Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 475 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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475 Virtel — guck einmahl, was draus, steht sagt der andres siet du net es ists letzte Viertel." Außer dieser einen Stelle kommt keine weitere Bemerkung in den Briefen der Frau Rat in Betracht. Möglicherweise erbat Goethe in seiner Antwort vom 22. Januar nähere Nachricht. Der Brief ist jedoch nicht erhalten. Dafür,' daß Goethe damals sich mit jüdischen Dingen beschäftigte, föitnte man ein Zeugnis finden, in dem Briefe an Heinrich von Kleist 1. Februar: „Ein Jude, der auf den Messias wartet."^) Goethes Aeußerungen über die Sache selbst und über die unsere Angelegenheit behandelnden Broschüren sind vom 24. Februar, 3. und 20. April, alle an Bettine gerichtet und lauten so:^) 1. „Senden Sie mir doch gelegentlich die jüdischen Broschüren. Ich möchte doch sehen, wie sich die modernen Israeliten gegen die neue Stüdtigkeit gebehrden, in der man sie frehlich als wahre Inden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte tractirt. Mögen Sie etwas' von den christlichen Erziehungsplanen behlegen, so soll auch das unfern Dank vermehren." 2. „Die Dokumente philantropischer Christen- und Judenschaft sind glücklich angekommen, und Ihnen soll dafür, liebe kleine Freundin, der beste Dank werden. Es ist recht wunderlich, daß man eben zur Zeit, da so viele Menschen todtgeschlagen werden, die übrigen aufs beste und zierlichste ausznputzeu sucht. Fahren Sie fort mir von diesen heilsamen Anstalten, als Beschützerin derselben, von Zeit 31t Zeit Nachricht zu geben. Dem Braunschweigischen Juden Heiland ziemt es wohl, sein Volk anglsehen, wie es sehn und werden sollte, dem Fürsten Primas ist aber auch nicht zu verdenken, daß er diesz Geschlecht behandelt wie es ist, und wie es noch eine Weile bleiben wird. Machen Sie mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor. Wenn der Mann so vernünftig wirkt, als er schreibt, so muß er viel Gutes erschaffen." 3. „Es war mir sehr angenehm zu sehen, daß man beu Finauzgeheimeräthlichen, Jacobinischen Israels Sohn so tüchtig nach Hause geleuchtet hat. Können Sie mir den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen. Es sind treffliche einzelne Stellen drinn. die in einem Plaidohö von Beaumarchais wohl hätten Platz finden können. Leider ist das ganze nicht rasch, kühn und wuchtig genug geschrieben, wie es hätte sehn müssen, um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt eilt für allemal lächerlich zu machen. Nun bitte ich aber noch um die Judenstädtigkeit selbst, damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aushöre. Was Sie mir voir Molitor zu sagen gedenken, wird mir sehr angenehm sehn. Auch durch das letzte, was Sie von ihm schicken lvird er mir merkwürdig, besonders durch das, was er von der Pestalozzischen Methode sagt." In dem nächsten Briefe an Bettine vom 4. Mai ist scholl nicht mehr davon die Rede, und auch in den darauf folgenden vorn Juli koinmt der Briefschreiber nicht mehr auf die Angelegenheit zurück. Dies ist um so merkwürdiger, als in der zuletzt mitgeteilten Briesstelle Goethe erst die Judenstättigkeit verlangte und darnach erst erhielt; trotzdem nahm er keine Gelegelcheit, sich darüber zu äußern. In den oben mitgeteilten Briefstellen urteilte Goethe über folgende Schriften: 1. und 2. je eine Schrift von Jacobsohrt und Molitor, 3. eine Schrift gegen Jacobsohn, 4. eure zweite Schrift vor: Molitor. Bon ) Nur Seite 347, Juli 1808, erwähnt sie einmal, daß bei schönem Wetter Juden und Christen durch einander vor dem Tore spazieren gingen. 3) Er wird nur im Tagebllch unter dem genannten Datum erwähnt, Weimarer Ausgabe IH, 3, S. 315 Z. 10. h Briefe. Weimarer Ausgabe 20, 15. 5) Beachtet werden naturgemäß in dieser Zusammenstellung nur diejenigen Briefe Goethes, die in der Weimarer Ausgabe stehen und auch nur in dem Wortlaut, in welchen! sie dort abgedruckt sind. Bekanntlich hat Bettine in ihrem Buche: „Goethes Brieswechsel mit einem Kinde" diese Briefe ziemlich willkürlich behandelt, Stücke verändertund eingefügt, auchgauzeselbstäudige Briefe hinzugetan. Alle diese Aeußerungen Bettinischen Ursprungs werden naturgemäß hier nicht berücksichtigt. diesen Schriften konnte ich in meinem früheren Aufsatze nur zwei besprechen, nämlich die Schrift voll und gegen Jakobsohn. Jetzt kann ich alle vier und noch zwei weitere Nachweisen, die Goethe aus Frankfurt von Bettine erhielt. Sie fiub noch heute in Goethes Bibliothek erhalten uild wurden von ihm in einen blauen Umschlag gelegt und mit der eigenhändigen Aufschrift, versehen: „Jüdisch-Paedagogische Franc o-furtensien." Die beiden erster: Schriften sind zwar von mir schon in dem angeführten Aufsätze charakterisiert. Da ich aber nicht Vorallssetzen kamr, daß diese Darlegung den Lesern dieser Zeitschrift bekannt sind, so darf ich wohl voll deul damals Gesagten einiges an dieser Stelle wiederholen. Nach dem Erlas; der Frankfurter Stättigkeit veröffentlichte Jakobsohn folgende Schrift: „Untertänigste Vorstellung an Seine Hoheit den Fürsten der Rheinischen Konföderation über Höchst dessen neue Stättigkeit- und Schutzordllung für die Juderlschast in Frankfurt am Main." Von: Geheimen Finanzrat Jsr. Jakobsohn in Braunschweig 1808, gedruckt bei Fr. Vieweg 31 SS. — Er bekämpfte besonders folgende Bestimmungen: 8 2. Die drei Subjekte, welche die Juden zu Ober- und Unterrabbiuern vorzuschlagen haben, sollen von dem protestantischen Konsistorülln geprüft werden. 8 9—12. Den Rabvinen soll alle Jurisdiktion genommen, der Bannstrahl rrur dann erlaubt werden, wellll Polizei oder Gericht ihn zu Hilft ruft; dagegen werde gründliches Studium der orientalischen Sprachen und Philosophie von ihnen verlangt. (Jakobsohn verlangt für den Rabbiner einen Sitz im Konsistorium.) § 16. Beschneidung darf nur nach eillgeholter Erlaubnis des fürstlichen Kommissars Vorgellvmulell werden. 8 19. Das jüdische Schulwesen untersteht der allgemeinen Schülkuratel. (Jakobsohll verlangt eilt jüdisches Schulkollegium, das auch Methode und Schulbücher vorzuschreiben hat.) 8 39—43. Nur 500 jüdische Familien dürfen in die Stättigkeit aufgenomlnerl werden; ist die Zahl nicht voll, so erlangt ein Ausländer Aufnahme, wenn er das 25. Jahr zurückgelegt, 6000 Glllden Vermögen aufzuweisen und eine Frankfurterin geheiratet hat. §52-66. Abgaben, Schutzgeld, dessen Höhe durch den fürstlichen Kommissar urld den Geuleindevorstand, nach Erwägung des Gewerbes, das jeder treibt und nach Maßgabe der besonderen Verhältnisse bestimint wird, jährliches Judenschaftskonzessiollsgeld von 22 000 Gulden, das von der gesamten Judenschaft entrichtet werden soll, Einquartiernngsgelder, Geschenke an die Behördell an Neujahr und beit Messen. 8 79. Solidarische Haftbarkeit der Juden. 8 103 ff. Erwerbung neuer Quartiere, Erbauung neuer Hällser, aber Wiederverweisung in die Jndengasse, sobald diese aufgebaut ist. § 114. Unterbringung jüdischer Knaben bei Meistern; „die Erfahrung wird danll lehren, ob und welcher gedeihliche Erfolg von dieser den Juden verschafften Besähigungsgelegenheit zu erwarten sei;" Jllden dürfen Güter bewirtschafteil urld Fabriken errichten, aber nur mit jüdischen Arbeitern. Zuletzt die zahlreichen Handelsbeschränkungen. Jakobsohn schließt mit einem Appell an den Fürstell, derartige Bestinlmungen könrre er nicht wollen. „Ihr so allgemein als tief verehrter Charakter, Ihr überall hochgefeierter Name bürgt dafür, Sie konnten das llie wollen. Sie können es am wenigsten jetzt wollen, jetzt in einem Zeitalter, da llnter dem faixteu Beifall der weisen, aller edlen und guten und aller nrenschlichen Menschen, die besten und erleuchtetsten Fürsten, die Zierden unserer Throne beschäftigt sind, beu Juden die schwersten Ketten abzunehmen; da ein Alexarrder, da der Held des Jahrhunderts, der Mann der Kraft und der Weisheit, da Napoleon als Befreier jenes urrglücklichen Volkes auftritt, das eine lange Reihe von Jahrhunderten hilldurch mit Schmach beladen, im Druck, im tiefsten Elende, irr eillem Zustande schmachtete, aus de"r das Laster und das Verbrechen lvie der Rauch aus der Flamure hervorgehen mußte."