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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 456 (sequence 14)
Language
German
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456 herzliche Aufsätze widmete, jetzt gar so häufig Schilderungen des modernen Judentums in seine vornehme „Rundschau" aufnimmt, die hin und wieder zum Teil geradezu als abschreckende Karikatur wirken inüsseu. Danach — in einem der hierher mitgenommenen Hefte — sollen an mehreren Stellen in den Vorräumen der Synagoge an der Potsdamer Brücke oben und unten Plakate hängen, in denen Fettgänse und pommersche Butter feilgeboten werden. Offen gestanden würde ich die Plakate, an die ich übrigens nicht glaube, übersehen. M. von Bunsen aber benutzt sie in der „Rundschau" als äußerst bezeichnende Stigmata für ein ohnehin von ihm sehr schief anfgefaßtes Milieu. Die Schilderung des Freitag- Abeud-Gottesdienstes enthält auch Fehler auf Fehler. Ausgerechnet mußten die Jahrgänge 1901 und 1902 der „Rundschau", die ich mir als leichte Lektüre in die Sommerfrische mitgenommen habe, drei derartige Novellen mit für mich erregendem modern jüdischen Einschlag bringen, die bei aller Schiefheit noch dazu den kühnen Anspruch erheben, getreue Zeitbilder ans dem heutigen „vornehmen" Berliner Leben zu sein. Die Novelle in Band 1901 „Der Samariter", in der sich Betty Wolf aus Liebe zn ihren: Bräutigam, einem Oberlehrer, ohne ihn zu fragen, flugs taufen läßt, und dann, als sie während der ersten Entbindung stirbt, die Bestimmung hinterläßt, mail solle sie auf dem jüdischen Friedhof beerdigen, macht auch sonst keinen harmonischen Eindruck. Der Oberlehrer, der für den „Vorwärts" schreibt, seine Stelle aufgibt — er sitzt wegen eines Artikels, als Betty Wolf stirbt, im Gefängnis — Hütte doch die Taufabsicht merken und verhindern müssen. Der tauferlde Pastor sagt sich dann selbst vom Christentum los. Man kann sich aber bei dieser Novelle hin und wieder einer Ahnung von frömmelndem Gelvissensdruck nicht erwehren. Es liegt lvie ein unklarer Dunst über der Entwickelung, die nur da Klarheit erhält, wenn uns fein satyrisch die verkehrten Wohlfahrtsbestrebungen und die gesellschaftlichen Eifersüchteleien geschildert werden, mit denen man in Berlin W. jetzt mitunter moderne Sozialpolitik in „ethischen Kränzchen" treibt. In dieser Geschichte sind die sentimentalen Partieeu ganz verwischt und trübe, ebenso das bißchen, was über die jüdische Familie Wolf aus Ostrolenka (ausgerechnet!) erzählt wird. Ein dichterisches Meisterwerk, das ich Jhneil aber sofort zur Badelektüre empfehle, ist Ernst v. Wildenbruchs „Viee-Mama." Georg von Drebkau, der in: Lichterfelder Kadettenhause als „Jtzig" beschimpft und mißhandelt wird, weil seine verstorbene Mutter eine Jüdin war, der das Bild dieser Mutter, um es dort vor „abscheulichen Reden" zu schützen, stets bei sich trage»: muß, ist zivar auch etivas iin Stil des Kolportageromans grell gezeichnet, aber das schließlich tragische Schicksal dieses ohne Liebe erzogenen Sohnes eines preußischen Ge»:eralu:ajors inacht doch einen ergreifenden Ei»:druck. Die jüdischen Verwaildten, so der noch ii: Berli»: lebende Großvater, dürfen sich des ganz vereinsamten Knaben nicht aunehmen und bleiben daher ii: der meisterhaft schonenden kiinstvollen Erzählung ganz in: Hintergründe. lieber die auch in: Noveiuberheft 1901 abgedruckte „Studie aus den: Tiergartenviertel", „Else Lilienthals Entschluß" von Marie von Bunsen, in der ein Gang in die Synagoge, vornehme Zioiüsten in Berlin W. in: Helldunkel eleganter Salons und eine nicht unsympathische mobevrte Jüdin geschildert werden, deren seelische Zerrissenheit tief erschüttert, berichte ich Ihnen vielleicht ausführlicher ein anderes Mal. Der Stil des Ganzen und die Kraft, mit der der Gang der Heldin nach der Synagoge, i>: der sie seelische Aufrichtung sucht, geschildert wird, ist durchaus meisterhaft. Es ist, von einigen Verzeichnungen abgesehen, gute Sonunerlektüre, die ich Jhilen hierinit gern empfehle. Wenn Sie aber Ihre Nerven noch schonen »vollen, so lesen Sie einstiveilen bei Leibe nicht die Judengeschichte von Maxim Gorki „Kain und Artom." Eii» die Seele bedrückender Hauch ä la Kischinew wird Ihnen dort den ästhetischen Genuß an diesem arinen Juden Kain vergällen und lähmen. Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! den von dem verstorbenen Professor Dr. D. Kaufmann, dem für die Wissenschaft des Judentums zu früh Heimgegangenen Gelehrten, herausgegebenen „Memoiren der Glücket von Hameln" sind in den betreffenden Fußnoten einige hebräische Ortsnamen nicht richtig wieder gegeben worden. So heißt Seite 88 der Ort ^"2 (irrtümlich für nicht Peinholz, sondern Hainholz, ein $or in der Nähe der Stadt Hannover. Seite 99 wird ein Dor nit weit vun Hamil" als „Hochheim" bezeichnet. Es ist aber der im Kreise Hameln gelegene Ort „Lachem" gemeint. Auch hier enthält der Text einen Fehler. Endlich ist auf Seite 360 der Ort p*H3 nicht mit „Osenbrüggen", sondern mit „Osnabrück" wiederzugeben. Ein Ort „Osenbrügge" existiert überhaupt nicht, dagegen liegt Osna bück nicht gar so weit von Lingen, das fälschlich mit Lemgo, wiedergegeben wird. Wer von Osnabrück nach Holland (Zwolle, Deventer) wollte, mußte die Stadt Lingen passieren. Bromberg, 1. September. Hochachtungsvoll I. Herzberg. * Geehrter Herr Redakteur! ielfach ist darüber Klage geführt worden, daß unsere Glaubensgenossen in der Türkei, und namentlich auch im heiligen Lande, zu ihrer Korrespondenz nicht die türkische Post benutzen, sondern fremde Posten. Wenn es religiöse Pflicht der Juden ist, das Wohl des Landes zu suchen, in welchem sie leben, so ist eine Benutzung der fremden Posten zweifellos ein Unrecht, von besonderen Ausnahmefällen abgesehen. Ein besonderer Mißbrauch ist es, daß die Juden in Palästina sich neuerdings in starkem Maße der russischen Post bedienen. Es ist empörend, daß in der Zeit, in welcher alle Welt über die Mitschuld der russischen Negierung an den Kischinewer Unruhen entrüstet ist, unsere Glaubensgenossen in Palästina den Einfluß dieser selben Negierung in Palästina durch Benutzung der russischen Post vermehren. Hierzu kommt, daß gerade beim russischen Postamt die Konkurrenzmittel mehrfach unanständig und sogar ungesetzlich sind, während die deutsche und französische Post streng auf dem Boden anständiger und beamtenmäßiger Verwaltung bleiben. Beispielsweise gibt die russische Post auf Markenverkauf starke Rabatte, Schnorrer erhalten nicht nur Kredit, sondern auch die Adressen europäischer Wohltäter geliefert. Am empörendsten ist aber, daß die russische Post die Frankatur durch türkische Briefmarken nicht anerkennt. Kommt ein nach Rußland gerichteter, mit türkischen Briefmarken richtig abgestempelter Brief nach Jerusalem zurück, so fordert das russische Postamt von beut Absender den doppelten Betrag des Portos, als ob der Brief überhaupt nicht frankiert gewesen wäre. Da unter anderem Drucksachen, Aufrufe von Vereinen in großen Massen mit dem Vermerk „letüsö par la ceusure“ zurückgehen, ist der Betrag dieser Strafporti nicht unerheblich, und es wird dadurch zu Gunsten der russischen Post ein starker Druck ausgeübt. Da ein großer Teil der Absender aus russischen Untertanen besteht, über welche der russische Konsul Jurisdiktion hat, können sich die Absender der Verpflichtigung, diese „Strafporti" zu zahlen, uicht entziehen. Um so mehr sollte es Pflicht der deutschen Inden sein, jedes Schreiben und jedes Bittgesuch, welches mit der russischen Post nach hier geht, einfach in den Papierkorb zu lversen. Bemerkt wird hierbei, daß die Gesellschaft „Noseüab sekemm“ sich stets Der russischen Post bedient. Es wird demgemäß gewarnt, dieser Gesellschaft etwas zu geben, bevor sie in dieser Beziehung nicht andere Gewohnheiten angenommen hat. . H. M. C. . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.

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