Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- Seite 466 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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466 einen derartigen Satz ausspricht. Herr Liebe hat aber gar keine Ahnung von der Geschichte des. Judentums, von dem Wesen des jüdischen Volkes, sonst hätte er zweifellos anders gesprochen. Als die Juden nach 135 immer zahlreicher in die Diaspora gingen, «var ihr ewiger Gedanke: bald werde Gott den Messias schicke«: und sie wieder in ihr Land zurückbringen. Nur derjenige, der das jüdische Schrifttum des 4.. 5., 6. Jahrhunderts kennt, vermag sich einen Begriff zu machen von der unbesiegbaren Kraft dieses Gedankens. Sie fühlten sich selbst als Gastvolk ininitten der anderen Völker, als ein Volk, das jeder: Moment bereit sein muff, auf Gottes Geheiß ins heilige Land zurückzuziehen. Als aber die Jahre verrannen und der Missias nicht kam, begannen die Juden sich wohnlicher einzurichten, ohne jedoch die Hoffnung auf den Messias aufzugeben; sie trieben Ackerbau, edleres Handwerk und besseren Handel. Ich frage nun: sind das etwa Berufe, die ein Aufgehen in: Volk ihrer Gastfreunde hätten hindern können? Ueberhaupt, was versteht Herr Liebe unter diesen: Aufgehen, unter diesen ehrlichen (!) Konsequenzen, die wir Juden hätten ziehen sollen? Warum sagt er es nicht ehrlich heraus, was eigentlich das Beste gewesen wäre: die Juden hätten sich alle rechtzeitig taufen lassen sollen? Ist das nicht eine verwegene Ungeheuerlichkeit? Nationalität, Religio«: soll eine Gesamtheit Preisgeben, die dazumal in Kultur und Gesittung turmhoch über den anderen stand; eine charakterlose Fahnenflucht empfiehlt ein Deutscher den Juden einer Zeit, die nur eine glühende Liebe kani:ten: die Religion! Welche Verwirrung kann doch die Unwissenheit anrichten! Herr Liebe wird uns doch nicht weiß machen wollen, daß er etwas anderes «neint, obwohl eine dunkle Gene ihn gehindert hat, den: Kii:de den rechten Namen zu geben. Denn ein Aufgehen durch langsame Assinnlierung hätte nur eins gebraucht: die Kirche hätte sich nicht dareininischen u>:d ruhig die Juden in: Vollgenuß ihrer bürgerlichen Freiheit belassen solle«:: es wäre nicht zu«:: Wucher gekominen, die Völker hätten vielleicht die Juden langsa««:, nach und nach allfgesogen. Neiir, nein, nicht der Beruf hat die Kluft zwischen Juden und Christei: u«:überbrückbar geinacht, nur die Kirche, und zwar — das sage ich znr Beruhigung unseres Historikers — die christliche, «vie die jüdische. Und damit kvinme ich zu dem, was «vir von Herr«: Liebe lernen sollen, obwohl er nicht unser erster Lehrmeister in dieser Erkenntnis ist. Vor alle«» in««ß die jüdische Geschichtsforschung bekennen daß die traurigen Verhältnisse, welche zivischen Juden «>nd Christen bestehen und die Jahrhunderte geduldigen Jneinanderlebe«:s von beiden Seiten zur Ausgleichung erfordern, keineslvegs den Christen allein zur Last gelegt werden dürfen. Das ist der tragische Zug unserer Geschichte, daß «vir, u«n uns als Rasse und Religion in der Diaspora zu erhalten, uns isolieren zu «««üssen glaubten, daß infolge der Not und Drangsal, die über Israel hereingebrochen «varen, die herrliche hellenisch-jüdische Kultur zerstört und vernichtet wurde, die bei aller religiöser« Treue eine Entnationalisierllng des Judentums gepredigt und i«: jener Zeit verwirklicht hat. Und als «vir in den Ländern Europas den Anlauf nahmen aus unserer Reserve herausz«:treterr, vertrat uns die Kirche den Weg, die in ihrer Angst uni ihre Herde das Haustor vor unserer Nase zugeschlagen, verrainmelt und verbarrikadiert hat. Ob die Kirche von ihren: Standpunkte nicht ii«: Rechte «var, «ver könnte das entscheiden? Nur die Zeit hätte das lehren können, auf die «vollte aber die Kirche nicht warten. Noch ungleich «vichtiger ist die Erkenntnis, di« sich bei uns Bah«: brechen muß, daß «vir bei Darstellung der jüdischen Geschichte im Mittelaller unsere Schicksale nur auS den: ganzen gesellschaftlichen und politischen Gefüge heraus schildern u««d beurteilen dürfen. Wir waren bis jetzt geradezu sträflich einseitig: unser rechter Historiker fehlt «ms noch. Wer könnte e> leugnen, daß die jüdische Geschichte ein ganz anderes, viel vie! trauriges Aussehen erhält, rvenn «vir die sozialen Zustand? beachten, die allgemein geherrscht habe«:? Ich bekenne midi ohne jeden Rückhalt zu den Worten des Herrn Liebe, «venn er, sein Werk einleitend, sagt: „Hatte sich vormals die historische Betrachtung mehr den Ereignissen als de«: Zuständen zuge«vandt, so wurde dadurch die Auffassung von der Stellung des Judentui««S in der «nittelalterlichen Geschichte früh in ein, einseitige Richtung gedrängt. Wie sonst die augenfälligsten geschichtlichen Vorgänge, die Kriege, vorzugs:vcise die Aufmerk samkeit aus sich zogen, so taten es die Verfolgungen in de: Geschichte der Jude«:, die ganz vorn Standpunkt des Mitleid; geschrieben «vnrde. . . . Wie so vieles, «vaS unser verfeinertes hurnanes E:«:Pfinden peinlich berührt, ist auch die trostlose Stellung der Juden uur ans de«: jeiveiligen Zeitverhältnissei. heraus gerecht zu «vürdigen (Seite 6)." Das sind Worte, a» deren Richtigkeit nicht zu rütteln ist, n««r daß Herr Liebe selbsi sie auch nicht beherzigt hat: unser Historiker ist er nicht Unsere ganze Geschichtsforschung krankte bis heute an dein Uebel, daß sie tatsächlich uur Literatur- und Mordgeschichlc «var, dar:«««: auch so furchtbar eintönig, langweilig; hineingestellt in das volle Leben des Mittelalters «vird sie von höchste»! Interesse werden nach jeder Richtung. A>: einer andere«: Stelle schreibt Herr Liebe : „Kein Zweifel daß so manche „Judenschlacht" ihre Existenz der Phantasie ei«:es städtischen Chronisten verdankt, da solche gleich Brände» und Hungersnöten zu den unverineidlichen eleinentaren Er eignissen rechnete, ohne sich vo«: kritischen Gewissensbisse«: an fechten zu taffen. Ferner «Nüssen «vir u«:s durchaus von über triebeneu Zahlenvorstellungen frei n:achen, «vie ««ran sie von der Bevölkerung der «nittelalterlichen Städte überhaupt hegt. Die Angaben über die Zahl der in einer Stadt Erschlagenen pflegen aber durchschnittlich mit 10 zu multiplizieren, und es ist eine Torheit ohne Gleiche«:, von 100 000 Opfern des Jahres 1298 zu sprechen — so viel Juden gab es noch viel später in ganz Deiltschland nicht! Endlich dürfen «vir nicht mit unserer moderiren Schätzung des Menschenlebens an eine Vergangenheit herairtreten, die davon eine erheblich geringere Meinung hatte. Wenn es sich zieint, mit Bedauern der getöteten Juden zu gede««ken, besonders der Weiber und Kinder (!), so dürfen wir darüber nicht die zahllose«: Opser einer harten Rechtspflege vergessen, die schon auf geringe Diebstähle den Strang setzte, nicht die einer Kriegführung, »velche vor allen: de«:: «vehrlosen Landmann verderblich wurde (S. 21 f.)." — Ein richtiger Fingerzeig auch für uns. Vergessen «vir nicht, daß auch das jüdische Mittelalter in denselben literarischen Grenzen sich belvegte «vie das christliche; es «var ein Fehler, in Bezug aus uiisere politische Lage und die erlittenen Verfolgungen unseren und den christlichen Quellen blind zu folge». Ebenso berechtigt ist das Verlangen, den Charakter des Mittelalters sich vor Augen zu halten, wenn «vir die Zustände der Juden richtig beurteilen wollen. An einer dritten Stelle des Werkes heißt es: „Bei allede««« wäre es gründlich verfehlt, in moderner Se«:timentalität die Juden als Parias der damaligen Gesellschaftsordnung anzusehen — diese«: Namen verdieirte manche Bevölkerungsklassc mit größeren: Recht. Vielmehr beinerkeu «vir allezeit als charakteristische Eigenschaft des jüdischen Stammes neben der zähen Widerstandskraft in: Unglück die Neigung zur Ueberhebung we:«n das Glück ihn: lacht. . . Die in: religiösen Boden «vurzelude Neigung zur Ueberhebung mußte bei de«: Jude«: früh durch das Gefühl ihrer materiellen Macht verstärkt «verden (S. 29)." So schablonenhaft antisemitisch die Stelle sich liest, ein Körnchen Wahrheit steckt zweifellos in ihr. Die Ueberhebung in: Glücke aber als