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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 472 (sequence 6)
Language
German
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47 da die Judenkrawalle einen immer größeren Teil der Judenschaft in das Lager der revolutionären Opposition drängen, so schließt sich der Kreis der Wechselwirkung zwischen Judenverfolgungen und Wachstum der revolutionären Elemente immer Zeuger ohne Aussicht ans radikale Besserung. Die Inhumanität dieser ebenso verkehrten wie zwecklosen Politik zeigt sich unter anderem darin, daß nicht einmal die Bildung eines Komitees zur Unterstützung der Familien der Erschlagenen, Verwundeten und Ausgeplünderten von Homel gestattet wurde. So steht es jetzt im heiligen russischen Reiche mit der öffentlichen Ordnung. Die Schuld dafür tragen natürlich die Juden ... So sagt es der „Regierungsbote" selber . . . und alle antisemitischen Zeitungen bestätigen das einhellig. Den anderen Zeitungen aber wird von der Zensur strengstens Stillschlveigen angeordnet. In dieser Weise ist jeder Zweifel an der Richtigkeit der Behauptungen des „Regierungsboten" ausgeschlossen. Die Zeitungsleser aber werden dadurch in einer Stimmung erhalten, die notwendig ist zur Unterstützung der ärgsten und sinnlosesten Unterdrücknngspolitik. * Wie bei Gelegenheit der Kischinewer Greuel, so haben auch diesnial die amerikanischen Inden sich an die Regierung der Vereinigten Staaten mit der Bitte gewandt, sich für die russischen Juden bei dein Petersburger Kabinett zu verwenden. Aus Washington wird gemeldet: „Das Staatsdepartement empfing von zahlreichen jüdischen Einwohnern Philadelphias Bittgesuche wegen Sicherheit ihrer Angehörigen in Homel. Das Staatsdepartement beauftragte den amerikanischen Geschäftsträger in Petersburg, Erkundigungen einzuziehen, ob in Homel amerikanische Interessen in Mitleidenschaft gezogen seien." Nach einer anderen Meldung hätte Präsident Roosevelt auf Ersuchen der Israeliten in Philadelphia das Staatsdepartement beauftragt, den amerikanischen Geschäftsträger in Petersburg anzuweisen, sofort Erkundigungen über die persönliche Sicherheit der jüdischen Einwohner von Homel einzuziehen. Nach dieser Meldung würde Ainerika also Erhebung von Vorstellungen bei Rußland nicht von der Beeinträchtigung amerikanischer Interessen abhängig machen. Jndeß ist diese Meldung, wie uns berichtet wird, nicht zutreffend. In jedem Falle werden die Amerikaner hoffentlich auch diesnial eine geeignete Form finden, bei Rußland vorstellig zu werden. Wdilchr Statiltik. Von W. Bambus. ie Zerstreuung der Juden über alle Länder Europas und noch darüber hinans hat dazu geführt, daß die einzelnen Splitter der Judenheit sich untereinander kaum verstehen. Dies gilt natürlich nicht von der Sprache, wohl aber von der geistigen Entivicklung. Tatsächlich wissen wir deutsche Juden sehr wenig von dem Geistesleben der russischen Inden und diese ebensowenig von dem unseren- Genau das gleiche gilt natürlich von den englischen, amerikanischen, orientalischen Inden k. Dagegen sollte man annehmen, daß die materiellen Verhältnisse besonders unserer östlichen Glaubensgenossen uns um so besser bekannt sein müßten, da wir fortivährend zu Hilfsaktionen genötigt sind. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen von den allgemeinsten Grundzügen der ökviromischen Lage, eigentlich nur abgesehen von der Tatsache, daß es den Juden in Rußland rc. schlecht geht, wissen wir blutivenig von ihrem wirtschaftlichem Leben. Wir kennen ihre Berufe nicht, wir kennen die Situation nicht. in der sie diese Berufe ausüben und jede Hilfsaktion, die nicht vorübergehenden Charakter haben, sondern dauernde Abhilfe schaffen soll, muß damit beginnen, sich die Kenntnisse der ivirklichen Lage zu erwerben. Ich erwähne als Beispiel nur die Tätigkeit der J. C. A. in Rußland, die mit einer groß angelegten Statistik begonnen hat. Indessen ivir brauchen nicht einmal soweit zu gehen. Auch bei uns tu Deutschland kennen wir sehr wenig von der wirklichen Lage unserer Glaubensgenossen und wir stehen alle mehr oder weniger im Banne der Phrasen, die in den politischen Kämpfen seitens unserer Feinde immer und immer wiederholt schließlich bei uns selbst Glauben gefunden haben. Darum sind wir Juden selbst regelmäßig angenehm enttäuscht, wenn wissenschaftliche Untersuchungen sich mit der Lage und den Eigenschaften der deutschen Israeliten befassen, weil sie immer zeigen, daß lvir besser sind, als unser Rnf. Ich erinnere nnr an die weit verbreitete und lange von der Mehrzahl der Juden selbst geglaubte Fabel von der militärischen Minderwertigkeit der Israeliten, die durch das Werk „Die Juden als Soldaten", welches das Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe herausgegeben hat, so schlagend widerlegt wurde. Liegen die Dinge schon bei uns so ungünstig, so liegen sie in anderen Ländern noch schlimmer und deshalb ist jedes Unternehmen freudig zu begrüßen, das uns in populärer Form, aber streng wissenschaftlich Aufklärung über die gegenwärtige Lage der Juden in den verschiedenen Ländern geben will und kann. Nicht der einzige Weg, aber einer der zuverlässigsten zu diesem Ziele ist der Ausbau der jüdischen Statistik, das heißt der Statistik über Juden und jüdische Verhältnisse. Diesen Weg hat der Verein für jüdische Statistik eingeschlagen, der jetzt die Früchte seines ersten Arbeitsjahres in einem starken Bande: Jüdische Statistik (Berlin 1903. Jüdischer Verlag) der Oeffentlichkeit unterbreitet. Ein Verein, der sich ein so schwieriges Arbeitsgebiet auswählt, darf seitens der jüdischen Oeffentlichkeit die weitgehendste Rücksicht beanspruchen. Wenn daher sein Werk nicht so ausfällt, wie wir vielleicht erwartet haben, so müssen ivir mis klar darüber werden, welche großen Hindernisse die Tätigkeit dieses Vereins naturgemäß zuerst finden nnrßte. Das Feld ist so ungeheuer ausgedehnt, daß eine Beschränkung wahrscheinlich sich als nützlich erwiesen hätte. Statt dessen hat der Verein das ganze Gebiet der Statistik und Demographie 311 bearbeiten versucht und daher muß das, was er jetzt und noch auf lange hinaus bieten kann, Stückiverk bleiben, bis die außerordentlich großen ersten Arbeiten allmählich gestatten, abschließende Resultate zu fixieren. Wir finden dementsprechend in dem bisher erschienenen Bande neben den Vorarbeiten, wie Bibliographie re., Proben aus statistischen Arbeiten großen Stiles und dagegen auch minderwertige Aussätze über Einzelheiten. Eine kurze Uebersicht wird dein Leser zeigen, wie mannigfaltig das gebotene ist, freilich auch, wieviel zu wünschen übrig bleibt. Einem interessanten Aufsatze über Ziele und Arbeitsgebiete der jüdischen Statistik, den der Herausgeber, Dr. Nossig, geschrieben hat, folgt eine Bibliographie, die leider mangelhaft ausgefallen ist. Mit leichter Mühe ließe sich die zehnfache Zahl von Büchern anführen, die vergessen sind, als die aufgezählt werden. Auch die jüdischen Zeitschriften werden nnr sehr mangelhaft zitiert, besser schon die amtlichen Statistiken, doch sind selbst dabei Fehler unterlaufen. So beginnt, um nur ein Beispiel zu geben, die Kriminalstatistik des deutschen Reiches schon 1882, während sie in der Bibliographie erst vom folgenden Jahre an aufgezählt wird. Außerordentlich interessant ist die Uebersicht über die statistischen Arbeiten vieler großen Vereine, so der J. C. A. in Rußland, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, der

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