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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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473 Bne-Brith-Logen, der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union rc. Besonders wichtig sind die Proben aus den großen Tabellen der J. C. A. über die Inden in Rußland, die den Wunsch erwecken, bald die ganze umfangreiche Arbeit vorliegen zu sehen. Auch die Enquete über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Landbevölkerung in Baden ist sehr wertvoll. Die Beiträge zur Statistik der Juden in einzelnen Ländern enthalten sehr verschiedenartige Artikel. Der erste, von Goldberg über die jüdische Bevölkerung in Rußland nach der Volkszählung von 1897 enthält nur Ziffern, die schon vor Jahren von I. Turoff i» mehreren jüdischen Zeitschriften veröffentlicht wurden, ebenso sind die Ziffern über die Juden von Reivyork, welche der Artikel von Jacobs enthält, bereits vor längerer Zeit in der Jewish World von Newyork publiziert worden. Dagegen sind neu nud interessant, obwohl nicht immer einwandfrei die Artikel: „Das jüdische Elend in Odessa" von Brodowski, „Die Juden im Königreich Polen" von Leo Wengerow, „Zur Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Galizien" von Korkis, „Die jüdische Einwanderer-Bevölkerung Londons" von Halperu. sonne endlich die ausgezeichnete demographische Arbeit „Die Gesundheitszustände der eingewandertelr jüdischen Bevölkerung Newyorks" von Dr. Maurice Fischberg. Auf geringerem Niveau stehen die Artikel „Zur Statistik der bulgarischen Inden" von Dr. H. Rimalowskh, „Einige Bemerkungen über die jüdische Einwanderung in England" von Ed. Bernstein, „Das jüdische Proletariat in Frankreich" von Dr. Fried, „Die jüdische Bevölkerung Palästinas" von Dr. Moses Friedlünder, in dem kritiklos die verschiedenartigsten Zahlen einfach wiedergegeben sind. Der letzte Teil des Werkes enthält Beiträge zur Gesamtstatistik der Inden", indessen sind gerade diese Beiträge recht schwach. Der Artikel von Dr. Jndt „Die Juden als physische Nasse" stellt auf Grund ungenügenden Materials ziemlich phantastische Hypothesen auf. Der Artikel „Die Juden als Stadtbewohner" von Dr. Nuppin bringt nur die altbekannte Tatsache, das die Jude»! vorzugsweise in den Städten wohnen, und begründet sie mit Ziffern, die nicht neu und zum Teil nicht korrekt sind. Endlich der Schlußartikel „Zahl, Verteilung und Zunahme der Juden auf der Erde" bringt zivar viel Ziffern, unterläßt aber die notwendigen Schlußfolgerungen und den Versuch einer Ausgleichung der sich in den verschiedenen Quellen ergebenden Differenzen. Wenn wir dem Baud „Jüdische Statistik" als Ganzes gerecht werden »vollen, so müssen wir zugeben, daß er zwar ungleichmäßige Beiträge enthält, darunter auch viel minderwertiges Material, daß aber dennoch erfreulich ist, endlich einmal einen Anfang zu sehen in der schweren Aufgabe, eine jüdische Statistik zu schaffen. Hoffen wir, daß die weiteren Arbeite» dieses Vereines noch befriedigendere Resultate ergeben werde». Lin jüdisches Königreich. Bon G. S. Petras?) I. er Zug von Kiew nach Wien und Budapest geht über Wolotsehisk. Gleich über der Grenzlinie, ans österreichischem Boden liegt Podwolotschisk. Hier werden die Reisepässe und das Gepäck durchgesehen. Der Zug wird geivechselt und es entsteht dadurch ein Aufenthalt von etwa anderthalb 9 Der russische Priester Grigori S. Petras, kurzweg „Vater Petras" genannt, gehört heutzutage zu den gelesensten Schriftstellern Rußlands. Die Predigten, die er allwöchentlich in Petersburg abhält, ziehen sowohl das Volk wie auch die gebildetsten Kreise in großen Massen Stunden. Ich habe mich rasch der Gepäckrevision entledigt und schleudere im Orte hermn. Es ist Morgens. Im Städtcheil ist das Leben und Treiben schon im vollsten Gange. Auf dem Markt findet ein lärmender Handel statt, die Straßen sind belebt und aus den offenen Fenstern des Schulgebäudes erklingen fröhliche Kinderstimmen. Das Städtchen ist nicht groß. Es besteht aus etwa 150 Häusern, die auf ein paarkrumme und unscheinbare Straßen verteilt sind. Deir stärksten Eindruck, den man gewinnt — das sind die Inden. Ich bin Nordländer und kenne den Südwesteil Rußlands nur oberflächlich, sozusagen nur aus dem Eisenbahnwagen. Hier in Podwolotschisk, auf einem kleinen Fleckchen Erde, in eitlem winzigen Winkel, stieß ich zum erstenmal ans eine dichte Masse jüdischer Bevölkerung. Auf dem Bahnhofe und in seiner nächsten Umgebung befinden sich Juden. Danil begegnet man ihnen in großen Mengen auf der Straße. Auf dem Markte sind sowohl Käufer >vie Verkäufer Juden. In allen Geschäften, Juden. Aus den Fenstern der Wohnhäuser schauen jüdische Gesichter hervor. Ueberall — Inden und Juden. In einem und demselben Wagen fuhr mit mir ein polnischer Gutsbesitzer aus Lemberg. Im Hinblick auf die dichte jüdische Bevölkerung sagte er mir: „Ein wahres jüdisches Königreich!" „Und so ist es in ganz Galizien. Galizien ist förmlich voll Inden überschwemmt; sowohl die Städte wie die Dörfer." Ich wußte im voraus, was der Gutsbesitzer inir über die Juden erzählen wird. Die allgemeinen Klagen über die Juden, daß sie das Mark der Bevölkerung aussaugen, daß sie ,das Land ansplündern, daß sie ein Geschwür seien auf deui Körper des galizischen Bauern rc., waren mir schon zur Genüge bekannt. Ich mochte nicht zuin Hundertstenmal das hören, worüber schon unendlich oft gesprochen und geschrieben ivorden ist. Ich »vollte nun selbst, ganz von der Nähe, in dies Judentum hiueinsehen. Ich schaute in ihre Gesichter, in ihre Wohnungen und nach deren Kleidung. Von Ueberfluß war da keine Rede. Viel öfter sah ich nur die Not hervorblicken. Ich traf auf magere Gestalten und sah blasse Gesichter. Und merkwürdigerweise trugen diese mageren, blassen Gesichter einen Stempel von Intelligenz, von Verklärtheit möchte (ich sagen. Aus diesen Gesichtern sprach weder hungrige Habgier noch die gesättigte Selbstzufriedenheit eiiler sich vollgesogeneil Spinne, was man an dem Aussehen mancher bemerken konnte, welche in der Nähe des Bahnhofs lebhaft ihre „Geschäftchen" abwickelten. Später dann, in Leinberg, in der Provinzhauptstadtwo es ebenfalls voll Juden ivimmelt, wo sie ihr speziell jüdisches Theater besitzen und wo man in Straßen gerät, in denen unter fünf Firmenschildern inindestens drei^ in jüdischer Sprache uild jüdischen Buchstabeil ausgeführt sind, habe ich mich mit besonderem Interesse der Beobachtung eben dieser „magern und blassen Gestalten" der Judeil hingegeben und habe mich mit ihnen oft lange und gut unterhalten. Es ivaren hauptsächlich Proletarier, Kleiligewerbetreibende, Arbeiter ulid tatsächlich gute, brave Menschen. Einige von ihnen fielen mir sogar auf durch die ihnen innewohnende Seelengröße. Ich traf auf rührende Idealisten, Menschen, die von zärtlicher Liebe zu ihrem unglücklichen, verjagten Volke erfüllt waren, und die den heißen Glauben in sich trugen an einen einstigen Triumph der Wahrheit und an eine Verbrüderung der Menschheit. Ich entsinne mich eines „Melameds" (jüdischer Privatlehrer). Der Ariile führte ein Hungerleben, denil er erhielt heran. Die feindseligen Angriffe, welche Petras seitens der orthodoxen Geistlichkeit zu erdulden hat, haben ihm noch mehr zur Popularität verholken. Zur Zeit befindet sich sein neuestes Werk „Der Turm zu Babel" in Druck. Einige Kapitel dieses Werkes sind jedoch als Separatabdruck schon erschienen. Darunter befindet sich das Kapitel Ein jiidisches Königreich." Die Red.

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