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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 462 (sequence 8)
Language
German
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Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels), Paul La-kar-Hamburg (Israelitischer Unterstützungsverein für Obdachlose). D. Rotter-Wien (^OsvisK Kolonisation Association und Alliance israellts universelle), Dr. A. Kanrinka-Wien (Israelitische Allianz) rc. Unter den Galiziern fallen vor allen die markanten Gestalten der strenggläubigen Rabbiner auf, die zahlreich vertreten sind, darunter Rabbiner Schmelkes-Lemberg, Horovitz-Krakau, Schmelkes-Kolomea, Schnur-Tarnow, Lewills-Rohalyn rc. Auch ihr Gegenpart ist vertreten, dje beiden Prediger Dr. Caro-Lemberg und Dr. Thon-Krakau. Drei jüdische Abgeordnete sind anwesend: Dr. Byk. Rappaport und Kolischer, die Vorsitzenden der Gemeinde in Lemberg und Krakau und viele andere angesehene Persönlichkeiten aus Galizien. Dr. Byk eröffnet die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er die historische Entwicklung schildert, die zu dem jetzigen wirtschaftlichen Tiefstände in Galizien und besonders bei den galizischen Juden geführt hat. Doch stehen auch jetzt noch den Schattenseiten Lichtseiten gegenüber, vor allem das innige Familienleben, die Opfer- Willigkeit, die Arbeitslust und Bildungsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Dr. Byk begrüßt die anwesenden Delegierten, besonders die Ausländer, und schließt mit dem Wunsche, daß Osten und Westen gedeihlich zusammen arbeiten möge. Der Osten wird dann lernen, der Westen wird die östlichen Verhältnisse besser verstehen und entschuldigen. Namens der fremden Delegierten danken die Herren Rev. Singer-London und Dr. Nathan-Berlin, wobei letzterer hervorhebt, den fremden Delegierten läge jeder Gedanke einer Bevormundung der Galizianer fern; man sei gekommen, um zu lernen, wie man helfen könne. Das Präsidium wird alsdann gebildet aus den Herren: Dr. Byk, Dr. Nathan, Rev. Singer, Rabbiner Schmelkes und Dr. Horovitz. Die Tagesordnung beginnt mit dem Generalreferat des Herrn Gustav T u ch-Hamburg. Redner verbreitet sich über die ganze Frage des Mädchenhandels, seine Ausbreitung und verschiedenen Formen. Er beleuchtet die sehr oft verwickelten Wege, die die Mädchenhändler zu gehen wissen, die Verführungskünste, über die sie verfügen, die Scheinehe rc. Alsdann spricht Redner über die Abwehrbestrebungen, die sich in allen Ländern dagegen rühren, die Kongresse der Natioualkomitees rc, und kommt zu dem Anteil der Juden an diesem schmachvollen Gewerbe, aber auch zu seiner Bekämpfung. Er schildert die Arbeit des jüdischen Zweigkomitees in Deutschland und betont die Anerkennung, welche diese Arbeit besonders auch bei den Nichtjuden gefunden hat. Redner schließt mit der Verlesung seiner Thesen, welche die Versammlung am Schluffe ihrer Verhandlungen als Motive zu den Beschlußanträgen angenommen hat. Der zweite Referent. Herr Rabbiner Dr. Rosenack-Bremen, erwähnte zunächst die Arbeit des Deutschell Rabbinerverbandes, in dessen Auftrag er Galizien bereits mehrmals bereist hat. Er wendet sich alsdann besonders an die Rabbiner und fordert sie ans, durch ihren Einfluß bei der Jugend auf eiue hohe Wertschätzung der Arbeit hinzuwirken und. wo dieselbe besteht, sie 311 pflegen. „Arbeit schafft das Laster aus der Welt!" Unter dem Beifall der Versammlung führt der Referent aus, daß das Laster der Prostitution nicht nur bei den Mädchen, sondern auch bei dern männlichen Geschlecht bekämpft werden müsse. Mindestens ebenso schuldig wie die Mädchen ftub die verführenden Männer. Darum ist eine Reform der Erziehung not, aber nur unter Wahrung der Religion. Die gesundheitsschädlichen Chedarim müssen reformiert werden, aber der Rabbiner soll die Anfsicht über dieselben erhalten. Die Auswanderung vorn Lande in die Stadt ist nach Kräften einzudämmen. Die Herallsgabe einer Jargonzeitung unter Mitwirkung der Rabbiner ist nötig, um solche Ideen unter den fast nur Jargon redenden Massen zu verbreiten. Der dritte Referent, Herr Dr. Meier Munk-Lemberg, sprach über die Organisation in Galizien. Er legt die Statuten eines zu dem speziellen Zweck soeben neu gegründeten Vereins vor, dessen entscheidender Paragraph lautet: 2. Der Verein hat den Zweck, durch wirtschaftliche und geistige Hebung der armen jüdischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina den Mädchenhandel unter den Inden dieser Länder 31t verhindern und die Verbreitung desselben nach Kräften 31t bekämpfen. 3. Die Mittel zur Erreichung dieser Vereinszwecke loäveu: a. Errichtung und Unterstützung solcher Anstalten, welche die wirtschaftliche, geistige und sittliche Hebung der jüdischen Mädchen zur Aufgabe haben, wie: Asyle, Dienstbotenheime, Kinderbewahranstalten, Hanshaltnngs- und Dienstbotenschulen, Anstalten zur Heranbildung von Kinder- und Krankenpflegerinnen. Stellenvermittlung und dergleichen. b) Einwirkung auf die intelligenten Kreise und besonders auf di jüdischen Gemeinderepräsentanten zur Unterstützung der Be strebungen des Vereins, c) Herausgabe und Verbreitung von Druckschriften, welche di Vereinszwecke fördern, d) Veranstaltung belehrender Vorträge und öffentlicher Diskussionen all verschiedenen Ortell dieser Läilder, o) Aufstellung von Belehrnngs- und Warnungstafeln in öffentlicher Lokalen, f) Erteilung zweckdienlicher Informationen, g) Schatz und Hilfeleistung bei drohender Gefahr. b) Förderung der Bestrebungen anderer Vereine ini In-und Ans lande mit gleicher Tendenz. Dieser Verein wird Zweigorgaliisationeil und Exekutivkomitee selbst in den kleinsten Orten Galiziens und der Bnkowilla einrichten wo dies auS irgendwelchen Gründen, wie Nähe der Grenze rc., wnn schenswert erscheint. Referent wendet sich besollders an die Rabbiner um ihre Unterstützung für den ilenen Vereill zu erbitten. Nach Anhörung der drei Referenten wird die Diskussion er^ öffnet. Leider läßt der Mangel an Raum die Veröffentlichung de! Diskussion nicht zu. Au derselben nahmeil teil: Rabbiner Dr. Horovitz-Krakau, Dr. Nathan-Berlin, Dr. Caro-Lernberg, Dr. Nacht Focschani, in der Nachmittagssitzllng Dr. Watdnlann, Frl. Pappenheim Reichstagsabgeordneter Rappaport, Rev. Singer rc. Hervorznheben ist, daß Prediger Dr. Caro und Rabbiner Horovitz bestritten daß der Mädchenhandel überhaupt uub mit jüdischen Mädchen spezielin wesentlichem Maße unter den Inden Galiziens verbreitet sei. Rev. Singer brachte einen Antrag ein, der sich gegen die illegaler Trauungen und Scheidungen richtet. Er verlas einen Brief der Frau Barollin Rothschild in London, beu wir im Wortlaut wieder geben. lUebersetznng.) Prinz Park, Tviny, 5. August 1908 Lieber Herr Singer! Da Sie eben im Begriff sind, von England abzllreisen, schicke iä Ihnen nreine bestell Wünsche für den glücklichen Erfolg Ihrer Reift nach Lenlberg. Das baldige Zlisammentreffell der Rabbiner daselbst, beueu es am Herzen liegt, den weißell Sklavenhandel zu bekämpfen wird, so hoffe ich inniglich, einen lvohltätigen Erfolg von bei größten Tragweite erreichen. Als Vorsitzende der dewisb Association kor the Protection o: Wonieu and Girls nehme ich das wärmste Interesse an einem Unter llehnlen, lvelches die Wohlfahrt der Frauell sich zuni Ziele setzt, und vorzüglich derjenigen, deren Jugend und Unerfahrenheit auf Schul mld Hilfe Allspruch nlachen. Die schauderhasteu Tatsachen des weiße! Sklavenhandels werden jetzt llicht nur überall zngestauden, sondern si haben in allell Ländern den einstimmigen Entschluß hervorgerufen, den schändlichen Unfug entgegenzutreten. Alle Völker hegen das Gefühl, das es auch nationale Schmach ist, angesichts der af tuefleu Zustände müßig 31 sein. Ich bin überzeugt, daß der Eifer, der jetzt auf allen Seite! ausstamult, nur zu einem guten Ende führen kann. Erlaubt man mir ein Wort des Rates allszllsprechen, so würd ich meillen: Die Rabbiner nnb Gemeindehäupter. in Lemberg ver sammelt, sollten es allen betreffendell Eltern einprägen, daß sie ihrei Töchtern nicht gestatten, Haus uub Land zu verlassen, ohne völlig über zellgt zu sein, daß dem Mädchen ein sicheres und ehrbares Unterkomme! in der Fremde bereit steht. „Forewarned is forewarned." Dieses den Volke klar zu macheil und einzuschärfen ist höchst notwendig. Wiviele junge Mädchen verlasseil ihre Heimat, angelockt von falsche! oder gleißenden Versprechungen, rrm nur danach ins Unglück und Elend zu stürzen! Möge Gott Ihr Unternehmen beglücken! Seien Sie versichert daß es nlir eine hohe Freude verursachen wird, zu hören, daß di> Versammlung in Lemberg etlvas Gutes uub Dauerndes zur Be kämpfullg des weißell Sklavenhandels, jenes Schandfleckens unsere Civilisation, erwirkt hat. Ich verbleibe herzlichst Ihr« The Rev. S. Sillger. E. L. Rothschild. * * *

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