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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 474 (sequence 8)
Language
German
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474 eine armselige Bezahlung. Von geistiger Entwicklung — keine Spur. Ebenso waren seine Kenntnisse bis ans Lächerliche armselig. oder besser gesagt, da er ja Lehrer war, bis ans Traurige. Sein Herz aber eine leuchtende Fackel von Liebe und Mitleid zu allein, was da lebt und leidet. Er sprach mit mir von den Ungerechtigkeiten und der Verachtung, welche das jüdische Volk so oft über sich ergehen lassen muß. Dabei redete er so kindlich, ohne Bosheit und von Liebe zuiu Beleidiger erfüllt. Er sagte: „Wenn der Mensch heftige Schmerzen erdulden muß, so stampft er mit den Füßen oder er schlägt mit der Faust auf den Tisch, er zerreißt irgend etwas mit den Zähnen oder er zerbricht, was ihm gerade in die Hände gerät. Er muß gegen irgend etwas seine Erbitterung entladen, und auf diese Weise leidet oft ungerechterweise derjenige, der da nuter die Finger kommt und zu schwach ist, dem Anprall zu widerstehen. Da nun die Not überall unter den Menschen groß ist, und gar viele großes Weh erdulden müssen, so ist es verständlich, daß manchmal auch der Jude für nichts und lvieder nichts unter dem Ausbruch der Erbitterung leiden muß. Ja, man muß eben leiden. Der Jude ist zum Dulden erzogen. Er kann gar viel erdulden und er wird eS über sich ergehen lassen. In diesem Falle soll mau nicht damit rechnen, wer die größten Schmerzen zu ertragen hat, sondern man müßte darauf bedacht sein, die ganze Menschheit von ihrer Not zu befreien und ganz allgemein das Leben erträglicher zu,' gestalten." „Und das wird geschehen, — fügte er in sicher klingendem Tone hinzu, — das wird aber nicht bald geschehen. Das kann nicht unterbleibe»." Dabei erleuchtete sich sein Gesicht vom Glauben an ein künftiges Glück der Menschheit, vom Glauben an eure allgemeine Verbrüderung in Liebe. Ich schaute in seine guten, reinen Augen, welche wie helle Feuer aus seinem abgemagerteu, verhungerten Gesichte leuchteten. „Das ist ein Jude", dachte ich, „ein einfacher ungebildeter Jude. Könnte man wohl unter uns erleuchteten Christen viele solcher überzeugter Idealisten mit solch großer, allumfassenden Liebe finden? Und dieser Jude ist doch sicherlich nicht der einzige unter den seiuigen. Man darf folglich nicht ein ganzes Volk mit einem Maßstab messen, man darf das gesamte Judentum nicht ausschließlich mit schwarzer Farbe ausmalen." Wir sehen die Schattenseiten des Judentums, übersehen seine Lichtseiten und geben uns nicht die Mühe, die Ursachen in Betracht zu ziehen, welche das „Schidowstwo"^) bedingen. Wir wissen sehr gut und sprechen oft vom Kaufmann von Venedig, vom Shakespeareschen Shhlok, dem wucherischen Juden, dem Blutsauger, der im stände ist, einen lebendigen Menschen ein Stück Fleisch auszuschneiden, und vergessen dabei den Lessiugschen Inden, Nathan den Weisen. Wir stechen den Juden die Augen aus mit einer Menge geschickter „Geschäftmacher", unsolider Unternehmer und andern dunklen Existenzen und wollen nicht des großen jüdischen Weisen Baruch Spinoza gedenken. Wir denken nicht daran, daß die ersten Verkünder der großen Wahrheiten des Evangeliums, die Apostel, Juden waren. Schließlich vergessen wir, daß wir das vollkommenste Bild der reinen weiblichen Seele, das Bild der Jungfrau Maria, dem Judentum zu verdanken haben. Unstreitig hat das geschichtliche Judentum, wie auch das der Jetztzeit viele Schattenseiten, viel spezifische Fehler und Gebrechen. Aber ist denn die außerjüdische Menschheit, sind denn die anderen Volker aller Sünde bar? Haften ihnen denn nicht dieselben Fehler und noch viel mehr Gebrechen an? Sollte sich heutzutage das evangelische Gericht Jesu über die Sünderin in neuer Gestalt abspielen? Sollten z. B. sämtliche christliche Völker durch ihre Vertreter den gefesselten Juden vor den -) II» übersehbar, bedeutet schlechte Charaktereigenschaften, ist abeleitet von „Schid", ein Schimpfname für „Jude". Nichterstuhl Christi bringen und seine Bestrafung verlangen, indem sie ihn fragen: „Was lvirst Du uns sagen?" So hätten sie wiederum jene große Antwort der höchsten Wahrheit zu höre» bekommen: „Wer da von Euch ohne Sünde ist, der werfe ans ihn, auf den Juden, bett ersten Stein." Und selbstverständlich wäre der Allsgang dieses Gerichts wiederum derselbe. Die gestrengen Richter lvären gezwungen, verwirrt und beschämt auf die Seite zu treten. In uns selbst, und zlvar nicht in geringem Maße, ist „Schidowstwo" vorhanden, und wenn lvir uns über alle seine Formen und Erscheinungen ernstlich entrüsten, so müssen wir nicht gegen das Judentum als Nation und gegen die Juden als Menschen kämpfen, sondern, eben gegen das „Schidowstlvo", d. h. das Böse im Menschen, und von diesem Bösen, ich wiederhole es, ist die Menschheit stark durchdrungen. Der Kampf dagegen ist also eine allgemein menschliche und nicht eine speziell jüdische Frage. (Schluß folgt.) Goethe, löettine und die ^frankfurter Juden. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. 4n meinem Aufsatze: Goethe und die Juden (Vorträge und Versuche. Dresden 1890) hatte ich der Anteilnahme gedacht, die Bettiue (damals noch Brentano, später verheiratete von Arnim) ein Frankfurter Kind, den Jllden zollte und die sie auch Goethe gegenüber bei der neuen Stättigkeitsordilung der Frankfirrter Juden (1807) bewies. Heute komme ich aus denselben Gegenstand zurück, teils mit Zugrundelegung von Goethes seitdem erschienenen Tagebüchern und dem authentischen Texte seiner Briefe, wie er in der Weimarer Ausgabe zu fillden ist, teils aus Grund von Broschüreumaterial, das sich irr Goethes Bibliothek in dem jetzigen Goethe-Nationalmuseurn zu Weimar befindet und mir durch die Freundlichkeit des Direktors dieses Museums, Herrn Geheimen Hofrats Dr. C. Ruland, anvertraut worden ist. Karl von Dalberg von Napoleons Gnaden Großherzog von Frankfurt, hatte im Jahre 1807, 30. November eine neue Stättigkeits- und Schutzordnung für die Juden erlassen, in welcher die alte Ordnung des Jahres 1616 als „dem Zeitgeiste und dem dermaligen Standpunkte der jüdischen Nation nicht mehr unpassend" aufgehoben, Erleichterungerl in Beziehung auf Abgaben und Beschäftigurrg gegeben wurden, besonders aber einzelne Forderungen der Aufklärungszeit in Betreff der Einmischung des Staats und der Einfügung der Juden in den allgemeinen Kulturverband Gesetzeskraft erhielten. Von dieser Ordnung bekam Goethe bald Kenntnis. Am 5. Januar 1808 schrieb seine Mutter ihm folgendes^): „aber das Volck Jsrahel zu deutsch die Juden sind all ihrem Mesias irre geworden. Unser gnädigster Fürst Primas erlaubte ihnen zum Allsang Seiner Regirung die Spatzirgänge vor den Thoren mit Christen gemeillschaftlich zu gebrauchen — da bildeten sie sich nun ein, das es immer weiter gehen würde und sie fatjen die Thore des neuen Jerusalems sich öffnen — aber da kam bey Varrentrapp und Wenner etwas gedrucktes heraus, das dem neuen Jerusalem gar nicht ähnlete und sie stutzig machte. — Neue Stättigkeit und Schutz-Ordnung der Frankfurther Judenschaft — ein wahres Meisterstück in seiner art — Bey Gelegenheit schicke ich dir es — nun kommen allerley Epigrammen in Umlauf — witzig sind sie, ob aber alles von ihnen kvlllmt, ist noch die Frage, eins aber gefält mir besonders — das sonst sogenandte Eschenheimer Thor heißt jetzt das Carls Thor, im hinaus gehen steht ein lateinisches C — gucke einmahl, sagte ein Jude zum andern, das erste h Briefe von Goethes Mutter an ihren Sohn, Christiane und August von Goethe, Schriften der Goethe-Gesellschaft IV. 336 fg. Der Brief wird ganz in der regellosen Orthographie der Schreiberin gegeben.

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