Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ifei'lin, 18. September 1903 n» 3S. Dxx Demeindrbote. Bciliige zur „Allgemeinen Lellung drK IndenknmK" Sorrelponüen?m und Kachrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 14. September. Ende Juli bereits ist der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde beim Generalkommando des Gardekorps vorstellig geworden, zu veranlassen, daß bei den ' >.m Kommando ressortierenden Truppenteilen die im diesjährigen verbst eintretenden jüdischen Einjährig-Freiwilligen am 1. Oktober dienstfrei bleiben. In seiner Eingabe wies der Vorstand darauf hin, d iß die Notwendigkeit, am Versöhnungstage, dem heiligsten jüdischen deste, den Heeresdienst beginnen und dem Gotteshanse sernbleiben zu nüffeii, zahlreiche Einjahrig-Freiwillige jüdischer Konfession in drückende Gewissensnot versetzen würde. Schon nach acht Tagen ließ der zur Vertretung des Chefs des Generalstabs kommandierte Generalmajor dchickfus den Bescheid an den Gemeindevorstand gelangen, daß „die Truppenteile die betreffenden Einjahrig-Freiwilligen, ^sern diese direkt den Wunsch nach Dienstbefreiung nßern. vom Dienst befreien können." Daraufhin hat sich abbiner Dr. Map bäum als Vorsitzender des Rabbinerverbandes an - as Kriegsministerium mit dem gleichen Ersuchen um Dienstbefreiung r.m 1. Oktober für die zu diesem Termin eintretenden jüdischen Einährigen des ganzen Reiches gewendet, doch ist bis heute eine Antwort noch nicht eingetroffen. Es darf wohl kaum bezweifelt werden, i ah ein zusagender Bescheid auch voll dieser behördlichen Stelle ein- 1 offen wird, zumal ein solcher auch bereits an anderen Stellen eräugen ist. So wird uns aus Stettin berichtet: Unserm Herrn abbiner Dr. Vogel stein ist in diesen Tagen auf seine diesbezügche Eingabe der folgellde Bescheid geworden: Stettin, 19. August i-*03. All den Rabbiner der Synagogengemeinde, Herrn Dr. Vogelstein. . n Erwiderung des sehr gefälligeil Schreibens vom 14. d. M. beehre a mich ganz ergebenst mitzuteilen, daß ich den Diensteintritt der! wischen Einjahrig-Freiwilligen in diesem Jahre ausnahmsweise auf i'\\ 2. Oktober angesetzt habe. Der kommandierende General Langenbeck (in. p.). A- Berlin, 15. September. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin sendet uns das Verichnis der im Winter-Semester 1903/1904 zu haltellden V orl esung en. r r. Baneth Wirb leseil: 1. Talmud Babli stat. Jebamot Cap. XVI, Stunden, Montag und Donnerstags 8—10 Uhr. 2. dore Oe'a nir und Scliulchan Aruch, LXXIX-LXXXII), 2 Stunden, Montags itb Donnerstags 10—11 Uhr. 3. Eben ha’ezer CLXIX (Fortsetzung) Stunde, Donnerstags 11—12 Uhr. 4. Mischne Tora, V. Buch, Stunden, Montags und Donnerstags 12—1 Uhr. 5. Kusari, zwei stunden, Dienstags und Freitags 11—12 Uhr. 6. Pentateuch mit :ten Komnlentaren, 2 Stunden, Mittlvochs 11—1 Uhr. 7. Einleitung ' den Talmud, 1 Stunde, Montags 11—12 Uhr. Dr. Elbogen wird sen: 1. Erklärung des Propheten Jesaia. 2 Stunden, Montags und iittwochs 10—11 Uhr. 2. Die Sprüche Salomos. 1 Stunde, Sonngs 10—11 Uhr. 3. Talmud Babli curs.. Berachoth, 4 Stunden onntags und Mittwochs 8—10 Uhr. 4. Geschichte der Juden in eutschland vom VIII.—XII. Jahrhundert, 2 Stunden, Dienstags -10, Freitags 10—11 Uhr. 5. Geschichte des Synagogenkultus und er synagogalen Literatur, 2 Stunden, Dienstags und Donnerstags ■■■•)—11 Uhr. 6. Judentum und Urchristentum in ihren gegenseitigen eziehungen. (Für Studierende aller Fakultäten.) 1 Stunde, Diensugs 6—7 Uhr. Dr. Mahbaum wird lesen: 1. Homiletik, 1 Stunde, ienstags 8—9 Uhr. 2. Homiletische Hebungen, 2 Stullden, Freitags -10 Uhr. Die Eröffllung des Winter-Semesters findet am 21. Oktober 2 Uhr Mittags statt. — Berlin, 13. September. Mit der Einführung von jüdischem Religionsunterricht an der Hohe nzollernschu le in Schöneberg at sich, auf einen Antrag der jüdischen Gemeinde Berlin hin, die tädtische Deputation für das höhere Schlllwesen einverstanden erklärt. 2ie Kosten des Unterrichts, der mit Beginn des Winterhalbjahres ausgenommen wird und zu dem die Stadt die Klassenräume hergibt, ragt natürlich die jüdische Gemeinde. — Berlin, 4. September. Der Verein zllr Bekleidung armer jüdischer Kinder hat in seiner letzten Vorstandssitzung wiederum die Mittel zur vollständigen Einkleidung von 26 Kindern im Alter von VI-> bis 15 Jahren bewilligt. Alle vorliegellden Unterstützungsgesnche koilntell leider llicht berücksichtigt werden da die Arlforderungen in letzter Zeit allzu große waren. Es ergeht deshalb die dringende Bitte, den Verein durch Beitritt als Mitglied (jährlicher Beitrag 3 Mark) oder durch Ueberweisung von Kleidungsstücken und Wäsche jeder Art zu unterstützen. Alles nähere in der Geschäftsstelle des Vereins, bei Herrn Siegbert Würzburg, W. 30, Eisenacherstraße 81 (Amt Via 12670). — Berlin, 11. September. Am 23. v. M. wurde Herr A. S. Radin owitz aus dem Friedhof der jüdischen Gemeinde zu Weißensee in das kühle Grab gesenkt. Wer den Verblichenen kannte, sein Wirken in Posen als Kultusbeamter durch beinahe 32 Jahre, sein reiches hebräisches und talmudisches Wissen, seine wahre Religiösität. seine hohe Achtung und Beliebtheit bei jedermann, wegen seines bescheidenen und anspruchslosen Wesens, der weiß, was mit ihm dahingegangen ist. Ehre seinem Andenken! Arnswalde, im September. Die der „Neumärk. Ztg," vor einigen Tagen entnommene Mitteilung über Zerstörung eines Ritualmordmärchens bezieht sich, wie wir uns überzeugt haben, ans einen Vorgang, der sich bereits im Jahre 1901 abspielte. Mitte November 1901 wurde aus Landsberg berichtet: Vor etwa sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Arnswalder Kreise das dreijährige Söhnchen des Wirtschaftsbesitzers Jenske. Politische Hetzer machten sich den geheimnisvollen Fall zu nutze und brachten in die Landbevölkerung den Glauben, daß das Knäblein einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei. Es kam gegen die im Arnswalder Kreise wohnenden Juden zu Ausschreitungen, welche erst durch die energischen Maßnahmen der Behörden unterdrückt werden konnten. Jetzt erst, nach sechs Jahren, hellt sich das traurige Schicksal des kleinen Jenske auf. Auf dem Sterbebette gestand ein Förster namens Renke, daß er das im Walde nächst Mienken spielende Kind für ein Wild gehalten und erschossen habe. Aus Angst, verhaftet und bestraft zu werden, habe er die Leiche des Kleinen im Walde vergraben. Der Sterbende gab auch die Stelle an. und die Behörde, welcher das Geständnis des Försters bekanntgegeben wurde, leitete sofort die notwendigen Nachforschungen ein. Der Berichterstatter der „Neumärk. Ztg." hat also nur eine alte Geschichte wieder ausgegraben und den Namen des Försters ein wenig geändert. 0. Danzig, 14. September. Unsere Gemeinde und mit ihr die gesamte deutsche Judenheit hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Gustav Davidson, unser langjähriger Vorsteher und Führer, ist gestern plötzlich gestorben. Noch ist nicht an der Zeit, ausführlich zn schildern, was der so früh Heimgegangene unserer Stadt, unserer Gemeinde, ja der ganzen Provinz gewesen, was er auf so vielen und weit auseinander liegenden Gebieten während seines tatenreichen Lebens geschaffen hat. Nur dem Liefen Schmerz sei heute schon Ausdruck verliehen über den Verlust dieses ausgezeichneten Mannes, dessen Liebe zum Judentum, dessen deutsche Treue, dessen Energie und Tatkraft, dessen Beharrlichkeit und Fleiß nicht hoch genug gerühmt werden büvfeit — und dessen Andenken daher unauslöschlich sortleben wird in dem Kreise, den er durch sein Schaffen ausgesüllt hat. Bb. Schwersenz, 9. September. Der Lehrer Hermann Wolfs aus Schrimm, der über 40 Jahre an der jüdischen Volks- und Religionsschule zu Wreschen in Ehren gewirkt und vor etwa zwei Jahren in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist, hat, nach Posen übergesiedelt, daselbst den Verein derSchrimmer begründet, der gegenwärtig etwa 40 Mitglieder zählt und folgende Zwecke verfolgt: a) Pflege der Geselligkeit unter den Mitgliedern; b) Unterstützung seiner hilfsbedürftigen Witwen und Waisen. Dem Vorstande des Vereins gehören an: Lehrer Hermann Wolff als Vorsitzender, Kaufmann Gustav Zimmt als stellvertretender Vorsitzender, Kaufmamt Max Zimmt als Schriftführer, Kaufmann Leopold Michel