Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 453

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 453 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228566--60154-3296720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

453 Verschiedene Male wurde an der Klinke gerüttelt, und sie hörte draußen undeutliche Laute, denen ein lautes Grinsen folgte. Dann wurde die Tür weit aufgerissen, und ein heißer Wind strömte herein. Frau Elise erhob sich langsam und würdig und schloß sie wieder. Eine lauge Weile hörte sie draußen ivieder dieselben undeutlichen Worte, dann wurden kleine Steine an das Fenster geworfen. Sie seufzte bor sich hin, und Plötzlich wurde ihr das Buch von einem Stein fast aus der Hand gerissen. Dann öffnete sich die Tür ein wenig, und eine dünne Knabenstiimne kreischte in den Laden: „Jude, Jude, Jndenkerl!" Die Tränen traten Frau Elise in die Augen... Herrgott, daß sie auch hier keine Ruhe finden sollten! * * * Es waren vielleicht au diesem Abend mehr Bauern und Landlente als gewöhnlich in der Schenkstube des Wirtshauses versammelt. Die vier Lampen leuchteten matt in dem Tabaksrauch, und an den Tischen bewegten sich die Gestalten wie wache Schatten hin und her, während das Gespräch sich iu ein ohrenbetäubendes Summen verwandelte. Der am Tage stattgefundene Mord bildete das Thema. Man hatte die Blutflecken von der Mordstelle bis weit über die Landstraße hin verfolgen können, so hatte man allgemein erzählt. Die Tat selbst mußte zwischen ein und zwei Uhr nachts vollführt worden sein. Die Leute vorn Gericht hatten ich erst gegen Mittag in Bewegung gesetzt, so daß der Täter inen großen Vorsprung hatte. „Wer, glauben Sie, kann es sein?" rief die Kellnerin, die, -sie Hände voller Bierseidel, am Tische stand. „Pah, natürlich der Jude!" sagte einer mit tiefster Uebereugung. „Natürlich!" nickten alle andern einander über den risch zu. Es herrschte plötzlich Totenstille in der Stube, als des «««den lange, knochige Gestalt sich hinten an der Tür zeigte, klle Gesichter wandten sich ihm zu, während er näher trat. Er suchte einen Platz, aber das schien mit einmal recht schwierig geworden zu sein. Er sah sich etwas verwundert um, und die Schweißtropfen raten auf seine hohe, kahle, glänzende Stirn. Dann holte er sich einen Stuhl aus dem Nebenzimmer :««d ließ sich entschlossen an dem nächsten Tischende nieder. Währenddessen herrschte eine so tiefe Stille in der Schenkübe, daß man fast seine eigenen Atemzüge hörte. Und wie r herumspähte, wie er den Bierkrug ergriff — jede kleinste K'wcgnng wurde von vielen scharfen Blicken beobachtet. Man ng sringsumher an zu flüstern und zu raune», und die Kellnerin setzte ihm ein Seidel hin. „Danke, Nanny, ich soll Sie von Ihrer Schwester in Hallein rußen," . . . Hallein war die Nachbarstadt, in der er am age einige Einkäufe gemacht. Doch die Kellnerin eilte schnell von ihm fort. Es blieb nicht unbemerkt, daß alle in der Nähe Sitzenden! erüber rückten, so daß er schließlich am Tischende allein Hen blieb. Was sollte das alles bedeuten? Er rückte langsam nach. Man hörte ein unterdrücktes Gemurmel und augenscheinlich wurden von einem Mann znm andern heimliche Unterandlungen gepflogen. Das Schweigen ivar drückend, und die Luft schivül wie l'vrm Gewitter. „Ich komme gerade aus Hallein," versuchte er mit seinem Nebenmann ein Gespräch einzuleiten. „Sprechen Sie lieber «nit dem Bürgermeister," ließ sich Brenner Baschtels heisere Stimme vom andern Ende her vernehmen, „da bekommen Sie eher Bescheid." „Wie beliebt?" Der Jude hielt die Hand vors Ohr; man konnte in all dem Flüstern und Raunen nicht gut verstehen. „Hüten Sie sich nur, daß Sie nicht gehängt werden," ertönte es mit lauterer Stimme, „man hat bei solche«» Sachen «licht immer einen guten Tag." „Nein, nein, das kann schon sein," versetzte der Jude aus- «veichend. „Aber ich «vüßte nicht, daß ich den Herren irgend etlvas getan hätte, «vas ein solches Gespräch veranlassen könnte. Wenn ich es aber getan haben sollte, da««n bitte ich Sie . . ." Er holte das Porteinounaie heraus, un« das Bier zu bezahlen. „Ein Mord ist genug, Jude," donnerte Brenner Baschtel. „Hinaus soll er . . . ." Der Ton war kreischend, als spräche er zu einem Hund. Und nun ivar das Signal znu« allgeineinen Skandal gegeben. Es hagelte nur so von Schimpflvorten, und die Geschichte des ganzen Jnde««volkes bekam er «vie eine umgestülpte Schinutzbütte über de«« Kopf. Er erhob sich ruhig und lüftete bescheiden den Hut; es «vogte ihn« vor den Augen von drohende«« Gebärde«« und roten, schreienden Gesichter««; nsie Eis legte es sich ihn« über den Rücken. Als er an der Tür war, «vurde ein Bierseidel gerade an seinem Kopfe vorbei geivorfen. Er sprang schnell die Treppen hinunter und hörte noch, «vie sie ihm von« Wirtshaus ans nachschrien. * * * Die Zeitung «neldete am nächsten Morgen, daß der Mörder sich selbst dem Gerichte gestellt. Es stellte sich heraus, daß der Täter «veder der Jude, noch der Engländer geivesen; dagegen «var es der lange dünne „dumine" Hans, der sich jahrelang in der Gegend herumgetrieben und von Gott «veiß was gelebt hatte. Die Aufklärung kau« den Leuten eigentlich «vie eine Enttünschnng vor. Man hatte auf eine interessante Geschichte mit spannenden Details gehofft, und nun «var die Auflösung so alltäglich und gleichgültig, daß alles Gespräch von selbst aufhörte. „Armer Hans!" sagte man nur, „er war ja verrückt." An« meisten aber ärgerte sich über den Bericht der Zeitung der riesenhafte Brenner Baschtel; er schämte sich, der große Mann, lind das Herz hüpfte ihm in der Brust «vie ein schuldbeladenes Kinderherz. Wo sollte er jetzt die verdarnmte Säge herbekoimiien, die er so nötig brauchte? Er suchte alle möglichen Ansivege, ob er sie denn nicht anderswo kaufen könnte, als «vie bei den« Inden! Aber alle Wege «varen ihn« gesperrt; er mußte den schweren Gang gehen. Und «vas das wohl kosten «vürde! Brenner Baschtel «vurde immer bedenklicher, sein Gesicht immer länger, tvührend seine Schritte sich iinmer inehr verlangsamten. Der Jude «vürde sich natürlich durch erhöhte Preise für die Beleidigungen rächen. Wer konnte ihm das verdenken? Aber «venn er ihn« «in«« über den Ladentisch die Hand reichte und ihn wegen gestern Abend ««««« Verzeihilng bat, «vas dann? Brenirer Baschtel blieb stehen nnd überlegte; das «väre ziveifellvs das vernünftigste. Aber a««f der andern Seite — «vas würden die Leute sagen, wenn sie hörten, er Hütte den Juden um Verzeihung gebeten? Den J«»den!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.