Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 476

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 476 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228568--60199-3296773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

476 Die Gegenschrift gegen Jacobsohns Schriftchen, welche Goethe inr Auge Hut, ist die folgende: „Bemerkungen über Herrn Geh. Finanzrat I. I." und nun folgt wörtlich der Titel der Jacobsohnschen Schrift 1808, ohne Druckort. 48 S. S. — au ivelche Stellen Goethe bei seinem Lobe denkt, ist natürlich schwer zu sagen. Lebhaftigkeit des Tons, witzige Einzelbemerknngen sind der Schrift gewiß nicht abznspreche»; der ungenannte Verfasser weiß mit großer Geschicklichkeit dieschwacheu Seiten der Jacobsohnschen Darlegung zu erspähen und gegen diese seine Waffen zu gebrauchen. Er verteidigt z. B. die Forderung, daß der Rabbiner Philosophie und orientalische Sprachen studiert haben müsse. „Er soll sich mithin so vorbereitet haben, daß er seiner Gemeinde ein völlig und in aller Rücksicht brauchbarer Lehrer sei. Gewiß glaubt der edle Fürst so wenig, daß Studiunr der Philosophie nud Philologie Rabbiner bilde, als es irgend ein denkender Mann glaubt; aber was auch Herr I. meint, nie kaim ein brauchbarer Theologe ohne gründliches Studium der Philosophie und Moral, und ein gelehrter Theologe ohne gründliche philologische Kenntnisse sein, — solange die Theologie eine Wissenschaft, zur Veredlung vernünftiger Menschen und auf heilige, in einer fremden Sprache geschriebene Bücher gegründet bleibt." Sehr gut ist die Widerlegung der Jakobsohnschen Behauptung, der Rabbiner habe mm, da Jurisdiktion u. a. ihm genommen sei, nichts mehr zu tun. „Hat der Rabbiner nicht im Tempel zu lehren? Hat er nicht Vorträge zu halten, welche Kenntnisse voraussetzen und verbreiten? Ist es nicht möglich, wenn der jüdische Gottesdienst in bloßen Fvrinalien besteht, mechanisch ist, ihn mm dahin abzuändern, daß er gehaltvoll werde und Nahrung für den Geist gebildeter Juden liefere? kann, darf, soll er nicht zur Aufklärung minder gebildeter Juden benutzt werden? Oder ist die Nation schon solveit vorgeschritten, daß niemand, durchaus niemand einen fortgesetzten Unterricht in seiner Religion, Ermunterung zum guten, Aufforderung zur Beharrlichkeit im guten, Warnungen vor Fehlern bedarf? Da wären wir ja in einem großen Irrtum gewesen und der Herr Jacobsohn hätte diesen, zur Ehre seiner Nation, uns berichtigen sollen!" Auch die folgende Stelle mag, nicht mit Unrecht, Goethes Beifall gefunden haben: „Gleiche Rechte muß der Staat seinen Bewohnern erhalten: Ungleichheit der Rechte hebt alle bürgerliche Ordnung aus.. . Nur eine gesetzgebende Gewalt kann im Staate stattftnden. nur eine richtende, sollen nicht Widersprüche auf Widersprüche entstehen. Oder soll zwischen Juden jüdisches Recht gelten? Unter ihnen erlaubt sein, ivas im Staate verboten; ungestraft, was im Staate gestraft wird? Verboten sein, >vas der Staat erlaubt? Sollen im 19. Jahrhundert noch die Ehescheidungsgesetze gelten, welche Moses für die rohe Horde gab? Soll das Weib — doch auch freies, vernünftiges Wesen — noch immer nur Sklavin des Mannes und die Ehe von seiner Laune und Willkür abhängig, das Weib im gesetzlichen Staate schutzlos sein? Eben das können ja keine Gründe sein, als sie bei jüdischen Ehescheidungen Vorkommen; und doch sollen dieselben ferner bestehen, aller besseren Ordnung zum Trotz?" — Sehr schwach dagegen ist des Autors Verteidigung der Abgaben, seine Rechtfertigung des Gebotes, daß die Juden wieder ins Ghetto zurück müssen. Er schiebt dem Gesetze Grund° sätze unter, die es gewiß nicht hat (S. 23 fg. 24 fg.). Aber auch die vier andern Schriften sind lehrreich genug. Zunächst zwei Aufsätze David Fränkels. Sie stehen in der Zeitschrift Sulamith. In dem ersten „Die Lage der Juden alter und neuerer Zeiten. Ein Wort des Trostes und der Ermahnung." (Sulamith, erster Jahrgang, zweiter Band, sechstes Heft, Seite 354—386) wird nach einer historischen Uebersicht über die Bemühungen Josephs 1I., Dohms und Mendelssohns die Forderung bürgerlicher Rechte für die Juden durch den Zeitgeist begründet. Ihre übermäßige Neigung zum Handel wird nur aus dem Zwange hergeleitet, der Vorschlag Dohms, daß nur je ein Kind zum Handel zugelassen werden solle, gebilligt, die Notwendigkeit betont, daß bie' Knaben Handwerke erlernen, die Jünglinge dem Soldatenstand sich widmen sollen. Aus einem Ueberblick über die Lage der Inden schöpft der Verfasser frohe Hoffnung für die Zukunft und schließt mit einem warmen Appell an die Juden selbst, ihren Kultus zu verbessern. Religionsschnlen einzurichten. Armen- und Krankenanstalten herzustellen. Dem zweiten Aussatz: „Ueber die religiöse Bildung der Frauenzimmer jüdischen Glaubens, Fragment aus einer freundschaftlichen Korrespondenz" ist ein blaues Blättchen vorgeklebt, mit Bettinens Inschrift: „Geisenheimer in der Schüfergasse 34, Sulamith, ein fein Exemplar 11 fl. 30. In dem Anssatz soll dargetan werden, daß weder in der Bibel, noch im Talmud eine Verachtung der Frau gelehrt wird. Es wird ferner behauptet, daß das Gebet „Gelobt sei Gott, daß du mich nicht als Weib erschaffen hast", keine Herabsetzung der Frau enthalte. Endlich soll gezeigt werden, daß die jüdischen Frauen an Bildung denen srüherer Zeiten überlegen sind, aber an Religiosität zu wünschen übrig lassen; für die religiöse Erziehung der Mädchen müsse eifriger als bisher gesorgt werden. Ist es nun schon interessant genug, daß Goethe durch Bettinens Fürsorge Kenntnis von einer jüdischen Zeitschrift erhielt, die ihm sonst völlig unbekannt geblieben wäre, so wird es noch interessanter dadurch, daß ein Zeugnis, mit welcher Aufmerksamkeit Goethe diese Schriften gelesen hat, übrig geblieben ist. In dem ersten Anssatz stehen nämlich einmal die Worte „des Religionshaffes, der sich mit dem herrschenden Differentismus keineswegs vereinbaren ließ." Das gesperrt gedruckte Wort ist natürlich falsch, es muß Jndifferentismus heißen; Goethe hat an dem Worte ein Zeichen gemacht und an den Rand deutlich die Buchstaben IN eigenhändig geschrieben. Außer diesen vier Schriften übersandte Bettine zwei Aufsätze von Molitor. Der eine stand gleichfalls in einer Zeitschrift (etwa auch in der Sulamith) und führt den Titel: „Ueber bürgerliche Erziehung mit besonderer Hinsicht auf das Schulwesen in Frankfurt." Die Redaktion hat ihn mit der Bemerkung begleitet: „Dieser Aufsatz ist von den Vorstehern der jüdischen Schule eingeschickt." Bettine ließ ihn mit Papier durchschießen und bemerkte auf dem Vorsatzblatt: „Von Molitor, über welchen mit morgendem Posttag eine genaue Relation schreiben werde. Bettine." Darauf hin erbat wohl, wie oben mitgeteilt, Goethe die Schilderung des merkwürdigen Mannes; Bettine kam diesem Wunsche in folgender Weise nach: „Dieser Edle ist der Meinung, daß, da er einen Leib für die Juden zu opfern habe, und einen Geist ihnen zu widmen, beide auch recht nützlich anzuwenden. Es geht ihm übrigens nicht sehr wohl, außer in seinem Vertrauen auf Gott, bei welchem er jedoch noch fest glaubt, daß die Welt nur durch Schwarzkunst wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist. Er hat großes Vertrauen auf mich und glaubt, daß ich mit der Divinationskraft begabt bin; brav ist er und will ernstlich das Gute; bekümmert sich deswegen nicht um die Welt und ums eigene Fortkommen; ist mit einem Stuhl, einem Bett mit fünf Büchern, die er im Vermögen hat, sehr wohl zufrieden." Joseph Franz Molitor, 8. Juni 1779 bis 23. März 1860, ist ein mannigfach tätiger Philosoph. Damals zeigte er mit Schelling und Baader Geistesgemeinschaft, seit 1813 widmete er sichrer Kabbala und schrieb große Werke über sie. Bei der Begründung des Philauthropins in Frankfurt gehörte er der Vorstandsschaft dieses Instituts an und wirkte seit 1806 einige Zeit als Lehrer an ihm.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.