Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- Seite 6 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228567--60184-3296757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
e fünf Vorlesungen über Geschichte der dramatischen Kunst in Deutschland. Kantor Teuneubanm unterrichtete die Gesangsabteilung (vierstimmig). Anher diesen Unterrichtskursen fanden Familienabeude und Vorträge statt und sprach Rabbiner Dr. Kahn-Eßlingen über Judenemanzipation in Deutschland, sowie anläßlich des Todes von Professor Lazarus über die Bedeutung des Verstorbenen für das Judentum. Kirchenrat Dr. Kroner hielt zwei Vorträge über Berthold Auerbachs Geistesleben. All diese Abende wurden durch Chorgesänge der Gesangsabteilung weihevoll eröffnet (Lieder von Mozart, Mendelssohn, Silcher rc.), Rezitationen der Mitglieder und Sologesänge verbanden Lehrreiches mit Unterhaltendem. Sämtliche Abende sowie die Kurse während ihrer ganzen Dauer waren gut besucht. Für Schulgelder rc. wurden aus der Vereinskasse an besonders gut begabte Kinder armer Eltern hohe Beiträge bezahlt. Es ist zu wünschen, daß sich die Sympathie der jüdischen Bevölkerung ungeteilt dem Verein zuwende. L. Stuttgart, 17. September. Von einem großen Trauergefolge wurde heute der im Alter von 62 Jahren verstorbene Sekretär der israelitischen Oberkirchenbehörde, Emanuel Rothschild, zur letzten Ruhestätte geleitet. Auf Wunsch des Verstorbenen wurde von einer Grabrede Abstand genommen; doch gedachte Rabbiner Dr. Stößel in einem warmen Nachruf der treuen Pflichterfüllung und unermüdlichen Arbeit des Verblichenen. Gleichwohl ob er im öffentlichen Leben gestanden oder gemeinnützige Bestrebungen gefördert habe, immer und überall sei er rührig, rüstig und tüchtig gewesen, und alle edlen Bestrebungen habe er gefördert durch seine energische, kraftvolle und zielbewußte Arbeit, durch die Schärfe seines Verstandes, durch die Klarheit seines Blickes. Kränze wurden niedergelegt vom Vertreter der israelitischen Oberkirchenbehörde, Regierungsrat Dr. Schmal, durch Kirchenrat Dr. Kroner namens des israelitischen Gemeindevorstandes, durch Direktor Leibrand im Namen der Stuttgarter Lebensversicherungs¬ und Ersparnisbank, deren Generalagent der Verstorbene eine lange Reihe von Jahren gewesen. Ferner widmeten Nachrufe: der israelitische Ortsarmenverein, der Verein zur Speisung armer Durchreisender, Bankier Max Hausmeister im Namen der Familie, Lehrer Stern aus Bühringen als Freund und Studiengenosse. Rothschild war nämlich früher Lehrer und Kantor, mußte aber wegen eines Halsleidens sein Amt niederlegen. Nach seiner Pensionierung ließ er sich in Stuttgart nieder und brachte es hier durch seinen unermüdlichen Fleiß und seine Fähigkeiten zu einem erheblichen Wohlstand. Im Geburtsort Auerbachs — Nordstetten im Schwarzwald — stand auch seine Wiege. Seinen in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Eltern bereitete er bis ins hohe Greiseualter einen sorgenfreien Lebensabend. Auch sonst wirkte er in und außerhalb der Familie wohltätig. Ehre seinem Andenken! Geftenetch-Nngam. □ Wien, 21. September. Der Reichsrats- und Landtagsabgeordnete Dr. Strauch er feierte jüngst den fünfundzwanzigsten Jahrestag seiner öffentlichen Wirksamkeit als Mitglied der Repräsentanz der israelitischen Gemeinde in Czernowitz, deren Vizepräsident er gegenwärtig ist. Um die Verdienste des Jubilars anzuerkennen, wurde dessen Porträt von Künstlerhand in feierlicher Weise im Sitzungssaale der Kultusrepräsentanz enthüllt und bei einem Bankett dessen Verdienste um die Gemeinde gepriesen. — Der Kaiser hat den Privatdozenten Dr. Alfred Fischl zum außerordentlichen Professor an der Universität in Prag ernannt und dem Privatgelehrten Dr. Ludwig Pollak in Rom den Titel eines kaiserlichen Rates verliehen. — Eine Deputation bestehend aus den Mitgliedern des israelitischen Kultusgemeindevorstandes und des Rabbinats. unter Führung des Präsidenten dieser Kultusgemeinde, Reichsratsabgeordneter Dr. Emil Byk, wurde vom Kaiser während dessen Anwesenheit in Lemberg empfangen. Der Präsident stellte die Deputationsmitglieder vor und richtete nachstehende Ansprache an den Kaiser: „Wir begrüßen Eure Majestät in aller Ehrfurcht und Ergebung. Wir huldigen Eure Majestät als unserem geliebten Kaiser nicht bloß im Namen unserer Gemeinde, sondern auch im Namen der zahlreichen jüdischen Bevölkerung unseres Landes, welche erfüllt ist von unwandelbarer Treue, Hingebung und Opferwilligkeit für die geheiligte Person Eurer Majestät und für das Allerhöchste Kaiserhaus. Unauslöschlich lebt in unseren Herzen das Gefühl heißer und ewiger Dankbarkeit dafür, daß wir unter der glorreichen Herrschaft Eurer Majestät die bürgerliche Gleichstellung im Staate durch Euer Majestät Weisheit und Gerechtigkeit erhielten, und daß wir allzeit den väterlichen Schutz Euer Majestät genießen. Wir rufen daher aus der Tiefe unserer Seele: „Gott erhalte, Gott beschütze. Gott segne Eure Majestät!" Der Kaiser dankte in herzlichen Worten und betonte, daß die Treue der jüdischen Bevölkerung eine bewährte ist, auf die er auch stets rechne. Der Kaiser erkundigte sich über die Verhältnisse der Kultusgemeinde und bemerkte bei der Vorstellung der Gemeinderabbiner, daß dieselben gewiß über ihn den üblichen, rituellen Segen sprechen wollen. Der Präsident Dr. Byk meinte entschuldigend, daß wegen der Kürze der Zeit dieser Segensspruch in das offizielle Programm nicht ausgenommen wurde; doch der Kaiser nickte zustimmend dem Rabbiner. Dieser und sämtliche Mitglieder der Deputation bedeckten ihr Haupt und der Rabbiner sprach den rituellen Segensspruch in deutscher und hebräischer Sprache. Der Kaiser sprach noch einige Mitglieder des Vorstandes an und entließ die Deputation huldvollst. Gegenüber dem Statthalter Graf Potocki sprach der Kaiser den Wunsch nach einer strengen Untersuchung der antisemitischen Exzesse tu Zablotow aus. — In Bezug auf die weiteren Schritte tu dieser Sache wird uns mitgeteilt: Der Bezirkshauptntann des auch die Ortschaft Zablotow umfassenden Sniatyner Kreises, Reichsrats- und Landtagsabgeordneter R. v. Moysa hat sich an die Spitze der Deputation gestellt, welche ben Statthalter Gras Potocki um dessen energische Intervention angittg. Dieser Abordnung schlossen sich auch sämtliche jüdische Abgeordnete des Landtages, Dr. Fruchtmann, Dr. Kolischer, Dr. Löwenstein und Dr. Rapoport an. Diese Deputation erhielt aus dent Munde des Statthalters die Versicherung, er habe sich bereits veranlaßt gesehett, aufs energischste derartige Ausschreitungen zu unterdrücken, und er werde an Ort und Stelle erscheinen, sowie nur seine amtlichen Obliegenheiten ihm das Verlassen der Landeshauptstadt ermöglichen werden. Die loyalen Versicherungelt des Statthalters machten auf die Deputation den besten Eindruck, um so mehr, als er sich nicht damit begnügte, für diesen einzelnen Fall Abhilfe zu treffen, sondern ausdrücklich erklärte, er werde im Einklang mit seinen im Landtag abgegebenen programntatischen Erklärungen alle gegen einzelne Bevölkerungsklassen gerichteten feindseligen Bestrebungen rückhaltslos bekämpfen, wenn sie sich auch vorwiegend bloß eine Konfession zur Zielscheibe ausgewählt haben sollten. Von jstah und Lern. Der berühmte Ophthalmologe der Universität Berlin. Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Julius Hirschberg, vollendete am 18. d. M. seilt 60. Lebensjahr, Hirschberg, der in Potsdam geboren wurde, hat seine gefaulte Studienzeit an der Berliner Universität zugebracht, der er auch seit Beginn seiner Lehrtätigkeit, dem Jahre 1870, angehört. — In Tü tz (Westpreußen) ist der zweite Bürgermeister der Stadt und latlgjährige Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Herr Herz Pincsohlt, gestorben. — Der „Buudesbruder" Sepke in Stettin ist an Stelle des ausgeschiedenen Dr. Böckel Großmeister des antisemitischen deutschen Volksbundes geworden. Durch sein Verhalten bei der Reichstagsstichwahl — Sepke vereinigte bei der Haupt- Wahl 4939 Stimmen auf sich — verlor der Freisinnige Brömel sein Mandat an die Sozialdemokratie. Dem antisemitischett Volksbunde rechnen sich die Reichstagsabgeordneten Pastor Krösell-Kloxin und Kaufmann Froelich-Potsdam zu. — Im Westfälischen Sauerland feierte der Schöpfer der Neheimer Industrie, Fabrikbesitzer Noa Wolfs, feinen 95. Geburtstag. Wolff ist Ehrenbürger vort Neheim, das ihm viel verdattkt. — In S o e st wurde eilt Einbruchsdiebstahl in der Synagoge verübt. Der Dieb drang durch eine an der Rückseite des Gebäudes befindliche zertrümmerte Feitsterscheibe in das Gotteshaus, aus welchem er eine eiferne Armenbüchse raubte. Ueber die Höhe des Inhalts ist nichts bekannt. — Dem Saniätsrat Dr. Oesterreich in Düren hat die Berliner medizinische Fakultät zu seinem 50 jährigen Doktorjubiläum das Diplom in ehrenvoller Weise erneuert. Der Jtlbilar übt seit 1855 die ärztliche Praxis aus. — Zum Sübstitutert des Rabbiners Dr. Seligmaun, welcher mit dent 1. Oktober an Stelle des Rabbiners in Frankfurt a. M., Dr. Plaut tritt, ist caiul. tlieol. Hugo Fuchs von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums berufen worden. — In Budapest ist am 20. d. M. die bekannte Schriftstellerin Bertha Kätscher im 43. Lebensjahre gestorbett. Ehre ihrem Andenken! — Wie der Rabbiner Mendel Cohen in Kairo eineut Blatte mitteilt, ist er schon jetzt bemüht, für nächstes Jahr einen neuen Rabbinerkongreß zu stände zu bringen.