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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 477 (sequence 11)
Language
German
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477 Der Zeitschriftaufsatz enthält einzelne Ideen über Erziehung, deren Analhse jedoch, wenn sie die Gedanken des Verfassers klar machen wollte, ebenso wortreich ausfalleil müßte, ivie der Aufsatz selbst. Es ist übrigens nur der Anfang der Studien mitgeteilt; und erst gegen Ende werden zwei Teile des in der neuen Anstalt zu gebenden Unterrichts unterschieden: Elementarnnd Spezialunterricht; dem ersteren wird eine längere Ausführung gewidmet. Für unsereir Zweck hat nur eine Stelle besoilderes Interesse. Der Verfasser weist nämlich auf die besondere Bedeutung der Erziehung für die Inden hin llnd braucht dabei die Worte: „Und was ließe sich von diesem geilialischeil Volke erwarten, wenn es eine gehörige Leitung dlirch die Erziehung erhielte; von diesem Volke, ans dem einst die größte aller Weltrevolntionen heroorging und der erste Impuls zu unserer heutigen Kultur gegeben wurde. Was ließe sich von einem solchen Volke erwarten, das im großen Kampfe mit dem Weltschicksale sich durch seine eigene Kraft noch immer erhalten, indes die anderen Völker des Altertums bis auf ihre Namen untergegangen sind." Den ganzen letzten Satz hat Bettine mit Tinte unterstrichen und ans dem Blatte gegenüber die Worte geschrieben: „Das ist ein großer Trost, daß wir hoffen, wenn uns die Menschen erwürgen, daß uns Gott wieder auferweckt." 2. Makk. 7, 14. Die zweite Schrift führt den Titel: „Einige Worte über Erziehung mit besonderer Hinsicht auf das jüdische Philanthrvpiu zu Frankfurt a. M., beigesügt dem Konspekt des Examens, welches den 29. und 30. Dezember gehalten wird. Von Dr. Franz Joseph Molitor, Inspektor nnd Oberlehrer an diesem Justitnt. Frankfurt 1807." Die Schrift gibt eine kurze Geschichte der Entstehung der Anstalt und enthält u. a. die Notiz, daß die Schule damals bon 38 Kindern besucht wurde. Sie gewährt ferner die Auseinandersetzung, daß die Erziehung Verstand nnd Gemüt in gleicher Weise beschäftigen, daß sie nach den verschiedenen Ständen verschiedeil sein müsse. Mit besonderem Nachdruck wird moralische Erziehung betont. Sodann werden die einzelnen Disziplinen durchgenommen: Moral, Kenntnis der Natur, Kenntnis des Menschen, Vorbereitung zum bürgerlichen Leben: Rechnen, Geographie. Zum Schluß werden die guten Menschen aufgefordert, reichliche Beiträge einzusenden zur Erhaltung und Ausgestaltung der Schule. Längeres Verweilen bei dieser Schrift scheint mir nicht nötig; nur eine Stelle mag heroorgehoben werden, die gerade für die Leser dieses Blattes Interesse haben dürfte: „Was nun den Unterricht in der Religion und der hebräischen Sprache betrifft, so wird nun nicht zwar mit der Erklärung der Bibel angefangen, da dieses Buch sowohl in Hinsicht seines Inhalts, als auch in Hinsicht der Sprache für den ersten Unterricht zu schwer ist, sondern mit der Uebersetzung des Abtalion, womit einige Uebungen in der Deklination und Konjugation verbunden werden. In her zweiten Klasse wird zur Erklärung der Bibel mit gewissenhafter Auswahl fortgeschritten und besonders die Geschichte der jüdischen Nation weitläufig behandelt werden. Dabei werden die Passendsten Regeln der Sprachlehre vorgetragen. Diese Methode wird in der ersten Klasse weiter verfolgt und hier mit Erklärung schöner Stellen aus den übrigen Schriften des alten Testaments abgewechselt, wodurch man die Schüler in den Stand zu setzen sucht, die hebräischen Schriften mit Hilfe eines Wörterbuches für sich lesen zu können." Damit ist die Reihe der „jüdisch-pädagogischen Frankosurtensien", die von Bettine nach Weinrar geschickt, von ihr mit einzelnen Bemerkungen begleitet, von Goethe aufmerksam durchgeleseu und sorgfältig aufbewahrt wurden, erschöpft. Man wird ja sagen müssen: Goethes Interesse war gerade kein enthusiastisches, im Gegenteil, dem schönen apostolischen Eifer der Bettine gegenüber ein geradezu kühles. Und doch hat es etwas Rührendes, die Sorgfalt 311 beobachten, mit der Goethe auch diese fernliegende Materie zu durchdringen und sich über den fremdartigen Gegenstand ein eigenes Urteil zu erwerben sucht. Für mich war es ein erhebendes Gefühl, in einem kleinen Zimmer des Gvetheschen Hauses diese Broschüren in Empfang zu nehmen und in meiner eigenen Studierstube die Blätter zu durchleseu, auf die sein Auge geblickt, und ans denen seine Hand geruht hat. Und so darf der, der einen Nachtrag zu dem interessanten Thema: „Goethe und die Jubelt" liefert, in seiner Art den Vers brauchen, den Goethe dichtete, als er eine ihm geliehene Handschrift Friedrichs des Großen ausbessern ließ: Das Blatt, wo feine Hand geruht. Die einst der Welt geboten, Ist herzustellen fromm und gut, Heil ihm, dem großen Toten. Jakob und Lorchr. Von Karl Emil Franzos. 0-Uniljdruit nerluUeit.» phantasievollste Dichter auf Erden ist das Schicksal; ' es dichtet Novellen, so merkwürdig und seltsam, Ivie sie kein Menschenhirn ergrübeln könnte. Das weiß jeder, der sehenden Auges über diese Erde geht, weiß vollends jeder Dichter, und wird sich's daher, sofern er's ernst mit seiner Kunst meint, wohl überlegen, ehe er eine Geschichte so, wie sie sich begeben hat, hinzuschreiben wagt. Das Schicksal ist eben ein gefährlicher Rivale; es darf Effekte wagen, wiekein irdischer Poet, und der Satz, daß die wahrsten Geschichten die unwahrscheinlichsten sind, ist keine glitzernde Sentenz, sondern ein schlichtes Wahrwvrt. Wohl liest man manche unglaubliche Dichtung, die der Phantasie ihres Schöpfers entstammt, aber die unglaublichsten bleiben doch diejenigen, wo ein Poet es gewagt hat, der Wirklichkeit ein absonderliches Geschehnis nachznschreiben. Es geschieht seltener als man glaubt. Zumeist ist der Dichter besonnen genug, sich zu sagen: „Gewiß ein seltsamer, ja unerhörter Vorfall. Aber wollte ich ihn wiedererzählen, so müßte ich alles begründen, die Handlungsweise der Menschen klarstellen. Sicherlich haben auch sie gehandelt, wie sie nach ihrer Anlage handeln mußte», — aber wie merkwürdig war dann ihr Wesen! Angenommen jedoch, daß ich ihre innerste Natur erkennen und darstellen könnte, so wirkt doch hier sichtlich noch anderes mit: die Laune des Schicksals, die Willkür des Zufalls. Und böt' ich all mein bischen Kraft ans, ich käme doch mit dem Stoff nicht zurecht, ohne zu dem Notbehelf greifen zu müssen: ,Glaubt mir, denn es ist wahr; es hat sich wirklich begeben, da und da, — und dort und dort ist/s ausgezeichnet/ Das aber ist eine kümmerliche Krücke, den Weg zurückznlegen, wo er am steilsten ist, nnd kann ich sie nicht entbehren, so verzichte ich lieber auf den Stoff." So ist es mir mit der Geschichte ergangen, deren äußere Umrisse ich hier den Quellen nacherzählen will. An die zwei Jahre habe ich mich mit der Absicht getragen, den Stoff zn einer Dichtung zu gestalten. Ich las ihn zuerst, kurz znsammengedrängt, in einem Feuilleton der „Vossischen Zeitung" vom 30. August 1901; es war „Aus der Geschichte derer v. Kronberg" betitelt und die Besprechung eines kurz zuvor erschienenen historischen Quellenwerks. Ich las den Aufsatz fern von Berlin, in einem stillen Waldtal des Elsaß, und hatte

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