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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 478 (sequence 12)
Language
German
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478 sofort die Empfindling: „Welch ein Stoff! — aber das werden dir ja die Leser nicht glauben, wenn du die überlieferten Umrisse beibehältst, und verwischest du sie, um glaubhafter zu sein, so ist die Wirkung vertan!" Gleichwohl legte ich den Zeitungsausschnitt zu meinen Skripturen. Zwei Wochen später, als ich wieder in Berlin war, besuchte mich ein lieber Freund, ein namhafter Historiker. „Da habe ich Ihnen was mitgebracht", sagte er nach der ersten Begrüßung, „das ist ein Stoff für Sie!" Und er zog den Ausschnitt aus der „Vossischen Zeitung" hervor. Ich sagte ihm meine Bedenken; er redete sie mir aus. Das jüdische Leben sei mir vertraut, das deutsche Leben in der Zeit, um die es sich handele — der Reformation — nicht fremd. „Natürlich müssen Sie sich den Stoff zurechtkneten", meillte er, „aber das ist ja dann Ihr gutes Recht! Erwägen Sie, >vie arm wir an historischen Novellen aus dein jüdischen Leben sind — es iväre also der Mühe wert!" — „Freilich", gab ich zu, „wenn's nur geht!" — „Es wird schon gehen, wenn Sie »vollen!" Und als er ging, da hatte er mich so »veit, daß ich ernstlich und redlich »vollen »vollte. Mein erstes »var nun, daß ich mir von dem Kollegen, der jenes Referat geschrieben hatte, das Buch erbat. Der liebens- »vürdige Mann, Alexander voir Huhn, hatte die Güte, mir den gewaltigen Band selbst zu bringen. „Ich kann mir denken," sagte er, „was Sie an dem Buche interessiert. Natürlich die Geschichte von Jakob und Lorche. Als ich sie las, dachte ich sofort, das »väre ein Stoff für Sie. Darum freut's mich, daß Sie nun darauf gekonimen sind. Hier haben Sie deir dicken Wälzer, genießen Sie ihrr mit Geduld, solange Sie mögen, aber dann schreiben Sie die Geschichte!" Der Band führt den Titel: „Die von Kronberg und ihr Herrensitz. Des Geschlechts Ursprung, Blüte, Ansgang. Der Burg Gründling, Ausbau. Niedergang, Zerfall, Wiederherstellung. Eine kulturgeschichtliche Erzählung ans elf Jahrhunderten 770 bis 1898 von Lud »v ig Freiherrn von Ompteda. Bilderschinuck von Conrad Sutter in Mainz. Frankfurt ain Main. Verlag von Heinrich Keller, 1899." Ein langer Titel, aber das Buch hat 650 Quartseiten. Ach, wenn's nur das »väre! Herr Ludwig von Ompteda ist zweisellvs ein sehr fleißiger Forscher, aber die Gabe flüssiger, übersichtlicher Darstellung hat er mit seinem bekannteren Namensvetter Georg, dein Romandichter, ilicht gemein ... Nun, ich habe das dicke Buch geivissenhast durchgelesen, und — auch von meinem Stoff abgesehen — »nanches daraus gelernt. Und im Anschluß daran habe ich noch andere, ebenso dicke Bücher durchgelesen, so Luthers Briefwechsel uird. andere Quellenwerke, »vo ich Aufschluß über die unerhörte Episode aus der Geschichte der Kronberge, die Herr von Omp° tcda skizziert hat, Aufschluß zu finden hoffte. Mit geringem Erfolg, aber doch nicht ganz ohne Erfolg. Was die Zeitgenossen über Jakob und Lorche niedergeschrieben und drucken ließen, oder vielmehr: »vas nachträglich von diesen Zeugniffen und Briefen gedruckt wurde, »verde ich »vohl ohne allzugroße Lücken zusanllnengebracht haben. Gar zu viel ist's nicht, aber gar zu »venig auch nicht. Jedensalls »väre mancher Erzähler glücklich, wenn er für eine historische Novelle, die er schreiben »vill, soviel Material beisannnen Hütte. Aber daran eben liegt's. Je mehr Details ich zusammenbekam, um so deutlicher »vurde mir: „Deine erste Empfindung war die richtige. Schreibst du es so hin, lvie es sich begeben hat, so glaubt'» dir nieinand, und änderst du, so ist die Geschichte vielleicht nicht mehr des Erzählens »vert. Und darum: Strich drüber! Du machst den arinen Jakob nicht zum Helden einer Novelle und läßt auch sein schönes, getreues, ungetreues Lorchen ungeschoren. Punktum. Pause. Streusand d'raus." Vielleicht werden dies mindestens einige Leser verstehen, wenn ich ihnen erzähle, »vas die Quellen berichten. Ich ordne zu diesem Zwecke die Notizen möglichst übersichtlich, füge auch ab und zu ein erläuterndes Wort ein, füge aber »richts aus eigener Erfindung bei. Vielleicht »virken auch diese dürren Tatsachen auf andere so, »vie auf mich: sie interessieren und locken ins Grübeln über das seltsamste, unerforschlichste aller Rätsel aus Erden: das Menschherz. Vielleicht! — und wenn's nicht so ist, so rvasche doch ich meine Hände in Unschuld. Nie hätte ich gedacht, mit diesen Notizen hervorzutreten, wenn nicht der Herausgeber dieser Zeitung für seinen neuen Jahrgang eine Erzähllmg von mir geivünscht hätte. Eine Erzählung konnte ich ihm aber nicht bieten, nur eben die Tatsachen, aus denen ich eine Erzählung zu formen gedachte. Ein Schein» gibt »nehr als er hat. Ich gebe, »vas ich habe. * * * Nordwestlich von Frankfurt am Main, am Südabhang des Taunus, liegen Stadt u»»d Schloß Kronberg; sie sind in neuester Zeit als Sitz der Kaiserin Friedrich wieder viel genannt »vorden. Dieser Fürstin verdankt auch die »»»»fassende und eingehende Arbeit des Herrn von Ompteda ihre Entstehung; es »var ihr Wunsch, die Geschichte des seit zivei Jahrhunderten erloschenen Geschlechts der Reichsritter von Kronberg, deren Blut übrigens in de»» Adern einer Reihe fürstlicher Fanrilien, so der Kobnrger, der Mecklenburger, auch der Hohenzollern, fortrollt, klargestellt zu sehen. Für unsere Zrvecke genügt es. zu verzeichnen/daß die Kronberg-Eschborn schon im XII. Jahrhundert mächtige nlid begüterte Reichsministerialen in der Wetterau »varen. Ihren Besitz dankten sie außer der Gnade der Staufen einen» eigentülnliche»» Privileg der Ministerialen dieses Gaus. In den »vetterauischen Slädteu (Frankfurt, Gelnhausen, Friedberg. Wetzlar) „ivar es Gebrauch, daß, wenn einer dieser Ministerialen eine Jungfrau sah, die ihn» gefiel, er sie von dem Könige znm Weibe begehrte." Dann trat des Königs Marschall vor das Haus der Erlvählten, einer reichen Bürgerstochter, sprach den Werbereim und „damit »var, so gut wie durch Priestersegei», die Jungfrau des Fremden Weib." Zwei Rainen solcher reichen Mnßbrüute der Kronberger, die Oinpteda verzeichnet, klingen so, als hätte der kuriose Brauch für die Leser dieser Zeitschrift näheres Interesse: „Klobelauch" (Knoblauch) und „Goldstein". Der alte Goldstein ließ sich's übrigens nicht gefallen und appellierte an den König, der 1232 den Brauch aushob. Aber das »varei» damals die Namen angesehener christlicher Bürger (»vie etlva auch „Ochs", „Stier" und „Rindsina»»!") und »vurden eben darun» viel später von Inder» erwählt. Im übrigen ist von den Kronbergern durch lange Jahrhunderte airscheinend nichts besonderes zu berichten — viel Krieg, viel Gelage, auch ein wenig Raub — so kainen sie „in Ehren" ernpor, langsam, aber doch sichtlich. Ein Zug jedoch verdient Hervorhebung. Ein regsames Geschlecht, auf Mehrung seines Besitzes bedacht, »verfen sie sich früh auf geistliche Pfründen und — das Halten von Jude»». Gleichzeitig mit dem Recht, sein Dorf „Chrvneberg" mit Mauern zu umgeben und „Stadt" zu nennen, erlangte Hartnrut von Kronberg von Ludwig den» Bayer 1330 das sehr einträgliche Privileg, „zu Kronberg zivölf Juden zu halten", die z»var als „Kaiserliche Kaminerknechte" Eigentum des Kaisers »varen, aber doch auch dem Ministerialen, der sie auf seinem Boden duldete, steuern mußten. Die zu Kronberg — ich citiere wörtlich — „zahlten vo»»» 12. Lebensjahre an zu Weihnachtei» einen Goldgulden als Leibzins; ferner: Schutzgeld, eine Art Gewerbesteuer, die anf Zeit akkordiert wurde; Huldigungsgebühr, eine Kronsteuer, mit der sie Leben und Verinögen vom neuen Kaiser lösten; den dritten Pfennig; dazu Kriegssteuern und den Zehnten von ihrem Erwerbe und so weiter."

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