Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- Seite 460 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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460 der Unruhen vier Christen und vier Juden getötet, verwundet sieben Christen und acht Juden, von denen einer starb. Die bisher festgestellte Zahl der zerstörten Häuser und Buden beträgt 200. 68 Personen wurden wegen Teilnahme an den Ausschreitungen verhaftet. Fälle von Raub wurden nicht festgestellt. Das Militär hält die Ruhe aufrecht. Offiziere und Justizbeamte bezeichnen die Haltung der Polizei bei der Unterdrückung der Unruhe" als tadellos. Nur den Anordnungen des Polizeimeisters sei es zu verdanken, daß die Unruhen auf einen verhältnismäßig unbedeutenden Kreis beschränkt blieben. Die Ursache der Unruhen ist nach der Ueberzeugung der gutgesinnten Bevölkerung in der äußerst feindseligen, herausfordernden Haltung der Juden gegen die christliche Bevölkerung zu suchen." Die gutgesinnte Bevölkerung von Homel! Es wäre zum Lachen, wenn die ganze Sache nicht so überaus traurig wäre. Ja wahrhaft erschütternd^ Weise schildert ein uns von dort zugegangener Bericht, wie Militär und Polizei den Aufruhr provoziert und liebevoll beschützt haben! Auch aus dem Schlußsatz der offiziösen Meldung geht mit Sicherheit nichts anderes hervor, als „die äußerst feindselige, herausfordernde" Haltung — der Regierung gegen die Juden! Diesen Effekt haben die Federknechte des Herrn v. Plehwe mit ihren Zeitungsmeldungen diesmal sicher erreicht — und keinen andern. * Fast regelmäßig erscheint in Begleitung einer jeden Judenhetze zugleich gewissermaßen als Dämpfer die Nachricht von neuen Judengesetzen in Rußland. Hiesige Blätter erhalten darüber folgende Nachricht: Der russische Minister des Innern hat sich in einem Zirkularschreiben au die Gouverneure des Weichselgebietes und beit Oberpolizeimeister von Warschau gewandt und sie aufgefordert, ihm in kürzester Zeit ihre Erwägungen über die Unzulänglichkeit der bestehenden Gesetze über die Inden zngehen zu lassen, da die Regierung eine Verbesserung, keine vollständige Umarbeitung der Gesetze über die Juden plane. Im Ministerium des Innern ist bereits im Laufe des Sommers eine Konnnission in dieser Frage tätig gewesen. die festgestellt hat, daß eine große Anzahl der das Wohn- und Handelsrecht der Juden betreffenden Gesetze teilweise entweder vollständig veraltet sind oder trotz der vielen Senatsinterpretationeu miteinander im Widerspruch stehen. Diese Mängel sollen durch eine Umarbeitung in liberalen! Sinne beseitigt werden. Im Interesse der russischen Juden, die gegenwärtig in wahrhaft menschenunwürdiger Lage sich befinden, und auch im eigenen Interesse Rußlands wäre zu hoffen, daß die Nachricht sich bewahrheiten möchte. Herrn v. Plehwes bisherige Haltung war aber leider durchaus nicht danach angetan, solche Hoffnungen zu wecken oder zu stärken. * Eine Meldung, die für die Einwanderung unserer östlichen Glaubensgenossen nach Amerika wichtig ist, bringt das Kabel aus Newyork: „Präsident Roosevelt besichtigte eingehend die Einwandererstation auf Ellis-Jsland, um selbst die über die dortigen Behörden laut gewordenen Beschwerden zu untersuchen. Der Besichtigung folgte eine Konferenz über die Frage der Beschränkung unerwünschter Einwanderung aus dem fernen Osten sowie Süden Europas. Hervorragende Vertreter der Newyorker City wohnten der Besichtigung sowie der Konferenz bei." Ueber die Ergebnisse der Konferenz ist bisher noch nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen. Doch fürchten wir sehr, nach alledem, was darüber bekannt geworden, daß das Resultat für unsere unglücklichen jüdischen Auswanderer aus den Ländern des Ostens kein sehr günstiges sein dürfte. Lriek aus Srlterreich. Anfang September 190-. S giebt bekanntlich große Ereignisse in der Weltgeschichte, bi: schwer zu erforschen sind; schwer ist es auch, nach ihren Ursachen und Gründen zu spüren. Der trojanische Krieg, der Investiturstreit, die französische Revolution und die Reformation sind gewiß gewaltige Ereignisse in der Geschichte; wir frage», wo sin) die treibenden Motive, welche die Menschheit so oft in Aufregung brachten und inanchinal heilloses Unglück über diese brachten" Man weist da ans den Segen hin, den die großartigen Um Wälzungen so ost im Gefolge führten, fragt man aber nacu den Urhebern alles Unglücks, den jeder Umsturz mit sich bringt, dann muß man nur einen Antisemiten erforschen, der sagt es der weiß alles; und so gesteht er denn offen und unumwunden An allem Unglück, das jemals in der Geschichte die Menschei. traf, sind die Jiiden schuld, die Judaei nefarii der Kirchenväter die, wie man sieht, sich auch nicht sehr väterlich-liebevoll über die Juden äußerten, trotzdem sie doch eigentlich ein Paten auf die Menschenliebe zu haberl glauben. Da ist nun im Wiener Gemeinderat und im österreichische!. Parlament ein Herr, den ich Ihnen schon einmal bvrstelltc Er führt den poetischen Namen Bielohlawek, d. h. zu bcwtfch „Weißköpfchen", wvhl zu unterscheiden von „weises Köpfchen. Köpfchen heißt er wohl, >veil in dem kleinen Raume nicht Die Platz für viel Hirnmasse zu sein scheint. Dieser Her Bielohlawek also, mit dem schönen tschechischen Namen ist eine der vielen Schildknappen oder Barrierestöcke Luegers, ein mehr lauter als tvackerer Rufer im Streite gegen die Juden. Frag man nun diesen Herrn, wer ist au allem Unheil der Mensch heit schuld, antwortet er präzise und kvnzise: „die Juden," Sc zeigt er, daß ihm die Wissenschaft doch nicht so ganz fremd ist wie man aus seinein bekannten Hasse gegen alle Bücheschließen möchte. Sind nun die Juden au allem Unglücke der Menschhei schuld, wer sollte darau zweifeln, daß sie auch das Unheil Oesterreichs heraufbeschivoreu haben, daß sie es sind, bu Ungarn von Oesterreich losreißen wollen, ivie dies in eineder letzten Gemeinderatssitzungen Bielohlawek laut und deutlich verkündete. Merkwürdig sind übrigens die ethnographischen Kenntniss. unserer Antisemiten. Sie sprechen nicht anders wie von den Judäo-Magyaren. Eine eigentümliche Verquickung semitisch mongolischer Elemente, die ivir den Anthropologen und Sprach forscher» zur weiteren gelehrten Erwägung überlassen. Sc konnte ich es vor kurzer Zeit erst aus dem Munde eines Jugendbildners hören, es gebe eigentlich keine Magyaren, dies: seien allesamt Juden, und diese machen dort die sogenannte nationale Politik. — Nun wollen wir es nicht leugnen, datz unsere lieben Brüder in Magyarien allerdings die ärgsten Chanonisten sind, sie tun wirklich, als stammten sie direkt von Arpad und Geisa ab. Wir Juden haben eben einen Kardinalfehler; wir müssen extrem sein, bewegen uns am liebsten in Hyperbeln, und, geht es uns in einem Lande etwas besser als in anderen, so vergessen wir sehr gerne, daß wir eigentlich zuerst Juden sind, alles übrige aber, das uns anhaftet, doch erst im Laufe der Zeit uns erworben haben. Nun sind aber die Bollblutinagyaren jüdischen Bekenntnisses durch ein schreckliches Ereignis der letzten Tage ein wenig aus ihrem Taumel erweckt worden, durch eiu Ereignis, das ihnen zeigte, daß von Wien nach Budapest nicht allzu weit ist, und der klerikale Antisemitismus schnelle und leichte Flügel hat, die ihn gar rasch über die Leitha tragen. Denn was ist die in Ungarn sehr mächtige klerikale Volkspartei, an deren Spitze Magnaten mit hochtrabenden Namen stehen, anderes als jener