Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
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470 das Vaterland Israels." Unsere Weisen sagen, der Herr zeigte ihm die Geschicke aller Völker bis zum letzten Tage des Gerichts und sagte zu ihm: „Schauert kannst bit wvhl mit deinem geistigen Auge dieses ganze unermeßliche Gebiet, aber du kannst es in deinem Lebert nicht durchmessen, denn dir gehört die ganze Welt, und deshalb kann dir ein Land nicht genügen und selbst, wenn es das beste und geliebteste aller Länder wäre." Mit Recht sagt daher der große deutsche Dichter, daß Israels Erhaltung mitten in einer Welt von Feinden und Hassern eines der größten immerwährenden Weltwunder sei. Darum sei es abermals dein Ruhm o Israel, daß du einem Bunde allgehörst, den der Herr für alle Zeiten wie für alle Länder und Völker dieser Erde einst mit dir geschlossen hat. Die Gott geoffenbarte Wahrheit ward aber Israel gerade darum überliefert und das ist der Punkt, wo unsere Missioll uns zur Demut zwingt, weil es in der Millderzahl lebt unter allell Völkern dieser Erde. „Nicht wegen eurer großen Zahl habe ich euch geheiligt, denll ihr seid das kleinste voll allen Völkern." Nicht der großen Menge der viele Götter anbeteuden Völker konnte die Offenbarullg zu teil werden, weil sie ja ganz zwecklos gewesen wäre, auch nicht der gesamten Mellschheit konnte die Aufgabe zuteil werden, um nicht die Willensfreiheit und Selbställdigkeit des Menschen zu vernichten, da dann der Glaube ja ein Zwang, eine Nötigung gewesen wäre Ulld keine freie Wahl, keine innere Ueberzeugung Hütte sein können. Es koilnte daher llur eine voll der Einheit der Gottesidee bereits durchdrungene Minderzahl mit dieser Aufgabe betraut werden, ails deren Mitte jene Wahrheit im Laufe der Zeit zu der gesamten Menschheit übergehen sollte. Wäre Israel eine große, weltbeherrschende Macht, eilte Völker, Länder und Reiche bezwingerrde Nation gewesen, so hätte es früher oder später diese Machtstellung gewiß verloren, ulld unter den Trümmern seiner Größe hätte auch der Gedanke dieser Mission sein Grab fiubeu können. Weil es aber Israels Bestimmung ist, als ein Priestervolk den Gottesgedankeu durch alle Länder und Zeiten zu tragen, gerade darunr mußte es als Millderzahl zersplittert und zerstreut leben ans denr ganzen Erdenrund. Einzig rmd allein von dem Gedanken an seine Aufgabe erfüllt und einzig allein der wunderbaren Gnade der Vorsehung feineu Fortbestand verdankend. Darum sei es dein Ruhin, mein Israel: Ich gehöre einem Bunde an, der mit mir und meinell Vätern für alle Zeiten und Geschlechter, für alle Länder und Völker, mit dem kleinstell Volke für die ganze Menschheit geschlossen wurde. Mit diesem erhebenden Gedallken treten wir aus dent Kreise der Feste in das Alltagsleben hinaus, gestärkt und gekrüstigt zu lleuer segenbringender Arbeit für unsere geheiligte Mission! Dir Woche. Berlin. 30. September, ine Verfügung des preußischen Kultusministers ist iu der abgelaufenen Woche durch die Tagesblätter gegangen, die für uns von ganz besorlderer Bedeutullg ist. Sie betrifft die Behandlung religiöser Gegenstände in den Schulen, die von Kindern verschiedeller Konfessionen besucht werden. Aus Anlaß eines Spezialfalles hat der Kultusminister an die Bezirksregierungen und Provinzialschulkollegien eine Verfügung gerichtet, in der es heißt: „Auch ich bedauere, daß dort die konfessionelle Minderheit über einen Mangel an Schonung ihres religiösen Gefühls zu klagen Veranlassung hat. Legen an und für sich das Gebot der Duldsamkeit und das staatliche Interesse an einem friedlichen Zusammenleben der Allgehörigen verschiedener Konfessionen jeder Schule die Pflicht auf, im Unterricht alles zu vermeiden, was die Gegensätze er- , weitert, und alles zu pflegen, was das unbefangene Zusammenleben zu fördern geeignet ist, so muß die Rücksichtnahme auf den Standpunkt anderer Glaubensgemeinschaften besonders da sorgsam beachtet werden, wo Kinder verschiedener Konfessionen den Unterricht gemeinsam ernpfangen. Es gilt dies nicht nur für paritätische Schulen, sondern ebenso für Konfessionsschulen, in denen sich eine, wenil auch kleine Minderheit von Kindern anderer Konfessionen befindet. Soweit die Behandlung der Unterscheidungslehren im Unterricht notwendig ist, gehört sie in den Religionsunterricht. Aber auch dieser darf die Rücksichtnahme auf das religiöse Bewußtsein der Andersgläubigen niemals außer acht lassen. Darin sind alle Konfessionen einig und die Erziehung in der Schule lnuß diese Erkenntnis wachhalten und fördern, daß es llicht an weiten Gebieten fehlt, auf denen den Angehörigen verschiedener Konfessionen ein gemeinsames Wirken möglich und Pflicht ist, so daß viel Gutes und Schönes nnentwickelt bleiben und das Staatsinteresse gefährdet werden müßte, wenn die Erziehung der Jugend nicht pflegte, was uns eint, sondern vertiefte, was unser Volk auf religiösem Gebiet trennt. Ich vertraue, daß die königliche Regierung den beteiligten Kreisen, wo es etwa erforderlich sein sollte, die sorgfältigste Beachtung dieser Grundsätze zur Pflicht machen wird." Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß uns diese Verfüglmg mit ganz besonderer Genugtuung erfüllt. Wer sich der Zurücksetzungen, Kränkungen und Beleidigungen erinnert, die jüdische Kinder von antisemitischen Lehrern in der Sturmperiode jener häßlichen Bewegung zu erdulden hatte, der wird es begreifen, wenn wir diese Kundgebung mit aufrichtiger Freude begrüßen und den Wunsch hegen, daß sie ihren Zweck vollauf erreichen möchte. * Es ist eine mit großer Regelmäßigkeit iu konservativen und antisemitischen Blättern immer wiederkehrende Lüge, daß „mit verschwindend wenigen Ausnahmen alle Konkurs macherfirme n in jüdischen Händen sind." Es ist deshalb wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, daß diese Behauptung durchaus falsch ist. Nach dem Statistischen Jahrbuch (XIV. Jahrgang) für das Deutsche Reich wurden im Jahre 1893 zusantmen 7684 Konkurse im Deutschen Reiche eröffnet. Die verhältnismäßig wenigsten Konkurse kamen auf diejenigen Provinzen, in welchen verhältnismäßig die meisten Juden leben. Und zwar entfielen auf je 100000 Einwohner in der Provinz Posen 2530 Juden und 9,5 Konkurse Schlesien 1140 „ 9,2 „ „ „ „ Ostpreußen 730 „ 11,3 „ </ „ ,/ Westprenßen 1520 „ 11.6 „ „ „ Hessen-Nassau 2680 „ 12,7 n ii ii Rheinland 1000 „ 11,4 ii „ „ Elsaß-Lothringen 2100 „ 16,7 Großherzogtnm Hessen 2570 14,8 tycncu „ und selbst iu Berlin, wo die Juden im Kaufmannsstande so stark vertreten sind, kamen auf je 100000 Einwohner 5020 Juden und nur 19,4 Konkurse. Dagegen entfielen auf diejenigen Bezirke, welche verhältnismäfiig die wenigsten Juden zählen, die verhältnismäßig meisten Konkurse. Und zwar kamen auf je 100000 Einwohner in Bremen 570 Juden und 45,0 Konkurse „ Neuß (ältere Linie) 99 „ 38,4 „ „ Lübeck 860 „ „ 36,3 „ „ Königreich Sachsen 270 „ 30,4 „ „ Sachsen-Weimar 380 ., „ 22.4 „ Schleswig-Holstein 290 „ „ 22,3 „ „ Sachsen-Altenbrrrg 26 „ „ 21,8 „ „ Schwarzburg-Rudolstadt 83 „ 21,2 „ (Bemerkenswert hoch ist namentlich die Ziffer der Konkurse in dem industriereichen, dabei fast „judenreinen" Königreich Sachsen!) Berücksichtigt man dabei, daß die Juden durch die Macht der Verhältnisse meist gezwungen sind, sich vom Handel