Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 451 (sequence 9)
- Language
- German
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451 grüblerischen Naturen gar nicht empfunden werden, d i e Hypothese zn gewagt: Die Alten hatten bei den Versuchen, das Leben und die Welt zu ergründen, besonders bei der Selbstbeobachtung, eine, sagen wir instinktive Scheu vor dem Circulus vitiosus, daß das „Ich" zugleich ein Nichtich, das Subjekt auch Objekt, der Betrachtende auch ein Betrachtetes sein müsse, die Organe der Seele oder deren Wohnsitz getrennt, einander über- und untergeordnet, um einen Dualismus von Kopf- und Herzseele zum Zwecke gegenseitiger Beherrschung sich vorzustellen und zur Denk- und Sprachgewohnheit zn gestalten. Die Ergebnisse der anatomischen, philosophischen und experimental-psychologischen Untersuchungen von den Schlußfolgerungen ans der Denk- und Sprechweise sondernd, gelangt man überdies zu der grundlegenden Anschauung: Entweder waren die seelischen Vorgänge in der Vor- und frühgeschicht'lich en Zeit, deren angehäufte als Anlagen hereditär gewordene, sensorielle Erinneruugsbeträge auf die Empfindlings- und Vorstellungsweise auch in den späteren Jahrhunderten bestimmend wirkten, anders als gegenwärtig, oder die Lehrmeinungen der modernen Gehirnforscher sind nicht als einwandfrei anzusehen. Damit möchte ich die Bedeutung und Bedeutsamkeit der voll mir behandelten Frage reassümiert haben. Erscheint es nicht dankenswert und heißt es nicht für die wissenschaftliche Wahrheit Eclaireurdienste versehen, wenn man den weiten Weg zu tracieren sucht, den die Forschung von der ersten aufdämmerndeu Ahnuilg, daß die Seelentätigkeit mit dem Kopfe überhaupt etwas zu tun habe, bis zur lokalisierenden Abgrenzung der psychischen Akte im Gehirn durchmessen hat? Die philosophischen Ueberlegungen jedoch — es kann dies nicht oft genug betont lverden — waren nicht im stände, auf Redensarten und Ausdrucksweisen merklich modifizierend zu ivirken. Dem Herzen blieb gar lange das Prinzipat der Psyche gewahrt. Wie man nicht aufhöreu wird, trotz Galilei und Kopernikus die Sonne auf- und untergehen zu lassen, so wird man auch nicht von dem zu einer Zwaugsgewohnheit gewordenen Denk- und Sprachgebrauch loskommen, welcher eine Zweiteilung der Seelenkräfte und -Funktionen bedeutet, der Denkseele den Kopf und der Gefühlsseele das Herz als Domäne zuweist. In den seniitischen Sprachen, sowie im Griechischen und Lateinischen werden Lust, Hauch, Atem, Geist, Seele, durch dasselbe Stammwort bezeichnet: (nekesch, nifscha, mach, neschama, nisclima, pneuma, anemos, aer, aetlier, psyche, spiritus, anima, aninnis). Psychologie und Biologie waren lange Zeit hindurch nichts als eine Art Pneumatik — jetzt würde man sagen: Energetik. Zu allen Zeiten indes konnte und sollte man sich bei der Pfiege der Wissenschasten und bei der Geistesbildung vor Augen halten: Lernen und Lehren ist ein Atemholen der Seele, ein geistiges Ein- und Ausatmen. Es gleiche aber weder dem Atmen der'tierischen Wesen, noch dem der Pflanzen im Sonnenlichte. Das Lernen und Lehren nehme das Gute von dem Luftwechsel beider nachahmend auf: die reine gesunde Lebenslust einziehend und den läuternden Seelenäter ansatmend. Die Zeit ist nicht mehr fern, wo für die führenden Geister „philosophieren" nicht heißen wird: Leichtverständliches schwerverständlich. Schwerverständliches unverständlich, Unverständliches — selbstverständlich darzustellen: wo vielmehr „philosophieren" bedeuten wird: klären, erklären, verklären. Daß die Menschheit und Menschen in der Kindheit die Bewegungen in der Hirnschale nicht empfiudsn, ist das nicht ein Beweis gegen die Theorie von den Bewegungsempfindungen? Haltung des Kopfes und Gesichtszüge, besonders an der Stirn und um die Augen zeigen auf den ältesten Bildern und plastischen Figuren den unverkennbaren Ausdruck des Nachsinnens, des Hineinhorchens nach Innen, und doch war nicht die ausgelöste Bewegungsempfindung als entsprechender Reflex vorhanden, sonst hätte sie sich auch im Sprachgebrauche künden müssen. Nicht nur in der vor- und srühgeschichtlichen Zeit der Sprachbildung, als die Worte erst nur Bezeichnungen für Dinge und Tatsachen waren, sondern auch in späteren, höheren Kulturepochen, als sie eine übertragene Bedeutung für abstrakte Vorstellungen und Ideen erhielten, gilt das Herz und nicht der Kopf als Sitz und Organ der denkenden Seele. Selbst im klassischen Altertum, dessen Erzeugnisse und Leistungen in Kunst und Wissenschaft, in religiöser und philosophischer Spekulation noch jetzt angestaunt, bewundert und nachstrebendein Eifer als Muster und Vorbilder empsohlen werden, dient das Herz und nicht der Kopf zur Bezeichnung für die sehr entwickelte Denkfähigkeit. — Das gleiche findet sich auch in anderen alten Sprachen. Das althochdeutsche hörzä, das mittelhochdeutsche herze, gotisch hairto, altsächsisch haerta, bedeutet Verstand und Vernunft, Sanskrit hrid, böhmisch srdce, Seele, Gesinnung, (ma srdce na jazyku, er hat das Herz auf der Zunge; was er denkt, spricht er). Wäre es nicht der Mühe der Sprachforscher, Historiker und Biologen wert, zu untersuchen, zu welcher Zeit, bei welchen Schriftstellern und in welchem Maße man zuerst der Benennung „Kopf" für Gedankentätigkeit begegnet? Indes nicht nur aus der Kiildheit des Menschengeschlechts, auch ans der Kinderstube soll ein Beweis erbracht werden. Meine Tochter S.T. hatte als vierjähriges Kind einen ungefähr gleichalterigen Gespielen, der von zärtlichen Eltern und einer ernsten Bonne nach allen Regeln einer modernen Dressur erzogen wurde. Einmal ließ die Bonne ihren kleinen Eleven sich mit seinen mühsam eingetrichterten Sächelchen produzieren. „Wozu hat man das und jenes?" fragte ihn die Erzieherin, „wozn hat man den Kopf?" Der Kleine erwiederte prompt mit einem köstlich dummen Gesichtchen, dem man es ansah, daß der Knabe noch keine Ahnung von dem was Denken ist, hatte: „Den Kopf hat man zum Denken." „Nein!" protestierte meine Kleine, in ein Helles, kindliches Lachen ausbrechend, „den Kopf hat man zum Frisieren" .... übrigens auch eine Teleologie, die nicht unvernünftiger ist als manche andere. Kindermund tat also die Weisheit kund, daß Kinder ebenso wie die Menschheit in ihrer Kindheit von den Wundflschen Bewegungsempfindungen der Denktätigkeit keine Ahnung haben. Wird ja auch dem Kaiser Nikolaus I. die Aeußerung zugeschrieben: „Man hat den Kopf, um einen Helm zu tragen und nicht zum Denken". Das Herz begleitet alle Seelenakte mit beschleunigten stärkeren oder verminderten Kontraktionen am fühlbarsten. Affekte und Emotionen hatten in den ersten Entwickelungsstadien der Menschheit, in welche die Sprachbildung fällt, die weitaus überwiegende beherrschende Einwirkung. Daraus ergibt sich allerdings die Prädilektion für das Etymon Herz. Daß auch noch gegenwärtig solche Vorstellungen vom Herzen Vorkommen, beweist eine Erzählung von Fried. Bodenstedt aus dem russischen Militärspital in Tiflis: „Ist einem kranken russischen Soldaten etwas im oberen Teile des Körpers zugestoßen, gleichviel ob im Magen, im Rücken oder — im Kopfe, so antwortet der Soldat regelmäßig auf die Frage, was ihm fehle: „Das Herz tut mir weh." Das denkende Herz hat sich auch im französischen Sprichwvrte „Da bouclie dit ce quo le coeur pense" erhalten. Noch sind Redensarten gang und gäbe: „Ein Herz und eine Seele"; „Man kann keinem ins Herz sehen". Im Neuhebräischen lautet eine beliebte Stilformel: „Lieben und achten mit Herz und Seele".