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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 455 (sequence 13)
Language
German
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455 i-iiie Bestimmung der Verfassungsurkunde angesehen, deren unausbleibliche Folgen die Gesetzgeber sich nicht klar gemacht i^nben." In diesem Sinne hat dann Herr W. auch bei dem 1861 ansgearbeiteten Entwurf eines Unterrichtsgesetzes mit- ,:ewirkt. Es ist ein Glück, das; wir ein solches Gesetz in Wiese'schem Sinne auch heut noch nicht haben; lautete doch lei ihm § 126: „Die öffentlichen höheren Schulen sind in betreff ihres konfessionellen Charakters, der für die Wahl des Direktors und der Lehrer maßgebend ist, entiveder evangelische aber katholische oder Simnltananstalten." Bevor das Gesetz, l as den „ausschließlich christlichen Charakter der Gymnasien! nd Realschulen" festlcgen sollte, dem Landtage als angebliche > rsüllung der „Verheißung des Artikels 26 der Verfassungs- Urkunde" vorgelegt werden konnte, trat Herr v. Bethmann- Oollweg vom Ministerposten zurück. Noch heute muß die bewegliche Klage seines rückschrittlichen Nitarbeiters interessieren: „Die ganze Arbeit sollte, wie später auch die beiden anderen unter den z>vei folgenden Ministern wiederholten Versuche gleichen Zwecks, an denen ich teilenoinmen, vergeblich sein." Es ist eine Ironie der Geschichte, daß Herr v. Mühler, der wachste Kultusminister, zuerst jüdische Lehrer an höheren schulen in Preußen anstellte. „Vor dem Landtag erklärte -er Minister wiederholt, er wolle keineswegs die frühere kvnssionelle Scheidung sämtlicher Anstalten beibehalten, es önne in einzelnen Fällen auch die Anstellung jüdischer Lehrer enchmigt werden." Diese Antwort war nur eine kleine Konzession aus Grund wer energischen Haltung des Breslauer Magistrats, der zwei :eu errichtete Schulen, ein Gymnasium lind eine Realschule usdrücklich als konfessionslose eingerichtet haben wollte, bei enen auch Juden als Lehrer wirken sollten. Herr Wiese erichtet Seite 302: „Der Breslauer Magistrat, beharrte bei einem Willen; er verlangte die Freiheit, bei der Wahl der Direktoren und Lehrer von deren Religion ganz abzusehen; ind so standen die neuerbanten Schulhäuser nehrere Jahre, ohne ihrer Bestimmung übergeben u iverden." In dieser Beziehung, namentlich was die Energie des Publikums gegenüber den Schulaufsichtsbehörden anbelangt, haben nur eher Rückals Fortschritte gemacht. War doch der bekannte Lexikograph Freund eine Zeitlang nterimistischer Direktor eines schlesischen Gymnasiums, während heute leider in Preußen ein jüdischer Direktor einer lautlichen höheren Simnltananstalt wohl noch eine politische Unmöglichkeit wäre. Was ein unverfälschter „Rosche" in Gestalt des Herrn Biese selbst währeiid des Aufschwungs der siebziger Jahre 'ein preußischen Schulwesen gegenüber noch versuchen konnte, ,eigt seine Haltung auch zu den beiden einzigen Gymnasien, wie Preußen ilvch oder schon besitzt (weil es sie von der 'lnnexion übernehmen mußte): „Zu den Eigentümlichkeiten des Frankfurter Schulwesens gehört das Bestehen von zwei jüdischen Realschulen. Mein Weg dahin nötigte mich jedesmal, durch wie von Goethe beschriebene enge Judengasse zu gehen, die wildem nicht anziehender geworden war." 1867 hatte das Philanthropin in Franksurt die Berechtigung rhalten, seinen jüdischen Schülern Zeugnisse für den einährigen Militärdienst auszustellen. Die christlichen Schüler waren von der Berechtigung ausgeschlossen, „weil sie nicht echs Schultage haben, da am Sonnabend in dieser jüdischen schule nicht unterrichtet wird. Die Fraukfnrter wandten sich an Bismarck und 1871 gab dieser dem Minister die Weisung jede derartige Beschränkung aufzuheben." Es ist interessant, daß Wiese die zeitlich hierher gehörende im Eingang erwähnte Differenz wegen des Professors Lazarus überhaupt gar nicht erwähnt, er deutet nur folgendes an: „Ich bin in der amtlichen Stellung szur Kriegsakademie sechs Jahre geblieben, die ersten derselben waren die angenehmsten." 1870 trat der gute Mann nämlich „wegen sachlicher Differenzen" hiervon zurück. Als Dezernent der höheren Schulen aber blieb Wiese auch, als Mühler ging und Dr. Falk kam. Der oben erwähnte Konflikt mit Breslau wurde schließlich durch Zugeständnisse Falls an den Magistrat gelöst. „Sogleich eröffnete der Magistrat das Gymnasium und wählte neben der Mehrzahl evangelischer Lehrer auch katholische und jüdische. Die Aufnahme des jüdischen Religionsunterrichts in den allgemeinen Lehrplan war vorher ungeachtet zahlreicher Petitionen ebenso abgelehnt worden ivie die Remnnerierung jüdischer Religiouslehrer aus Staatsmitteln. Der Minister Falk ging im Einvernehmen mit dem Finanzminister auf die erneuten Gesuche ein." Der Anfang wurde 1872 gemacht, ll. Band Seite 70 schreibt Wiese noch deutlicher: „Dr. Falk trat auf die andere Seite: die ihm meinerseits bei verschiedenen Gelegenheiten geäußerten Bedenken hatten in seinen Augen geringe Bedeutung, und bei nachgewiesener Befähigung wollte er jüdische Lehrer von keinem UnterrichtLgegenstande, außer der christlichen Religion, ausgeschlossen wissen. Er sagte: Der Vortrag der Weltgeschichte durch einen Juden brauche sich in nichts von dem eines Christen zu nnterscheiden." Es ist heute fast possierlich (wenn auch sicher Herr Wiese noch viele tausende von Anhänger hat), zu sehen, womit damals der Minister Dr. Falk von seinem getreuen Rat gequält wurde. Herr Wiese sagte ihm, ein Jude könne nicht über Cicero unterrichten, da er nicht über das Verhältnis der antiken Kardinaltugenden zu den christlichen belehre. Der Minister entgegnete: „Jeder gute Philolog, ohne Unterschied des Glaubens würde dem Bedürfnis der Schule darin genügen können. Auch den deutschen Unterricht in allen Klassen wollte er jüdischen Lehrern nicht vorenthalten." Es half mir nichts, daß ich daran? hinwies, wie der jüdische Lehrer schon in der Wahl der Anfsatzthemata beschränkt sei und daß Lassalle(!) selbst gesagt: „die Juden verderben das Deutsche." Der Minister lachte darüber." Ebensowenig machte der abmahnende Brief eines ans ehemalsjüdischer Familie stammenden Gymnasialdirektors Eindruck.! Es ist nur merkwürdig, daß der sich auf Lassalle berusende Herr Wiese von den sieben Jahren des Falkschen Ministeriums noch über die Hälfte in hoher verantwortlicher Stellung mitmachte. Seine beamtlichen Verdienste sollen auch hier gern anerkannt werden. Bei seinem Amtsantritt bestanden in Preußen 120 Gymnasien, im ganzen 200 höhere Schulen, bei seinem Rücktritt 238 Gymnasien bei 500 höheren Schulen. In einem Punkte stimmen wir sogar mit Wiese überein, wenn er es z. B. tadelt, daß reiche Juden Eingaben machten, um ihre Kinder auf Ritterakademien und in Kadettenhäuser schicken zu dürfen. Aus einer hier gleich im Anschluß zu besprechenden Novelle Ernst v. Wildenbruchs können die Eltern ersehen, ivelches Los unter den heutigen Verhältnissen dort ihrer jüdischen Kinder harrt. Auch kann man Wiese nur znstimmen, wenn er erzählt: „Tiefe Indignation erregte beim Minister die Mitteilung, daß ein jüdischer Philolog, um sich den Christen genehm zu machen, zur Einübung der griechischen Formenlehre Beispiele aus dem Grnndtext des Neuen Testaments genommen hatte, u. a. den Ausspruch: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.. ." Aehnliche Liebedienerei und Charakterlosigkeit sollte stets gegeißelt werden. So erscheint es mir als Ihrem referierenden Sommerfrischler auch unbegreiflich, warum ein Mann von der literarischen Bedeutung Professor Rodenbergs, der doch noch jüngst den Manen seines jüdischen Jugendfreundes Emanuel Deutsch, des Verfassers der vielbeiouuderten Schrift über den Talmud, einige so innig

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