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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 471 (sequence 5)
Language
German
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471 zu ernähren und daher ein verhältnismäßig starkes Kontingent des Handelsstandes stellen, so wirft die Konkursstatistik durchaus kein ungünstiges Licht auf die Juden. * Ueber den jüngsten Judenkrawall in Rußland kommen jetzt die ersten authentischen Nachrichten in Privatbriefen und Mitteilungen der Blätter. Danach ist die Sache natürlich ganz anders entstanden und auch ganz anders verlaufen als die Meldungen der Regierungsorgane glauben machen wollten. Im Lügen sind die russischen. Offiziösen denen aller Länder Europas weit über. Man höre nur, was von unbefangener Seite über die Unruhen in Homel berichtet wird: „Schon für Freitag, den 11. September, war in Homel ein Jndenkrawall geplant und nur durch die jüdische „Selbstwehr" vereitelt worden. Solche Selbstwehren haben sich nach den Kischinewer Greueltaten in verschiedenen Städten Rußlands gebildet, um die von bekannter Seite planmäßig veranstalteten Metzeleien zu hintertreiben. Tatsächlich ist es diesen Organisationen zu verdanken, daß die im Frühling dieses Jahres an zahlreichen Orten geplant gewesenen Plünderungen und Niedermetzelungen der Juden unterblieben sind. Jetzt hat die Schutzwehr in Homel gezeigt, daß der Geduldsfaden der jüdischen Massen gerissen ist, daß diese nicht mehr geneigt sind, sich ohne weiteres abschlachten zu lassen. Die Einzelheiten des Homeler Krawalles waren, so weit bis jetzt bekannt ist, folgende: Als am Freitag nachmittags um 5 Uhr ein Bauer mit einer Jüdin über einen Heringshandel in Streit geriet, suchten mehrere Bauern diesen Zwischenfall, der sofort zur Bildung zweier Parteien Anlaß gab, auszunützen und begannen eine regelrechte Plünderung des jüdischen Besitztums. Infolgedessen liefen viele Juden, namentlich Schlächtermeister, herbei, und es entstand eine erbitterte Schlägerei. E r st später kam die Polizei hinzu, trieb die Leute auseinander und verhastete zwölf Personen. Während der Schlägerei waren verschiedene Juden und Christen verwundet worden. Einer der verwundeten Christen starb am nächsten Tag. Die Nacht vom Freitag zum Sonnabend und den Sonnabend hindurch gingen die Juden in den Straßen umher und verhinderten weitere Unruhen. Auch am Sonntag, au dem die Branntweinverkaussstellen geschlossen waren, wurde die Ruhe nicht gestört. Unterdes arbeiteten Agitatoren daran, das Volk gegen die Juden aufzuwiegeln, daß sie an den Juden Rache nehmen sollten, obgleich es feststand, daß die Juden nur in der Notwehr gehandelt hatten und daß es auf beider! Seiten Verwundete gegeben hatte. Unter den Hetzern befanden sich mehrere Gymnasiasten und ein Kaufmann. Bis Montag verhielt sich die Bevölkerung trotzdem still. Da kam am Montag Militär aus dem Lager, und damit war das Schicksal der Juden besiegelt, da jede Selbstverteidigung unmöglich gemacht wurde. An dieseur Tage begannen an: 12 Uhr mittags hundert Arbeiter, die aus den Eisenbahnwerkstätten kamen, in der Technitscheskaja-Straße eine Plünderung im großen, überfielen die jüdischen Häuser, zerbrachen die Fenster, zertrümmerten die Möbel und mißhandelten wehrlose Juden. Als die Juden aus der Mitte der Stadt den Geplünderten zu Hilfe eilten, versperrte ihnen das Militär den Weg, während die Plünderer, die inzwischen in zwei andere Straßen, die Wetrenaja und Nowokowskaja, eingedrungen waren, ihre Arbeit ungehindert fortsetzen durften. Nun versuchten die zur Verteidigung herbeigeeilten Juden die Soldatenreihen zu durchbrechen, um ihren bedrängten Brüdern zu Hilfe zu kommen. Da das sonst passive Militär ihnen gegenüber sehr energisch vorging, kam es zu einem heftigen Zusammenstoß. Es fielen Schüsse und verschiedene Tote und Verwundete blieben auf dem Platz. So geschah es, daß 200 Judenhäuser zerstört wurden, daß eine Reihe von Toten christlicher- und jüdischerseits (wie es heißt, acht Christen und sieben Juden) auf dem Homeler Schlachtfelde blieben, während es für das Militär ein leichtes gewesen wäre, Plünderungen und Blutvergießen zu verhindern." Privatbriefe ans Homel bestätigen und ergänzen diese Mitteilung russischer Blätter in erschütternder Weise. Infolgedessen hat der Hilfsverein der Deutschen Juden bereits einen Betrag zur Linderung der unmittelbaren Notlage bewilligt, und lvird, falls es erforderlich ist/ auch weitere Bewilligungen für die Beschädigten machen. Die Krawalle hatten übrigens einen größeren Umfang, als man ursprünglich berichtete. Eine jüdische Gemeinde von über 25 000 Seelen wurde zum größeren Teile zerstört und ausgeplündert. Biele Juden fanden beim Schutze rhres Eigentums den Tod. Charakterisch für das Verhalten der amtlichen Kreise ist die Ansprache des Gouverneurs Klingenberg an eine Deputation der jüdischen Notabelu Hömels, die folgendermaßen lautete: „Meine Herren! Ich bin ausschließlich Ihretwegen hierher gekommen. Mir tun die unglücklichen, unschuldigen Opfer sehr leid, denn gelitten haben eben nur Unschuldige und Arme. Woher konnte eine solche Erbitterung einer Bevölkerungsgruppe der anderen gegenüber, die eine andere Konfession bekennt, entstehen? In Rußland existiert eine vollkommene Religionsduldung. Das wissen die Juden selbst, die die jüdische Religion bekennen, am besten. Die Ursachen der letzten Ereignisse müssen viel tiefer gesucht werden. Ich kenne das Mohilewer Gouvernement seit 25 Jahren; früher waren die Juden ganz treue Untertanen, nahmen au keinen politischen Bewegungen Teil, und da war keine Rede von Krawallen. Die Krawalle, die in den 80er Jahren stattgefunden haben, trugen einen ganz anderen Charakter; dieselben waren eine Folge des jüdischen Joche s, unter welchem die christliche Bevölkerung sich befand. Jetzt aber ist alles gänzlich anders geworden. Jetzt treten die Juden als Leiter und Rädelsführer bei sämtlichen regierungsfeindlichen Bewegungen hervor. Der ganze „Bund" (unter diesem Namen ist der „Bund der jüdischen sozialistischen Arbeiter Rußlands und Polens" zu verstehen) und die gesamte Sozialdemokratie (darunter wird wahrscheinlich die „russische sozialistische Partei" gemeint sein) bestehen nur aus Juden. Allerdings kommen in diesen Bewegungen auch Leute anderer Religionsbekenntnisse vor, aber die letzteren sind nur die Aufgehetzten, die Aufhetzer sind aber nur Juden. In den Gymnasien verderben die jüdischen Schüler die Jugend; an den Universitäten werden alle verbotenen Zusammeukünste nur von Juden veranstaltet. Ueberhaupt sind die Juden jetzt sehr frech und ungehorsam, sie haben jede Achtung vor der Negierungsgewalt verloren. Seht Euch nur einmal um: die niedrige Polizei hat jetzt gar keine Bedeutung, man will dieselbe garnicht mehr anerkennen. Immer und überall äußern die Juden ihre vollkommene Mißachtung und Unduldsamkeit gegenüber den Christen. Da haben Sie Beispiele: Ein Radfahrer hat meine Frau angerempelt. Wer ist es? Ein Jude. Ich begegne auf der Straße einem Gymnasiasten mit einer Zigarette im Mund, der, ohne mich zu begrüßen, passiert. Wer ist es? Ein Jude. Eine Gymnasiastin hat beim Kleiderablegen meine Frau mit ihrem Ellbogen gestoßen; auf die Frage meiner Frau, warum sie nicht um Entschuldigung bitte, bekam sie die Antwort: „Ich habe es nicht bemerkt." Wer ist es? Wieder eine Jüdin. Da, meine Herren, liegen die Ursachen. Ihr selbst seid an all' dem Geschehenen schuldig. Die Regierung ist gänzlich unparteiisch, und ich bin auch unparteiisch. Und ganz parteilos muß ich auch sagen: Ihr seid schuldig. Und im selben Sinne werde ich auch Seiner Majestät dem Kaiser berichten. Ihr erzieht Eure Kinder nicht gehörig; Ihr könnt nicht auf sie wirken. Aber Ihr könnt sie doch blosstellen, indem Ihr sie der Regierung anzeigt. Auch das tut Ihr nicht. Jetzt erntet Ihr die Früchte Eurer Aufführung. Ihr verbreitet unter einer unzivilisierten Bevölkerung Ungehorsaui und Kampflust gegen die Regierung; aber die russische Volksmasse will dies nicht und richtet sich gegen Euch selbst. Da seht Ihr, wohin Ihr es gebracht habt. Ist es denn nicht unerhört, daß Juden sich bewaffnen und das Militär beschießen, das sie selbst geschützt hat? Auf diese Weise werden wir nicht Euch, sondern uns vor Euch schützen müssen. Mir tun die getroffenen unschuldigen Opfer herzlich leid, aber Ihr selbst, meine Herren, seid daran schuld; Ihr tragt auf Euch die moralische Verantwortung für all das Geschehene von Euren Glaubensgenossen." Wohl in keiner offiziellen Kundgebung ist der gehässige Standpunkt den Juden gegenüber mit so unverhüllter Klarheit hervorgetreten, wie in dieser Rede. Zwei Tage nach den mörderischen Ueberfüllen, deren Opfer die jüdische Bevölkerung war, findet der Vertreter der Regiernngsgewalt kein Wort der Beruhigung für sie. Er erklärt die beabsichtigte Fahrlässigkeit der Behörden ganz offen damit, daß die Negierung die Exzesse gegen die Juden begünstige, weil letztere viele regierungsfeindliche Elemente liefere. Eine verhängnißvolle Politik: denn

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