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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 454 (sequence 12)
Language
German
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454 „Ach nein, zum Teufel", murmelte er ärgerlich, „wir beugen uns hier zu Lande nicht vor beit Inden, die Sache mag ihren Preis kosten, und bannt basta." Damit trat er in den Laden, und die Türklingel läutete eine ganze kleine Ewigkeit. Es war niemand zur Stelle, aber nach Verlauf einer kleinen Weile zeigte sich die energische Gestalt des Juden auf der Wendeltreppe, die von der zweiten Etage herunterführte. Brenner Baschtel fühlte sich etwas beklommen und nahm fcbnell den Hut ab. „Sie wünschen?" Die mageren Hände des Inden spielten verlegen mit der goldener: Kette auf der Weste. „Ich möchte eine Säge . . ." Brenrrer Baschtel ließ die Augen prüfend umherschweifen. Er dachte rratürlich nur arr seiner: Einkauf urrd hatte nicht die geringste Ahnung mehr, was gestern Abend vorgegar:gen war werrigsterrs tat er so. Der Jude Zeigte ihm verschiedene Sägen, 1:11b Brenner Baschtel befühlte die Zähne. „Diese Sorte ist ganz besonders zu empfehlen", sagte der Jude, „stark und preiswert." Dabei ließ er das blanke Metall in: Lichte des Fensters glitzen. Brenner Baschtel nahm sie in die Hand, und sie war wirklich so, wie er sie brauche:: konnte, so schrniegsam und geschmeidig. „Und sie kostet?" „Anderthalb Gulden." Nur die Hälfte vor: dem, was er erwartet hatte. Brenner Baschtel besah sie sich rwch einmal, nahm sie unterm Arm und begann, das Geld aus seirrem Portemonnaie zu nehmen. Es war doch merkwürdig billig! „Und wenn Sie wieder einmal etwas arideres gebrauchen sollten," sagte der Jude, inderr: er sich höflich verneigte, als Brenner Baschtel hinausgehen wollte. „Tausend Darrk, tausend Dank . . ." „Urrd Kredit steht Ihnen immer offen, Herr Baschtel." Brenner Baschtel schmolz inwendig förmlich vor Dankbarkeit. Ihm war es, als öffnete sich der Himmel mit einmal vor all seiner: Sünder:, und gern hätte er sich dem guter: Juden in die Arme geworfen urrd geweirrt und um Vergebung gebeter:. Aber der Geist ist willig, und das Fleisch ist schwach. Er nickte nur tief rrrit dem Kopfe rrrrd verschwand ir: der Tür. Der Jude blieb stehen und sah ihm nach . . . Der stattliche Rücker: schlich sich gleichsarrr verschämt auf der anderer: Seite der Straße an den Härrserr: entlang. Lin Lpätlommerbrrek. Von M. Friedeberg. « die Sommerfrische, in der ich in diesen Wochen meine ^Ferien verbringen sollte, höbe ich außer einigen pädagogischen Schriften nur die letzten beiden Jahrgänge von Rodenbergs „Deutscher Rundschau" und L. Wiese s „Lebenscriniiernngen und Amtserfahrungen" mitgenommen. In den jetzt erscheinenden Erinnerungen an den dahingeschiedenen Moritz Lazarus war kürzlich der Name Wieses wieder erwähnt, weil dieser als oberster Dezernent für das höhere Srhulivesen in Preußen und Mitglied der Stndienkommission für die Kriegsakademie einen Gelehrten wie Lazarus, nur weil er Jude war. nicht als Lehrer an der Akadenrie haben wollte. Kaiser Wilhelm >. fragte 18<58 seine militärischen Dezernenten: „Was hat denn Wiese gegen den Mann?" Und als er hörte, daß die andern militärischen Mitglieder der Studienkommission bis auf einen für Lazarus eintraten, den Wiese nur seines Glaubens und Stammes wegen ablehne, da unterschrieb der Kaiser in seiner gerechten Denkungsart sofort die Ernennung trotz des Widerspruchs der „Excelleuz". Und doch hat Wiese fast 25 Jahre lang, bis 1875, den größten Einfluß auf das preußische höhere Schulwesen ansgeübt, lange Jahre in ausgesprochen antisemitischer Richtung sein Amt verwaltet. Schon die Inhaltsübersichten in Band 1: „Stiftung besonderer christlicher Gymnasien" S. 141, „Die Anstellung jüdischer Lehrer" S. 301; und in Band 2: „Jüdischer Religionsunterricht" S. 5 rc. bezeichnen, die fortdauernde Wichtigkeit des aus den Akten des preußischen Kultusininisteriums schöpfenden Wiese'schen Buches. Wie ich hier am Strande Welle auf Welle sich aufbüumen und trotz des einstweilen drohenden Gischtes ohnmächtig dann zerschellen sehe — ein Bild der fortschreitenden Zeitbewegnngen, die sich wellenartig vor- und rückwärts bewegen, deren äußerer Anblick aber nur ein aufspritzender, verfliegender Schauer ist — so gewinnt man erst am Meere der Ewigkeit den rechten Standpunkt für eine geschichtliche Entwickelung, die dahin führt, einen an sich unzweifelhaft tüchtigen Pädagogen wie Wiese, der in jeder Teilnahme der jüdischen Lehrer am Unterricht in deutschen Schulen nur eine Anmaßung sah, in eine Stellung zu bringen, in der er im stände war. volle 20 Jahre diesem reaktionären Standpunkt Geltung für ein ganzes großes Land zu verschaffen. Ein solcher Rückblick ist immer lehrreich. Heute erst recht. Nachdem Wiese als Vortragender Rat für das höhere Schulivesen von 1852—1858 dem Kultusminister von Räumergedient hatte, war am 9. November 1858 Bethmann-Hollweg als „liberaler" Minister von der „neuen Aera" berufen worden. Bon einen: „liberalen" Hauch bleibt allerdings in dem Spiegel der Wiese'schen Erinnerungen an diesen Minister wenig übrig. Doch hören wir Wiese selbst (I, 228): „Daß ich in den motivierenden Bemerkungen der Realschulordnung gesagt, diese Anstalten seien ebenso ivie die Gymnasien vor allem christliche Schulen, war ganz nach seinem Sinne; er freute sich, daß ich das betont hatte. In den Verhandlungen über die vo» den Juden erhobenen Ansprüche hat er vor dem Landtage mit der Beredsamkeit eines bewegten Herzens herrliche Zeugnisse dieses Sinnes abgelegt. Als wir eines Tags das Abgeordnetenhaus nach einer daselbst geführten lebhaften Debatte der Art verließen, sagte er: „Juden-Lehrer in christlichen Schulen nimmermehr! Sie würden gar nicht anders können, als aus dem Lehren ein Geschäft machen. Wenn sie sich uns wirklich in das Lehranst eindrängen sollten, würde ich lieber mein Ministerium aufgeben." Mit dieser jetzt nicht mehr zu kontrollierenden Aenßerung wird Bethmann-Hollweg, der vor versammeltem Landtag erklärte, wieviel er seinen: Lehrer Jakob Bernays verdanke, als seltsamer Kauz hingestellt. Denn zwischen der Jn:putation von: „Geschäft" und der allerdings historischen Abneigung des Ministers, Juden selbst als Universitätsprofessoren an nicht Paritätischen Universitäten zu berufen, ist noch ein Unterschied. Heute unterrichten über 100 Juden an deutschen Universitäten, und jene Distinktion ist längst anfgegeben. Ueber seine eigenen reaktionären Leistungen bei den Schuldebatten im Landtage berichtet Wiese ans Seite 232: Er habe ausgeführt: „Durch den gleichberechtigten Eintritt der Juden in die Lehrerkollegien werde die innere Einheit derselben gelöst. Unter den Lehrobjekten würden sich sehr wenige völlig von der Religion isolieren lassen. . . Die unbedingte Politische Gleichstellung der Juden mit den Christen hatte ich immer für

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