgsriedbrief aller Glieder des Geschlechts von 1344 stellt ausdrücklich fest, daß der Schutz des Burgbannes allen gewährt sein solle, denen die Burgherren ihn zusprächen, „Pfaffen oder Lehen, Christen oder Judden." Weil doppelt nicht reißt, so warnen die Kronberger auch an einer anderen Stelle derselben Urkundejedermann, ihre „Burger und Judden" nicht anzutasten. Kein Wunder, das behielten sie sich selbst vor; von den „Burgern und Judden" stammte zum guten Teil ihr Reichtum. Auch machten sie, gleich den Juden, selbst Geldgeschäfte, die sich von denen der verhaßten Freindlinge eigentlich nur durch zweierlei unterschieden: erstlich nahmen sie größere Zinsen, als die Juden zu fordern wagten, und zweitens blieb ihnen niemand das Geld schuldig. Hartmut IV. aon Kronberg lieh den Bischof Heinrich von Mainz gegen Verpfändung der Burg Stralenberg und der Stadt Schriesheim um 1340 8000 Pfund Heller; sechs Jahre später mußte sie der Bischof mit 12 000 Pfund Heller auslösen, für weitere 1000 ßfund Heller, die der Bischof ihm für Kriegsgerät schuldig war, forderte Hartmut VI. 100 Pfund Heller jährlich, dazu die Nutznießung von Noneburg. In beiden Fällen forderte also der Kronberger neben der Nutznießung, die auf mindestens zehn Prozent zu veranschlagen war — tatsächlich die geringste Schätzung, denn meistens betrug die Nutznießung mehr — noch zehn Prozent in bar, macht zwanzig Prozent jährlich. Was iväre den»Juden geschehen, der damals ähnliches gewagt hätte?.. Den Kronbergern aber bekams gut, sie wurden von Jahrzehnt zu Fahrzehnt reicher, zumeist an Bischöfen und Aebten. Der Verlauf war immer derselbe; zuerst wurde ein großes Gut gegen ein Darlehn von 1000 Goldgulden (etwa 84 000 Mark heutigen Geldwerts) verpfändet, durch Zins und Zinseszins 'lieg die Schuld auf das Dreifache; nun wurde noch etwas ,»gezahlt, und die Kronberger erhielten das Gut wegen „geleisteter Dienste" zum „Sohn- und Tochterlehen", also in Wahrheit für ewige Zeiten, denn ein Sproß irgend einer Tochter blieb voraussichtlich immer am Leben. . . . Die Kronberger, die zwanzig Prozent Zinsen nahmen, waren ehrenhafte Edelherren, die Juden, die zehn Prozent nahmen, elende Wucherer, rmd darum hatten sie mit Recht die Volkswut immer wieder gegen sich. So in der „zweite Judenschlacht" vom Juni 1349, bei der zu Frankfurt und Kronberg „nur wenige entrannen". Wie sich die Edlen von Kronberg im besonderen dazu gestellt, wird nicht berichtet; vermutlich nicht anders als die anderen Adeligen im uralten „Judenwinkel" zwischen Main und Rhein: zivar war das Halten von Schntzjuden einträglich, aber sie ans einmal abzutun, brachte ein groß Stück Geld. Kurz, es war auch hier wie überall dieselbe Geschichte: ein guter Wirt pflegt den Hühnerstall, der ihm die Eier legt, aber man ist nicht immer ein guter Wirt und schlachtet zuweilen den ganzen Stall. . . . <Forts. folgt.) fln der heimst. 11. O Heimat, wunderbares Wort. Nur der hat dich verstanden, Der sich nach deinem Frieden fort „ Gesehnt in fremden Landen. ^^^ie erste Station meiner Pilgerfahrt in die Heimat hieß Boskowitz. Nun brauchst du bloß im neliesteu Brockhaus nachzuschlagen, und du wirst dort finden, daß diese eine der ältesten Städte des Landes ist, die mit der 1100 zählenden Jsraelitengemeinde 4856 meist czechische Einwohner hat, ferner ein altes Rathaus, Pfarrkirche mit Grabdenkmälern. Synagoge, bedeutende Woll- und Baumwollinduftrie, Gerberei, Töpferei, Braunkohlengruben, lebhaften Handel und Anbau der Kardendistel. Außerdem eine alte Burg, die als Stammsitz eines der berühmtesten mährischen Geschlechter gilt und unterhalb dieser das neue Schloß des Grafen Mensdvrff-Puilly, 1826 erbaut, mit Gartenanlagen und Bildern aus dem Türkenkriege 1683, von niederländischen Meistern auf Pergament mit Goldgrund gemalt. Wenn du aber, mein sehr verehrter Leser, glaubst, daß du nun auch genau über Boskowitz unterrichtet seiest, so befindest du dich auf dem sogenannten Holzwege. Boskowitz ist nämlich auch eine der ältesten jüdischen Gemeinden des Landes und auch heute noch eine der angesehensten. Es war länger als vierzig Jahre Sitz des Landrabbinats und seit Jahrhunderten saßen auf seinem nicht allzugut gepolsterten Rabbinatsstnhl Männer von hohem Ansehen in der ganzen Diaspora und von überragender Gelehrsamkeit auf talmudischem Gebiete. Außerdem aber liegt Boskowitz^in einer sehr romantischen Umgebung am Eingang zur mährischen Schweiz, die sich von der wirklichen nur dadurch unterscheidet, daß sie keine Berge hat, dafür aber gewaltige Höhlen wie die von Sloup und Adamsthal, ill denen man neuerdings sogar prähistorische Funde gemacht hat. Etwas prähistorisch — wenigstens für unsere Laienbegriffe — find auch die jüdischen Verhältnisse daselbst. Boskowitz gehört nämlich, soviel ich weiß, zu den autonomen Judengemeinden, von denen sich noch einige in Mähren bis auf diesen Tag erhalten haben, d. h. also zu denen, die ihre Politische Selbstverwaltung einen eigenen Bürgermeister, Polizei, Briefträger, Nachtwächter usw. haben. Eine solche autonome Gemeinde hatte sich also eines Bürgermeisters und eines Vorstehers zu rühmen. In Boskowitz sind die Leute einmal so klug gewesen, aufs Schloß zu gehen und den Burgherrn zu bitteil, daß er das Bürgermeisteramt übernehme. Er hat's auch getan zum Segen der Gemeinde. Heutzutage wäre das kaum möglich. Ich weiß leider nicht, wie die Verhältnisie sollst in diesen autonomen Gemeinden gegenwärtig sind, aber aus meiner Jugend erinnere ich mich einer solchen, in der es ivirklich oft pudelnärrisch znging. Zwar der Bürgermeister war ein tüchtiger urid grundgescheiter Mann, der auch der größten Kommune Ehre genlacht hätte. Die Polizei aber bestand nur ans einem Manne, und der hieß krunrp Dowidel. Der Diener der heiligen Hermandad hinkte nämlich — und so waren ihm die Diebe und sonstigen Uebeltäter natürlich über. Auch der Briefträger war eine komische Persönlichkeit. Er war im Nebenamte ein großer Lamden — und so konnte es wohl geschehen, daß er aus der Straße sich mit einem Fachgenossen derart in eine talmudische Diskussion vertiefte, daß er die Briese auszutragen darüber vergaß. Nicht weniger komisch war der Nachtwächter der autonomen Jlldengeiileinde, der in der Zeit zwischen den einzelnen Stunden, die er abzupseifen