Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 452 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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452 In den Anfangsstadien der Kultur umschloß allenfalls die Gefühlssphäre den Gedankenkreis, den bei dem eruptiven, von Affekten bestimmten Charakter, die Lebensäußerungen beherrschen. Es gibt aber auch einen Verstand des Herzens und ein Gefühl des denkenden Kopses. Beide sollen, harmonisch verschmolzen, im weiblichen Takte sich finden. Gleichwohl kann ein Wesen, das diese Eigenschaft besitzt, „Kopf und Herz am rechten Flecke" haben. Kühles Denken und heißes Fühlen kann in der Entartung zur Natur des Krokodils werden, dem kühleres Blut im Herzen und wärmeres Blut im Kopfe pulsiert. Die höchste Potenz des reinen Denkens tritt in der Metaphysik zu Tage und die höchste Potenz des selbstlosen altruistischen Empfindens in den weltumfassenden Friedensaktionen. Welche von beiden werden zum Heile nach seinen verschiedenen Auslegungen führen? Für die Metaphysik wenigstens hat mein berühmtes Gegenüber, der vor einigen Monaten dahingeschiedene Dichterphilosvph Hieronymus Lorm, das Epigrainm geprägt: „Zbr knacktet wohl die Nuß Welträtsel diele Male, Doch leider blieb der Kern stets wieder eine Schale." Und was das Herz betrifft, so lautet ein uralter Spruch ans jener Zeit, >vo die Empfindungssphäre die Gedankenregion umschloß: „Ein gutes Herz geht über alles." Altmeister Goethe, der unerreichte Lebenskünstler, bei dem Kopf und Herz einander ivunderbar das Gleichgewicht hielten, wußte seine eudamonistische Lebensweisheit in den prächtigen Satz zu fassen: „Das eine hat mich glücklich gemacht: Nie habe ich über das Denken gedacht." Shakespeare, beit Maeterlinck jüngst den Vater und Begründer aller modernen Dichtergedanken nannte, hat mustergiltig die Denkseele, den Verstand ins Gehirn, die Empfindungsseele, das Gemüt ins Herz Placiert: „Dein Gebot allein soll stehen im Buche des Gehirns." (Hamlet.) „Der Text (des Liebesgedichtes) steht im ersten Kapitel seines Herzens." (Was ihr wollt.) Was daraus erfolgt, wenn der Geist das Gemüt ausschaltet, wenn der Kopf das Herz zu sehr bewältigt, wenn der Kopf mit dem Herzen durchgeht, wenn eine Hypertrophie des Verstandes durch eine Atrophie des Geinütes ausgeglichen wird, schildert Leon Daudet in seinem Romane „Der schwarze Stern". Wie noch kein Autor hegt und heischt er Haß, Ingrimm, Abscheu gegen den Helden seiner Geschichte: Malouve, ein Universalgenie und Polyhistor, der alle Wiffenschasten und Kunstforinen souverän beherrscht, sie philosophisch durchdringend und schöpferisch gestaltend, der mit untrüglichem Forscherblick die Natur und Gesellschaft bis in ihre geheimsten Winkel und Falten verfolgt und ihre Rätsel entziffert, aber dennoch hassenswert erscheint, iveil darunter sein Herz verödet und verkalkt ist. — Der Kopf ist mit dem Herzen durchgegangcn. Das Gegenstück zu diesem Roman einer Dichterphantasie bildet ein ererschütterndes Familiendraina in einem deutschen Herrscherhause. Da ging ein Herz mit dem Kopfe durch, über welchem schon eine Krone schwebte. Ein Wort, das einst Gustave Flaubert an George Sand geschrieben hat, in welchem Theodor Gvmperz das Vorwort zu seinen „Griechischen Denkern" ausklingen ließ, soll auch unfern Gegenstand zum Abschlüsse bringen: Je fais tont ce qtie je peux coutinuellement pour elargir ma eurvelle et je (ravaille dans la sincerite de nion coeur; le reste ne dopend pas de rnoi. w Der Jude. Von Erik Lie. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Jf*§ herrschte große Aufregung in dem kleinen österreichischen Dorfe; Schuhmachers kleine Therese war frühnrorgens von einigen Holzfällern als blutige Masse in einem Gebüsch, gerade an der Landstraße, gefunden worden. Run lag sie da oben, von vier handfesten Männern bewacht, an derselben Stelle und in derselben Lage, bis die Leute voin Gericht kamen. „Wer war's, >ver war's, wer war's?" rief man die Kreuz und Quer, von Haus zn Haus; aber keiner konnte Bescheid geben. Die Waschweiber am Flusse rückten näher zusammen, wenn es in den Weidenbüschen zu rascheln schien; und die Mütter wollten den Kindern nicht erlauben, zum Kaufmann nach Mehl und Zucker zu laufen. Die Angst des Entsetzens lähmte das ganze Dorf bei dieser unheimlichen Begebenheit. Schlägereien und Messerstiche ließen sich hören, und man war auch daran gewöhnt, daß hier und da ein Wildschütz mit gebundenen Händen durch die Straßen geführt wurde; aber das . . . Man schwatzte und schwatzte, und es wurde erzählt, daß die Mutter wie wahnsinnig im Zimmer hin- und herlief und drohte . . . „Ach, du lieber Gott!" klang es gerührt, und das Gespräch sank zu einem unhörbaren Flüstern herab. Alle hatten ja die kleine Therese gekannt. Sie hatte es ja nicht immer gut hier auf Erden gehabt, die Aermste; denn der Vater war fast immer betrunken. Aber jetzt hatte sie Frieden bekommen. Sie lag da oben und, wie man sagte bildete das Blut gleichsam eine goldene Gloriole um ihr Haupt. Die seltsamsten Gerüchte schwirrten durch die Luft. Ein langer Engländer mit einer blanen Brille war angeblich gestern Abend spät auf der Landstraße gesehen worden, und man wollte oben im Walde um dieselbe Zeit ein heiseres Lachen gehört haben. Am meisten aber schien es den Gemütern znzusagen, daß der Jude — derselbe, der neulich im Dorfe einen Eisenkramladen errichtet — der Täter sein sollte. Nicht umsonst hatte er sich den ganzen Tag versteckt gehalten; ja, es wurde sogar gesagt, er wäre am Vormittag nach Wien gefahren. „Der Jude, der Jude!" flüsterte man, und alle, die am Nachmittag spazieren gingen, gingen an feinein Haus vorbei oder starrten in den Laden. Natürlich; er war der Mörder! Der Bürgermeister war ja rein unmöglich, wenn er „den verdammten Judenkerl" nicht verhaften ließ. * * * In der Abenddämmerung hatten sich kleine Gruppen vor dem Hause angesammelt, in welchem Isaak wohnte. Die Lampe war im Laden angezündet, und Frau Elises charakteristisches Gesicht zeichnete sich scharf im Schatten hinter dem Ladentische ab. Jungen und Mädchen sprangen einer nach dem andern auf die Treppe und guckten durch die Glastür. Doch Frau Elisa war an einen beständigen Lärm vor ihrem Laden gewöhnt und achtete deshalb nicht darauf; sie setzte ruhig ihre Lektüre fort.