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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 459 (sequence 5)
Language
German
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459 v?ber auch diese Schwierigkeit fällt weg gegenüber den Juden. Notorisch \:l seit mindestens 20 Jahren in Preußen — abgesehen vom Sanitätsdienst — auch nicht ein einziger Jude zum Offizier ernannt worden, li eder in der Linie, noch — unter den vielen tausend jüdischer Einjahrig-Freiwilliger — in der Reserve, für welche ja sonst nicht einmal die „gute Familie" gefordert wird. Den Juden gegenüber ist die Militärverwaltung völlig vorurteilslos, sie legt gar keinen Wert auf , amilie, sie weist den Sohn des Hausierers ebenso zurück wie den des (^eheimrats. Der Einwand, daß das Offiziersamt durch Wahl des l ffizierkorps verliehen wird, greift nickt durch, da das Offizierskorps nur ein Vorschlagsrecht hat und überdies Juden ganz regelmäßig, i uch wenn sie alle übrigen Bedingungen erfüllt haben, nicht zur gestellt werden. Die Offizierstellen sind also den Juden völlig unzugänglich, der Widerspruch mit der Verfassung ist offenkundig. Ob die Bau-, die Medizinal- und Uuterrichtsverwaltung, die sonst nden anstellten, es jetzt noch tun. ist nicht sicher bekannt; es wird der behauptet, daß selbst in der Gelehrtenrepublik der Universitäten, welcher derartige Unterscheidungen stets am fernsten gelegen haben, i:cht mehr jüdische Professoren ernannt werden. Daß die übrigen Verwaltungen jüdische Assessoren nicht übernehmen, hat der Justizlinister selbst erklärt. Für die Richtigkeit des hier gefundenen Ergebnisses gibt es einen M itten Prüfstein: man denke sich die bestehende Verwaltungspraxis yim Gesetz erhoben und frage sich dann, ob ein solches Gesetz mit der Verfassung im Einklang stände. Also: ein Gesetz, das Juden von den ffizierstellen, von den Verwaltungsämtern ausschlösse, widerspräche ts der Verfassung? Ja oder Nein? Gewiß Ja. Was aber nicht i »esetz werden darf, darf die Verwaltung auch nicht auf dem Umwege l er tatsächlichen Uebung einsühren. Und darin liegt die ungeheuere grundsätzliche Bedeutung der rage, hinter der vorlällfig die Frage der Zweckmäßigkeit und selbst Gerechtigkeit des Verfahrens zurücktritt: daß die Autorität des 'esetzes in G>fahr ist. Wie man auch zur politischen Frage ehe: für die Juden ist der Kampf augellblicklich ein Kampf ums -echt. Gibt es wirklich zwingende Gründe, ihnen den Zugang zum taatsdienst zu verschränken, so kann dies nur geschehen im Wege der Verfassungsänderung. Wer den Mut hatte, die bisherige Ver- »altungspraxis zu billigen, niuß auch den Mut haben, für ein entbrechendes Gesetz zu stimmen. Nun, die Konservativen und Agrarier hätten wohl auch iesen Mut. Es fragt sich nur, ob ihnen die Regierung und re anderen Parteien auf dieser abschüssigen Bahn folgen würden. * Ein Mann über Bord! So heißt es heute bei den Anti- -lniten. Der frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Böckel hat ah nämlich vollständig aus dein politischen Leben zurückgezogen. Wie eilt ihm nahestehendes Blatt erklärt, hat er iesen Schritt getan, „verärgert durch die ewige Zersplitterung aib Eifersüchtelei in der antisenlitischen Bewegung und körperlich aufgerieben in jahrzehntelangem Kampfe". Böckel hat seit 'title der achtziger Jahre eine der vielen antisenlitischen iichiungen gebildet. Er war der erste antisemitische Abgeordnete im deutschen Reichstag. 1887 wurde er in Marburg gewählt. Die Bewegung in Kurhessen erhielt durch ihn ihren lnstoß. Man namlte ihn dort den Banernkönig. Sein größter Lag im Reichstage war der 18. Mai 1887. An diesem Tage ersprang nämlich im Kaulpfe gegen ihn die Präsidentenglocke.!895 trat er, weil sein damaliger Intimus Ahllvardt aus Gründen der Taktik excludiert wurde, ans der deutsch-sozialen teformpartei aus und l900 begründete er den „Deutschen Zolksbund" mit Hans v. Mosch und Professor Förster. Im l'tzten Reichstag erschien er nur noch selten. Von 188 namentlichen Abstimmungen hat er 144 versäunlt. Eine Zeitlang hat er den „Bund der Landwirte" befehdet; dann war er wieder Angestellter des Buildes in dessen Berliner Bureaus, später lvurden ihm allerhand private Unerquicklichkeiten im öffentlichen Leben von den eigenen Parteigenossen zum Vorwurf genracht; einer der sinnigsten Angriffe gegen ihn kam auch aus den Reihen seiner Parteigenossen deshalb, weil er - das Brautkleid seiner Frau bei einem Juden gekauft haben sollte. Dieser Vorwurf charakterisiert einigermaßen die geistige Höhe jenes Parteilebens. Daß Böckel dem politischen Leben Valet sagt, ist das verständigste, was er unter den heutigen Unlständen tun koilute. * Wer da geglaubt hat, daß die Aera der russischen Judenverfolgungen mit dem Blutbade von Kischinew abgeschlossen sei, der kennt die epidemische Entwickelung derartiger Exzesse nicht. Run haben auch im Gouvernement Mohilew Unruhen stattgefnnden. Vorlällfig liegen nur die Berichte des „Regierungsboten" vor, die an offiziöser Verlogenheit das Unglallblichste leisten und selbstverständlich die Juden als die Urheber der Krawalle hinstellell. Es heißt hu ersten Bericht: „In Hvmel, Gonvernernent Mohilew. entwickelte sich am 11. d. M. in dem dortigen Bazar aus einem Streit zwischen einem Bauern lind einem jüdischen Händler eine erbitterte Schlägerei zwischen Juden und Nüssen. Als die Polizei die Ordllvng wieder Herstellen wollte, lvarfen die In d en mit Steinen auf die Beamten, auch wurde aus ihrer Mitte eill Revolverschuß abgefeuert, auf den die Polizisten mit Schüssell in die Lust ailtwortetell. Bei der Prügelei wurde ein Russe von einem Jlldell durch einen Messerstich in den Leib tödlich verletzt, ein Jude sowie sieben andere Personen trugen leichte Verletzungell davoll. Am 14. lviederholten sich die Unruhen. Russische Arbeiter fingen aus Rache für eine ihnen am 11. September zugefügte Krällknng an, ilu Judellviertel Budell 31t zerstören. Bei dem Zusalnmellstoß mit den Jllden lvllrden auf beiden Seiten etwa 20 oder Nlehr Personen verlvlmdet. Als Truppen erschienen, wurden sie von den Jlldell mit Schüssen empfangen. Infolgedessen nlllßte voll beit Fenerwaffen Gebrauch gemacht werden. Gegell Abelld war die Ruhe wiederhergestellt. Nach beu Berichten des inzwischen in Hömel eingetroffeneu Gouverneurs wnrdeil während der Ullruhen fünf verwundete Christen lind neull Juden in die Stadthospitüler eillgeliefert. Getötet sind vier Christen urrd zlvei Juden." Wer da weiß, wie sehr die russischen Juden im Bewußtsein ihrer völligen Rechtlosigkeit sich davor hüten, mit dell Behörden ill Konstikt zu komnlen, der wird auch wissen, was er von dieser Darstellmlg zu halten hat. Daß die Juden auf Polizei und Truppen zuerst geschossen haben sollten, wird dem „Regierungsboten" selbst ili Rllßland niemand glauben. Die inzwischen hier eingelaufenell Privatbriefe berichten genau das Gegenteil. Zunächst muß man an die Lüge von dem Karussellbesitzer in Kischinew denken, durch den dort das Blutbad begonnen haben soll. Am nächsten Tage brachte der „Regierullgsbote" folgendes Telegramm: „Nachdem am 15. d. M. wiederlull Versllche geulacht waren, die Unruherl der vorherigen Tage 311 erneuern, sind gestern die Gerichtsbehörden und der Gouverneur hier eingetroffen. Gegenwärtig herrscht völlige Ruhe, der Halldel ist lvieder aufgenoninlell worden." Bemerkenswert ist an diesem Telegramm, daß nicht gesagt wird, von wem die Versuche zur Erneuerung der Unruhen ausgegangen sind — von den Juden also ganz bestimmt nicht, da das wohl kaum von den Tintenkulis der Regierung verschwiegen worden wäre. Nun folgt noch eine dritte Darstellung. Man sieht, :bie Regierung hat nichts Eiligeres zu tun, als den authentischen Berichten zuvorzukommen. Wenn sie aber damit die Stwlme der Wahrheit zu ersticken glaubt, so befindet sie sich stark auf denl Holzwege. Das dritte Telegramm lalltet: „Bei den Unruhen am 14. September haben dort mit Messerll, Dolchen, Wnrskugeln und Revolvern bewaffnete Juden dem Militär- Widerstand entgegengesetzt, als es der Prügelei mit den Christen Einhalt tun wollte. Die Juden schossen aus den Häusern und hinter den Zäunen auf die Soldaten. Ein Feldwebel, der einen schießenden Juden festnehmen wollte, wurde von einem anderen Juden durch einen Messerstich am Halse verwundet. Im ganzer! wurden während

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