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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 468 (sequence 14)
Language
German
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468 Journal schreiben, sondern nur in flüchtigen Umrissen die Wiederkehr des alternden Mannes in die geliebte Heimat schlicht erzählen. Ob das nicht ein kühnes Unterfangen ist? Ob ich das Recht habe, meinen Lesern ein klein wenig Interesse an diesen Heimatseindrücken zuzumuten, bei denen ich — wahrlich öfter als mir lieb ist — von mir selbst werde sprechen inüssen? Ich weiß es nicht — aber ich hoffe es. In uns Juden steckt sa immer noch ein gut Stück echter Sentimentalität. Das Heimatgefühl ist in uns so lebendig, vielleicht lebendiger noch, als in den andern, die uns die Heimat so gern absprecheu möchten. Und die Pietät, die unsere Patriarchen schon für die Heimatstadt empfunden, sie ist das Erbteil der Jakobsgemeinde geblieben bis auf diesen Tag. Als ein schweres Los mochte es Abraham erscheinen, als der Herr ihm zurief: „Zieh aus deinem Lande und deinem Geburtsort!" Und als das höchste Glück mochte es Jakob wiederum erscheinen, als die Stimme des Herrn ihm verkündete: „Kehre zurück in das Land deiner Väter und nach deinem Geburtsorte — ich werde mit dir sein!" Um Gottes Willen keine Predigt, höre ich Dich ausrufen, mein Teurer! Fürchte nichts. Das Predigen habe ich längst anfgegeben. Ich will nur erzählen, was ich in der Heimat gesehen und erlebt habe. Draußen stäubt ein feiner Regen, wie ein grauer Wittwenschleier um die Natur; wallende Nebel umhüllen das Straßenbild. Es wird Herbst. Die Jomim noroim sind da. In den Synagogen ertönt des Schofars Klang. . . Ach, ein solcher Tag war es, als ich zum erstenmal, ei» zehnjähriger Knabe, die Heimat verließ. Und von allen Erinnerungen, die heute auf mich einstürmen, ist keine so hehr und tief, als die an jene Stunde, wo des Abends vorher di« Mutter vor dem Schlafengehen an mein Bett trat und mit tränenerstickter Stimme zu mir sagte: „Bleibe brav, mein Kind, in der Fremde!" Die Worte sind tief in meiner Erinnerung geblieben, und da ich diese Zeilen schreibe — es find mehr als vierzig Jahre darüber hinweggegaugen — meine ich den Ton zu hören, als ob er eben an mein Ohr geklungen . . . Wahrhaftig, für das Gemüt und für das Herz bedarf es keines Phonographen, um die Klangfarbe einer geliebten Stimme festzuhalten fürs ganze Leben. O. Worte gibts, die nie verhallen! Sie sind wie Steinchen, die gefallen In einen Brunnen, schwarz und tief, Und die von Kant' zu Kante springen Und stets von neuem aufwärts klingen, Wenn scheinbar längst ihr Ton entschlief. Es sind die Worte, die sich senken In unseres Herzens tiefen Schacht: Aus der Vergessenheiten Nacht Klingt ewig neu ihr Angedenken. Glaubt mir, es ist keine Sentimentalität, nach langen Jahren die alten Erinnerungen wieder aufzufrischen. Es konunt nichts dabei heraus, sagen die praktischen Leilte. Es ist ein Wagnis, meinen die Empfindsamen. Ich habe es iurmer mehr mit den Letzteren gehalteri und das Wagniß unternommen. Davon möchtest Du mehr hören! Nuit denn . . . In ineinem Stübchen ist es ivarm und gemütlich. Setze Dich in diesen alten Lehnstuhl, in dem schon so viele große Rabbouim gesessen, mein Freund, und höre mir zu, wenn Du Lust hast. Ich will Dir von meiner Reise in die Heimat erzählen. G. K. er Tag senkt seine müden Lider, Und Schweigen herrscht in Wald und Feld. Der Sonne letzte Strahlen grüßen, Umfangen liebend noch die Welt. Da nahet, mit der Sterne Reigen, Jom Kipur, ein willkommner Gast. Er steiget leis' zur Erde nieder Und hält nur kurze Stunden Rast. A orn Kipur. Von Sophie Jacobsohn. Er tritt hinein in Judas Häuser Und pochet an der Menschen Herz: „Nun wachet auf aus trüben! Sinnen. Vergessen sei heut' Leid und Schmerz. Das Licht des Friedens soll Euch leuchten, Erhellen Eures Daseins Pfad, Und auf der Seele tiefstem Grunde Ersprieße neuer Hoffnung Saat. Doch soll ich Euch die Ruhe bringen, So reicht in Liebe Euch die Hand; Und hat ein Freund Euch auch verwundet, O knüpfet neu der Seelen Baud! Nur der erfährt des Festes Segen, Der Frieden mit dem Nächsten macht. Versöhnung ist die treue Botschaft Der heiligen Jom Kipurnacht." Wir folgen jenem ernsten Mahnen. Zum Himmel heben wir den Blick: Du, Gott, bist Licht, Du bist die Wahrheit, Dil lenkest gütig das Geschick. O richte uns nach Deiner Gnade, Erhöre unser heißes Flehn. Laß', wenn Jom Kipur wieder scheidet, Getröstet uns von dannen gehn. Literarische Mitteilungen. ----- Soebell erschien der neue Jahrgang 5664 (1903/4) des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebeuen „Kalenders für Israeliten". Auch dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergäuzuligell auf. Dem kalendarischen Teile wilrde die größte Sorgfalt gewidmet. Der schematische Teil erweist sich durch die Vollständigkeit und Aktualität der Daten betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstehungen, Funktionäre und rituellen Institutionen als ein unentbehrliches Hilfsllnd Nachschlagebuch. dessen gründliche Bearbeitung die vollste Anerkennung verdient. Auch dem jüdischen Vereinswesen wurde die größte Sorgfalt gewidmet. Neu erscheinen die politischen Israeliten - Gemeinden Mährens mit ihren Funktiollären und alle zionistischen Vereinigungen Oesterreichs. Der literarische Teil bringt höchst interessante Neiseerinnerungen des jüngst nach Wien berufenen Rabbiners Herrn Dr. D. Feuchtwang unter dem Titel „Holländisches Judentum" und eine spannende Erzählung „Joslla Dorn", aus der alten Ghettozeit vonr Direktor des Wiener Blindeninstituts Herrn S. Heller. Die handliche Form und die elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß vollen Anwert finden. Der billige Preis (Kr. 1.60) ermöglicht auch dem Minderbemittelten die Anschaffung. Der Kalender ist durch das Bureau der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Wien I., Dorotheengasse 12, sowie durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Druck und Verlag von Rudolf Nlosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: MaxLauchwilz in Berlin.

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