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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 467 (sequence 13)
Language
German
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467 jüdische Eigenschaft zu stigmatisieren ist doch wahrlich unwürdig für ein Buch, das doch mehr sein will als ein gewöhnliches judenfeindliches Pamphlet. Ich glaube, wenn Herr Liebe in seinen Kreisen sich umtut, wird er finden, daß der Parvenü gerade keine jüdische Spezialität ist,H sondern eine allgemeine menschliche, die nur bei uns Juden durch die Kurzfristigkeit unserer Freiheit und die größere Schwierigkeit, sich emporzuringen, eher anzutreffen ist als bei den saturierten und leichter emporkommenden Christen. Die Fabel, die Ueberhebung wurzle in dem Gedanken des auserwählten Volkes, ist kindisch; Herr Liebe sei versichert, jene Emporkömmlinge, die er nieint, tragen kaum noch Spureil der Auserwählung in ihren Herzen; jene dagegen, die von dem Gedanken wirklich beseelt sind, sind im Bewußtsein der Pflichten, welche die Auserwählung mit sich bringt, die denkbar bescheidensten, einfachsten und rechtlichsten Menschen. Wahr ist nur die Behauptung, daß es Unrecht ist, die Juden des Mittelalters als Parias anzusehen. Auch hierin muß in der jüdischen Geschichtsforschung eine Wandlung vor sich gehen: es muß mit dem Lamentieren aufgeräumt werden, trotz der vielfacheil Wutausbrüche der Menge. Die Judell besaßen im Mittelalter, wo es im allgemeillen weder Freiheit noch Recht gab, gar mannigfache Freiheiten urid Rechte, die andere Klassen kaum besaßen. Fassen wir das Gesagte zusammen, und wir werden einsehen, daß die jüdische Wissenschaft auch in der Behandlung unserer mittelalterlichen Geschichte unleugbar neue Bahnen wandeln muß. Genaue Kenntnis der allgemeinen wirtschaftlichen, ständischen und politischen Verhältnisse siild allererste Bedingung für den, der die Geschichte der Juden verstehen und möglich objektiv darstellen will. Auf Grundlage der allgemeinen Verhältnisse erst lvird mall billig und gerecht entscheiden können, wie die niittelalterlicheu Judengesetze aufzufassen seien. Ebenso muß gelernt werden, christliche, wie jüdische Quellen auf ihr richtiges Maß zurückzuführen. Daß zu alldem es keineswegs genügt, den jüdischeil Quellen allein einseitig nachzugehen, ebensowenig wie den christliche», daß dazu große Fachkenntnisse bezüglich des gesamteil Mittelalters gehören, lvird wohl jeder zugeben. Sind ordentliche, öffentliche Professuren für die jüdische Wissenschaft nicht eine dringende Notwendigkeit? Ist die Abwehr auf diesen Gebieten nicht wichtig genug? Man unterschätze nicht den.Antisemitismus der Wissenschaft, er gibt dem fluktuierenden^Hasse Stabilität. Wo ist der Mann, der mit werktätiger Förderung unserer Anregungen großherzig beginnen wollte? nn ■Kg m» Mir fgg In der Heimat. I. Wenn du, »och eine Heimat hast, So nimm den Ranzen und den Stecke», Und »vandre, lvandre ohne Rast, Bis Du erreicht den teuren Flecken. ie Verse gehen inir nicht aus dem Sinn. Hundert und aberhundertmal habe äch^sie^seit einigen Wochen still und laut wiederholt. Seit der Wunsch, den ich seit Jahren in meinen» Herzen trage, zum festen Plan gereift ist. Ja, ich will in die Heiniat, die.ich seit einem Vierteljahrhundert nicht gesehen. . . . Lacht nur, ihr neunmal weisen Modernen, über die Sentimentalität des alternden Mannes! Ich sage euch, es gibt in eurem neuen Wörterbuch erheblich schlimmere Worte als dieses. Und der Mann, der im Konversationslexikon die Serltimentalität als den Zustand des Uebergewichts der Empfilldung über das tätige Streben bezeichnet, hats auch llicht verstanden. Er hat Lorenz Sternes Sentimental Jonrney citiert, aber nicht erfaßt. Denn Sterne nannte seine Reise sentimental, weil sie nicht auf eine Schilderung der gesehenen Gegenden, Kunstwerke und Merkwürdigkeiten ausgeht, sondern auf die Schilderung der inneren Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle. Zwischei» der warmen Empfindung und dem rastlos tätigeil Streben ist kein tieferer Gegensatz, als zwischen Don Quixote und Sancha Pansa. Aber nicht bloß der eine ist der Narr und der andere der Verständige, sondern beide sind Narren und beide sind Verständige. . . Jeder von uns ist ein Stück Don Quixote und Sancha Pansa zugleich. Und da bin ich schon zu Haufe. Kailin habe ich den „Ranzen und den Stecken" genommen, so erwachen in mir die Eriilnerungen und aus allerl Ecken des arnlen Gehirns strömen sie zusammen: ernste und heitere, dumme und gescheite, schöne und peinliche . . . ohne Wahl, ohile Zahl. Wie die Rekruten zur Uebung marschieren sie vor mir auf, die Don Quixotes und die Sancho Pansas, eine lange Geisterschar.... Ob ich einen von euch, ihr lieben Narren, noch in der alten Heimat antreffen werde? Ein Wunder wärs nicht, denn die Leute werdeil bei uns zu Hause sehr alt. Sie kennen kein Telephon, keine elektrische Straßenbahn, keine aufregenden Theater- Premieren. Das Leben fließt ihnen rlihig dahin. Auch die großen Zeitereigniffe geheil spurlos au ihnen vor. Sie gehen früh Morgens „in Schul", dann aufs Dorf, dann nach Hause, dann wieder „in Schul" und abends spielen sie ihren „Franzefuß" oder ihr „Klabberjas". Ulld so geht es jahraus, jahrein in gleichem Tempo fort, indes draußen das Leben wild empvrbrandet und Throne stürzt und Reiche zerstört und Weltanschauungen vernichtet. Wer ist glücklicher? Die zu Hause oder die da draußen? Ich glaube, die Frage ist nicht schwer zu entscheiden. Ich habe sie für mich entschieden — und deshalb will ich wenigstens noch einmal, ehe die Tage kommen, von denen man sagt: Ich mag sie nicht, einen Sommernachtstraum in der Heimat erleben. Ade Karlsbad, St. Moritz, Norderueh. . . ich gehe nach Mähren! Denir dort ist meine Heimat. Gestehe es nur, mein Lieber, du weißt nicht recht, was du mir darauf erwidern sollst. Ein geographischer Begriff ist dir das Wort „Mähren" bisher gewesen — mehr nicht. „Mähren, das liegt wohl bei Böhmen, nicht wahr?" hat mich eine Dame gefragt. Am Ende erinnerst btt dich auch, daß du einmal über Breslau nach Wien gereist und durch Mähren gekommen bist. Wenigstens hat es dir der Schaffner so gesagt, als du ihil srugst, welcher Proviltz die fetten Triften, die großen Wälder, die freundlichen Städte und schmucken Dörfer angehören, durch die der Schnellzug eben raste. Aber eine Sommerreise nach Mähren? Lieber Freund! .... Nun denn, ich hab's gewagt. Und ich kanil euch heute sagen: Mähren ist ein schönes, geseglletes Land. Man kann im Sommer dahin gehen. Es hat Berge und Täler, Sommerfrischen und Bäder — nur einen Baedeker hat es noch nicht gefunden, der es für den großen Schwarm der Reisenden entdeckt hätte. Sonst wäre es läilgst das Ziel der Reisenden gelvorden, die des Harzes, des Riesengebirges, der sächsischen Schweiz oder der Tatra bereits müde sind nnd nach neuen Eindrücken suchen, die nicht zu weit abliegen. Also ich hab's gewagt. Die Sonne küßte mit ihren heißesten Strahlen die stillen Täler; der Himmel prangte in» schönsten Blau itnd di« Lust lvar so frisch nnd klar . . . Doch wohin verirre ich mich? Ich will ja kein moderit-sentimentales

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