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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 461 (sequence 7)
Language
German
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461 Wiener Antisemitismus, der non den Lichtensteins nnd anderen höchsten Aristokraten gestützt nnd gefördert wird? — Kehren ivir also zu dem schrecklichen Ereignis zurück. Ein sogenanntes Warenhaus gerät in Brand. Die Budapester Feuerwehr zeigt sich nun im Lichte des brennenden Hauses in wahrhaft asiatischer Unfähigkeit. Eine große Zahl von Menschenleben geht in jämmerlicher Weise zu gründe. Wir wollen niemand anklagen, ivir wollen nicht behaupten, daß es sträfliche Nachlässigkeit war, die da bewirkte, daß Menschen unikainen, die ja sämtlich „nur Juden" waren. Aber nun kommt di» Tatsache, die unseren magyarischen Inden oder jüdischen Magyaren doch die Augen öffnen sollte, vielleicht würden sie ein wenig von ihrem Arpadentum geheilt werden. Bei dem Leichenbegängnisse, das den armen Umgekommenen veranstaltet wird, iehlt die offizielle Vertretung der ungarischen Hauptstadt gänzich; man ließ die Juden ihre Inden begraben, und der Rabbiner Kohn konnte seine magyarische Rede im ganz intimen uiagyarenreinen Judenkreise halten. Es lebe das Judüo- Magyarentum! Eljen! Nim kannst du Weißköpfchen des Wiener Gemeinderats cnhig sein, dein Antisemitismus herrscht in Budapest sowie in Wien, nur daß vielleicht einige ungarische Magnaten den Juden mehr Geld schuldig sind, und deshalb ihr sonst so redseliges M—undwerk nicht also in Bewegung setzen dürfen, wenn von Juden die Rede ist, die vielleicht ihre Gläubiger sind. Uns räuscht man mit der vielgepriesenen Judenfreundlichkeit der Magyaren nicht. Sie kainen aus Asien, sagt man, und die Juden auch. Das verschlägt nichts. Die ganze europäische Kultur kam aus Asien, das Christentum auch. Das Gute, das ivir den Menschen gaben, verschweigt man, alles Häßliche nnd Schlechte wird von unseren Feinden ans Tageslicht gezerrt, eine alte Sophisterei, an der wir schwer zu tragen haben. Wir hören schon die Bielohlaweks rufen : Nicht einmal den armen Negern geben die Juden Ruhe, jetzt wollen sie sogar auch nach Ostafrika. Was haben ihnen die Uganda-Neger getan? Was haben sie am Ukerewe-See zu suchen? Sind denn aus den Zionisten Afrikander geivorden? Diese Juden werden den reinen Negerstamm ganz verderben, aus dem der europäerfreundliche König Mtesa hervorgegangen. Freilich wir zweifeln, ob Bielohlawek, der große Feind der Wissenschaftsprotzen, jemals von den Ugandas oder ihrem im Jahre 1884 verstorbenen Könige etwas gehört hat. Aber dieselbe sykophantische Lüge, die das Judäo-Magyarentum erfunden hat, wird im stände sein, über die Beziehungen zwischen Negern und Juden, wenn diese einmal neben einander wohnen, was ja noch in der Zeiten schwarzem Schoße ruht, tiefsinnige, echt Bielohlawekische Gedanken zu Tage zu fördern. Wir für unseren Teil verachten auf jede Verwandtschaft und Freundschaft mit Magyaren und Negern. Wir können auch Bielohlawek beruhigen. In Fragen der Regierungsgewalt haben in Ungarn die Juden ebensowenig dreinzureden, wie in Oesterreich oder sonstwo in Europa. Ihre Politik machen sich die Herren Magyaren selbst. Ihre Lumpereien auch. Wenn ihnen bei diesen einige arme jüdische Teufel Handlangerdienste leisten, so hat dies mit dem Judentum ebensowenig zu tun, wie wenn den Herren Antisemiten im Wiener Gemeinderate und in den Redaktionsstuben ihrer Zeitungen einige jüdische Schnorrer allerlei zutragen. Der Antisemitismus ist heute ein gutes Geschäft — nicht wahr Bielohlawek? — warum sollten neben diesem goldenen Wägelchen nicht auch einige Juden ihr goldenes Nägelchen suchen und finden? Iwri. Delegierten-Tag?ur Lekämpkung des Mädchenhandels. isher hat noch nie eine Versammlung von jüdischen Delegierten sich mit einer derartigen Frage zu beschäftigen gehabt. Im Gegenteil sind wir Juden bisher immer stolz gewesen aus die Reinheit unseres Familienlebens. Leider aber haben die letzteil Jahre eine Reihe von Fällen an die Oeffentlichkeit gebracht, in denen mit jüdischen Mädchen der gewissenloseste Handel betrieben wurde und die armen Versührteu, oft durch eine Scheinehe Verlockten, der Prostitution in fernen Ländern ausgeliefert wurden. Die Zahl der Vorkommnisse ist bisher keine sehr große gewesen; aber um so lvichtiger ist es, denr entstehenden Nebel gleich bei seinem Beginn elltgegenzutreten. Unter diesen Umständen hat der Gedanke, eine Versammlung derjenigen Körperschaften zu veranstalten, welche bei der Bekämpfung dieses Nebels interessiert sind, schon seit längerer Zeit bestanden und allmählich an Popularität gewonnen. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat nach mühsamen Vorverhandlullgen endlich den Erfolg gehabt, diesen Delegiertentag zu stände zu bringen, und er darf auf das Gelingen seines Werkes mit Recht stolz sein. Gemeinsam mit der Lemberger Knltusgemeinde, dem jüdischen Zweigkomitee des deutschen Nationalkomites zur Bekämpfung des Mädchenhandels und dem Deutschen Rabbinerverband hat der Hilfsverein der Deutschell Juden die Einladungen erlassen, und sämtliche Korporationen sowie viele Privatpersonen sind derselben gefolgt. Das Bedeutendste aber an der Konferenz war die lebhafte Teilnahme der orthodoxen Rabbinerelemente in Galizien, und in hohem Maße erfreulich war die Uebereinstimmullg, daß man das furchtbare Uebel nlit allen Mitteln zu bekämpfen habe. Zwar haben viele der Anwesenden bestritten, daß ein häufig sich wiederholender Handel mit jüdischen Mädchen stattfinde, vielmehr kämen nllr einzelne Fälle vor, die eben deswegen die Oeffentlichkeit um so mehr erregten. Von anderer Seite wurde allerdings behauptet, daß die Zahl der jüdischen Mädchen, die jilsbesondere durch eine Scheinehe ins Ausland verkauft würden und dort dem Gewerbe der Prostitution anheimfielen, keiue unerhebliche sei. Aber darüber herrschte vollständige Einstimmigkeit bei allen, daß, ob das Uebel nun groß oder klein sei, man nicht früh genug daran gehen könne, es auszurotten. Auch darüber bestand nur eine Auffassung, daß die Wurzel des Nebels in der fürchterlichen materiellen Notlage der galizischen Juden zu suchen sei und daß eine Besserung nur dann eintreten könne, wenn diese Notlage wesentlich gemildert werde. Es ist eine Reihe von Maßregeln in Vorschlag gebracht und zun: Teil beschlossen worden, um die Besserung der ökonomischen Lage wirksam ins Werk zu setzen. Es find aber auch sosort Beschlüsse gefaßt worden, welche unter den gegenwärtigen Verhältnissen sich als nutzbringend gegen den Mädchenhandel erweisen werden. Von allen Seiten ist ferner betont worden, daß es nicht allein darauf ankommt, die Verführung der jüdischen Mädchen nach Kräften zu verhindern, sondern daß auch ein Händler, der christliche Mädchen verkuppelt, verbrecherisch handelt und der Polizei zur gerechten Bestrafung überliefert werden muß. Nach dieser Richtung ist sehr bedeutsam insbesondere der auf Wunsch der Rabbiner gefaßte Beschluß, wonach dieselben sämtlich aufgefordert werden sollen, ihren Gemeindeangehörigeu klar zu machen, daß das Denunzieren der Mädchenhändler bei der Polizei eine wenn auch unangenehme, so doch für die Allgemeinheit notwendige Pflicht ist, der zu genügen jedes Gemeindemitglied gehalten ist. Wir kommen nunmehr zum Berichte selbst. In dem schönen Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde zu Le mb erg eröffnet der Präsident derselben, der Reichstagsabgeordnete Dr. Byk, heute um 11 Uhr den Delegiertentag. Derselbe ist sehr zahlreich besucht und der stattliche Saal vollständig gefüllt. Unter den auswärtigen Delegierten bemerkten wir Rev. Singer aus London (Jewish Protection Society for Women and Girls), Dr. Pappenheim- Wien (Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien), Dr. Sonnenschein-Troppau (Oesterreichische Bne Brith-Logen), Dr. Rosenack-Bremen (Deutscher Rabbinerverband), Dr. P. Nathan und W. Bambus-Berlin (Hilfsverein der Deutschen Juden), Dr. Hirschler und Frl. Pappenheim-Franksurt (Komitee für die osteuropäischen Juden in Frankfurt), Gustav Tuch und Alfred Cohn-Hamburg, sowie Goldschmidt-Lübeck (Jüdisches Zweigkomitee des

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