Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- Seite 465 (sequence 11)
- Language
- German
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465 l-hne sie zu kennen, übertrieben, gefärbt — er hat gut geraten; ünb es aber die christlichen nicht auch? Mau denke sich einen Historiker, der nach 200 Jahren einzig und allein auf Grundige der antisemitischen Presse eine Geschichte der dentschen 'nden im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts schreiben wollte! sehnliches aber tut Herr Liebe, trotzdem er die krasse, auf- : agende Schreibweise der mit der Wahrheit nicht sehr genau nehmenden Dichter und Chronikschreiber des Mittelalters wohl : Und wie sich der Verfasier ausschließlich auf die judeueiudlichen Pamphlete des Mittelalters stützt, so tischt er auch emächlich die alte, abgeschmackte Mär auf von dem jüdischer: >andelsvolke, von den Juden, bereu Wesen der Handelsinstinkt >t, die daher die Vorteile und auch die Nachteile ihrer Stellung lagen mußten. Er sagt: „Als einen Teil dieser jüdischen Besonderheit aber die Neigung zu Geldgeschäften aufzufassen, ehrt ein Blick auf ihre Geschichte in der Heimat, wo wir der stage über Wucher nicht selten in den Büchern des Alten Testaments begegnen. Wie schon lange vor dem Exil jüdische Bankhäuser in den Weltstädten Mesopotamiens nachweisbar »d, so haben auch nach dem Wiederaufbau Jerusalems zahleiche Juden deu Aufenthalt in der Fremde, besonders in llexandria vorgezogen, uni die Vorteile einer parasitären n'istenz zu genießen. Gleicherweise haben die Juden des Mittelalters rasch die Stelle des Wirtschaftslebens erspäht, oren Ausnutzung für sie am bequemsten war; sie mußten icben den „Vorteilen, auch die Nachteile dieser Sonderstellung ins sich nehmen" (S. 32). Weil also das alte Testament nicht selten — Herr Liebe!>t so, als ob das Alte Testament einen Verfasser hätte, und licht einen Zeitraum von nahezu dreizehnhundert Jahren umchlösse —, sagen wir, durch jeden Propheten diese Sünde geißelt, darum ist das Geldgeschäft ein Teil der jüdischen Bevnderheit. Wie wär's, wenn wir behaupteten, weil christliche Sichter aus dem 13. Jahrhundert den christlichen Wucher brandmarken (S. Güdemann, Erziehungswesen I. 130 ff.) und veil durch alle Jahrhunderte in den Kirchen gegen Habsucht Heiz, Wucher, Bosheit der Gläubigen von den Kanzeln herab;ewettert wird, darum sei das Geldgeschäft eine integrierende Charaktereigenschaft der Deutschen. Ein Blick in die Bibel gelugt, um zu beweisen, daß Handel und Geldgeschäfte in Palästina gar nicht in israelitischen Händen waren. Abgesehen davon, sollte doch Herr Liebe endlich ivissen, daß jedes Volk in oer Fremde handeltreibend wird, und daß nnr die Fremde die llölker zum Handel erzieht. Der Phönizier war der Handelsmann in Palästina und in Hellas, der Grieche in Rom, der Kölner unter den Germanen, der Engländer ist es in Indien, Ehina und Japan, der Deutsche in Amerika geworden, der ,;ude überall. Die natürliche Unsicherheit des Fremden macht ihn zum Geschäftsmann, der leicht sein Ränzel schnüren und in die Heimat segeln kann. Aber natürlich wird das dem Juden zum Vorwurf gemacht! Hunderttausende von Deutschen leben in Amerika, der deutsche Kaiser ist stolz aus diese Deutschen. Es sollte einer wagen zu verkünden, die Deutschen ziehen vor, statt im Vaterlande zu leben, in Newhork eine parasitäre Existenz zu genießen! Ich sehe ganz ab von der Kühnheit, kaufmännische Tätigkeit als parasitäre Existenz zu bezeichnen! Herr Liebe sagt weiter: „Gleicherweise haben die Juden, des Mittelalters rasch die Stelle des Wirtschaftslebens erspäht deren Ausnutzung für sie am bequemsten war!" Man traut seinen Augen nicht! Also erspäht haben die Juden die bequeme Stelle! Das will doch sagen, daß sie absichtlich nichts anderes gewählt haben, obwohl sie es hätten tun können. Ist das aber auch wahr? Bekennt Herr Liebe nicht selbst, daß die Juden anfangs den vornehmen Großhandel betrieben haben, erst später zum Wucher sich wandten? (S. 7). Und Herr Liebe wühlt diese seine Worte auf derselben Seite, auf welcher er die prachtvollen Worte des Abtes Tritheim aus dem 16. Jahrhundert zitiert: „Aber nicht durch gewaltsame Verfolgungen und Ausplünderungen muß man sich der Judenplage entledigen, sondern dadurch, daß man den Juden allen Wucher und alles schändliche Betrügen abschneidet und sie selbst zu nützlichen Arbeiten auf dem Felde und in Werkstätten anhält (S. 32)." Hat man das je getan? Entweder partizipierten die gesetzgebenden Körperschaften selbst an dem Judenwucher, oder sie verboten ihn eine Zeit lang, ohne aber den Inden die Möglichkeit eines andern Erwerbs zu geben. Was hätten die Juden denn tun sollen, um zu existieren? Aber Herr Liebe muß alle Schuld den Juden in die Schuhe schieben, denn sonst wäre er für die deutsche Vergangenheit doch etwas zu grausig. Darum berührt er die wahre Ursache alles Uebels, den Klerikalismus, kaum. Er behauptet, man müsse mit Entschiedenheit der Auffassung entgegentreten, daß der religiöse Haß die bewegende Ursache der Verfolgungen war, nur geschürt habe er das Feuer (S. 19 f). Nicht schlecht! Seit dem 4. Jahrhundert beschäftigte sich die Kirche ununterbrochen auf allen Konzilien mit den Juden, Beschränkung auf Beschränkung häufend, und die Kirche ist nur der Schürer. Wer beschwert sich bei den Königen, Grafen und Baronen über gute Behandlung der Juden? Die Kirche. Eine große Anzahl von Morden haben ihren direkten Anfang nach einer flammenden Predigt gegen die Jesusmörder, — doch die Kirche ist nicht die Ursache! Herr Liebe paßt eben die heutigen antisemitischen Schlagwvrte dem Mittelalter an. Nehmen wir die Judenverfolgungen in Rußland an: der „Bessarabetz" schreibt, der Judenwucher sei die Ursache der Kischineiver Gräueltaten. Muß aber ein ehrlich denkender Mensch nicht zugestehen, die einzige Ursache sei der heilige Shnod, der die Juden einpfercht und sie zu unlauteren Geschäften geradezu treibt? — Ja, meint Herr Liebe, die Juden haben sich selbst isoliert; daß man die von ihnen gewollte Isolierung dann zu einer zwangsweisen gemacht hat, haben eigentlich sie sich selbst verschuldet. Welche Kurzsichtigkeit! Wollten denn die Juden sich geschäftlich isolieren, erwerblich sondern? Nicht die Spur; religiös wollten sie die Isolierung aber weder geschäftlich noch sozial, das beweisen die ersten Jahrhunderte in dentschen Landen reichlich. Weil aber die soziale Mischung leicht dem noch ziemlich schwachen Christentume schaden hätte können, mußte die erniedrigende Trennung durchgesührt werden. Allerdings hätten sich die Juden helfen können. Hören wir die Worte unseres Historikers: „Kein Zweifel, daß im früheren Mittelalter der Gegensatz zwischen Judentum nnd Deutschtum nicht in einer späteren Schroffheit empfunden wurde. Solange sich die mittelalterliche Wirtschafsordnung mit ihrer ständigen Scheidung noch nicht ausgebildet hatte, wäre den Juden der Uebergang in andere Berufe und damit ein Aufgehen im Volke ihrer Gastfreunde wohl möglich gewesen — weder der noch schlummernde religiöse Fanatismus, noch das wenig entwickelte nationale Empfinden hätten sich dem widersetzt. Auch hat es zu allen Zeiten Juden gegeben, welche aus ihrem Zusammenleben mit Deutschen ehrlich die Konsequenzen zogen; in Worms, Mainz und Köln finden wir im 12. und 13. Jahrhundert patriotische Geschlechter des Namens Juda, bei denen die Wahrscheinlichkeit für jüdische Abstammung spricht: sie waren Deutsche geworden, ehe die Kluft unüberbrückbar war. Geworden ist sie es nicht durch Religion oder Abstammung der Juden, sondern durch ihren Beruf (S. 9.)." Ob Herr Liebe diese Stelle prüfend nochmals durchgelesen hat, ehe er sie endgültig dem Drucke übergab? Ob er sich überhaupt dessen auch nur ahnend bewußt war, was er da in diesen wenigen Zeilen sich geleistet hat? Vor allem müßte man doch wiffen, wie diese Juden geartet waren, ehe man