Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- Seite 464 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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464 III. Der Kampf gegen den Mädchenhandel muß sich gegen alle Formen dieses verderblichen Gewerbes richten, also unterschiedslos, ob es international, national oder lokal betrieben wird, desgleichen gegen Fannlienprostitution, Vermittelung, Zuschleppung und Kuppelei, sowie überhaupt gegen jedwede Art von Verbrechen, die nach Herleitung und Ausübung mit weiblichem Sklaventum in Verbindung stehen. IV. Dieser Kampf würde jedoch aussichtslos bleibell, wenn er hinsichtlich der verarmten mrd verelendeten jüdischen Bevölkerung Galiziens sich nicht auf ein auf breitester Grundlage auferbautes Rettungswerk stützen könnte, das sich planmäßig und unentwegt einer Fülle Wirtschaftlicher, uloralischer, erziehlicher, ästhetischer und gesellschaftlicher Mittel zu bedienen vermag. Die Anwendung solcher Mittel muß derartig geschehen, daß sie Wechselwirkung auf einallder ausübell und sich gegenseitig dnrchdringen. I. Antrag Dr. Nathan: Die Versammlung begrüßt mit größter Sympathie die Gründung der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Mädchen und Frauen mit dem Sitze in Leniberg. Sie hofft, daß diese Vereiiligullg unter Ueberbrückung jeglicher Gegellsätze sich über gailz Galizien ansdehnen und einen wichtigen Faktor für die Bekämpslmg des Mädchenhandels bilden wird, der in enger Fühlling mit den gleichstrebenden Vereinell Oesterreich-Ungarns und der westeuropäischen Staatell zu wirken berufen ist. Aul endement Frl. Pappeuheim: Die Versalnmlung ist der Ansicht, daß der neuen jüdischen Vereilligung eine Frauensektioll angegliedert werden soll, der iilsbesondere die rein hnmanitären und sanitären Allfgaben zugelviesen werden. II. Antrag Dr. Nathan: Die Versammluilg ist der Ansicht, daß von der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Frauen und Mädchell in Lemberg sogleich eine Anzahl Agenten augestellt werden soll, um die Allsbreitung des Vereins über ganz Galizien herbeizuführen und um in allen Orten zuverlässige Personen zu gewinnen,, die geeignet sind, dem Mädchenhandel entgegenzuwirken. Der Verein soll überdies ein Auskunftsburean einrichten, das ohne Entgelt sachliche Auskünfte über Auswanderung erteilt und bei dieser Gelegenheit auf die Gefahren der Auswanderung hinweist. III. Antrag Dr. Rosenack: Das moralische Niveau unserer Glaubensgenossen soll gehoben werden: 1. Durch Gründung einer Jargonzeitnng und Einwirkung der Rabbiner in Wort und Schrift, 2. durch Beaufsichtigung der Chedarim, Talmud, Thoraschulen und sonstigen Schulen durch die hierzu Berufener!. IV. Antrag Rabbiner Schmelkes in Kolomea: An sämtliche Rabbinen in Galizien ist die Bitte zu richten, gemeinsam.zu erklären, daß das Denunzieren der Mädchenhändler bei der Polizei kein Aweiroh, sondern eine Mizwoh ist. V. Antrag Rev. Singer und Dr. Rosenack: In Erledigung der Vorschläge des Rev. Singer befürwortet die Versammlung, die Rabbiner zu ersuchen, daß sie nach wie vor das Volk belehren, nur legale Ehen einzugehen. VI. Antrag Dr. Nathan: Alle weiteren Anträge in erziehlicher und kultureller Richtung werden der neuen Vereinigung zur Prüfung und Erledigung zugeführt, insofern sie jedoch auf eine wirtschaftliche Tätigkeit sich beziehen, sind sie an die Hilfsvereine für die notleidende jüdische Bevölkerung in Wien zu leiten. Zum Schluß forderte Dr. Byk die Versaiumlung zu dem üblichen Kaiserhoch auf und dankte dann mit herzlichen Worten den Erschienenen. Er hob hervor, daß seit 20 Jahren keine Delegiertenversammlung in Lemberg so zahlreichen Besuch von orthodoxen Rabbinen aufzuweisen gehabt habe. Herr Dr. Caro rief dem Präsidium, Herr Rabbiner Schur der Versammlung den Wunsch „Auf Wiedersehen" zu, und Herr Dr. Rosenack betonte, daß alle Teile der Versammlung sich näher gerückt seien. Herr Dr. Nathan gab seiner Freude Ausdruck, in Galizien so viele intelligente Männer aller religiösen Richtungen gefunden zu haben, die zur Mitarbeit bereit sind, und hofft davon das Beste für das Gelingen des Werkes. Er spricht nochmals den Dank der auswärtigen Delegierten für die freundliche Aufnahme aus. Damit schließt dieser erste Delegiertentag zur Bekämpfung des Mädchenhandels. sslmr öshnm kür dir Milche Mllenlchskt." Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. in Steinhaufens Monographien zur deutschen Kulturr geschützte ist vor kurzer Zeit von Georg Liebe eine kleine 127 Seiten umfassende Monographie erschienen unter dem Titel: „Das Judentum in der deutschen Vergangenheit", die in diesem Blatte bereits kurz angezeigt wurde. Ein Buch strotzend von Fehlern in Anlage und Durchführung, und doch wieder lehrreich und zwar in gar manche» Punkten. Schon der Titel ist falsch. Unter Judentum verstehen wir das, was die Christen unter den: Christentum: die religiöse Entwicklung unserer Gesamtheit; da Herr Liebe sich nicht mit dem Judentum, sondern mit den Juden beschäftigt, hätte es richtig heißen müssen: Die Judenheit, oder die Juden in der deutschen Vergangenheit. Aber auch dieser Titel wäre falsch, denn der Verfasser befaßt sich nahezu gar nicht mit dem Kulturleben der deutschen Juden; sein einziges Thema ist die Darstellung des wirtschaftlichen Verhältnisses der Juden zu den Deutschen und dessen Konsequenzen. Er hat sich ein Ziel gestellt: den Nachweis zu führen, daß Haß, Verachtung und Verfolgung der Juden des deutschen Mittelalters zum großen Teile von ihnen selbst verschuldet wurden; es seien zwar die wilden Ausbrüche der Menge zu bedauern, aber dem Volke war es nicht zu verdenken, wenn es blutige Rache nahm an seinen Blutsäugern, die durch geradezu scheußliche Wuchergeschäfte am Marke der Deutschen zehrten. Es ist selbstverständlich, daß dieser enge Kreis, in dem Herr Liebe sich bewegt, ihn zwingt, selbst bei seinem allerdings recht geringen und matten WohlwollenfürdieJudenununterbrochen grauin grau zu malen. In seiner Sucht, die Deutschen von der Schuld an der grausamen Behandlung der Juden reinzuwaschen, kommt es bei ihm nie zum Durchbruch der doch unerläßlichen Objektivität; in seiner Angst, es könnte doch etwas zu viel Licht auf uns fallen, drängt er die schwachen Ansätze von Sachlichkeit, die sich ab und zu zeigen, immer wieder zurück. Das ist selbst von seinem Standpunkte sehr bedauerlich. Hat es denn wirklich zwischen Deutschen und Juden nichts als Haß gegeben? Haben die Juden in ihr Familienleben nicht deutschen Sang und deutsche Sprache, deutsche Art und Sitte ausgenommen? Hat es nicht vielfach freundschaftlichen Zusammenschluß, ja sogar Intimität gegeben? Wie oberflächlich hat doch Herr Liebe gearbeitet! Er hat vor allem die jüdischen Quellen vollständig links liegen lassen, nicht nur die hebräischen, auch die jüdischdeutschen; nicht einmal aus zweiter Quelle sie kennen zu lernen hat er sich Mühe genommen! Welche Fülle des Interessanten' und Lehrreichen und für ihn höchst Angenehmen hätte sich ihm geboten, hätte er die Gnade gehabt, Zunz's „Zur Geschichte und Literatur", Güdemann's „Quellenschriften" und „Erziehungswesen" eines Blickes zu würdigen. Wenn ein Amerikaner wagen ivürde, über die Geschichten der Deutschen in Amerika ohne Zuziehung der darauf bezüglichen deutschen Quellen zu schreiben, was würde die Wissenschaft dazu sagen? Ueber die Juden dars eben jeder schreiben! Herr Liebe hat eine recht erkleckliche Anzahl von Streitschriften, einzelne Bücher, die sich unter anderem auch mit den Juden befassen, gelesen, hat sich seine Gedanken zurechtgelegt, und das Buch ist fertig. Nun kann das „Judentum in der Vergangenheit" zur Hauspostille iverden, ein Vademecum für alle, die sich davon überzeugen wollen, wie die Juden ihr Schicksal in der deutschen Vergangenheit verdient haben. Und wenn unser Forscher wenigstens mit seinen Quellen kritisch umgegangen wäre! Die jüdischen Quellen nennt er, l) Siehe Nummer 20 dieses Blattes.