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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 450 (sequence 8)
Language
German
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4:50 Jede Gangl»enzelle lebt, wenn sie auch vielfach mit ihren Schwester»: in Verbindung steht, für sich allein u»»d hat ihre eigene Wirtschaft. Sie hat aber auch ga»»z besonderes zu leisten. Andere, sagen »vir ge»vöh»»liche Ganglien, können erregt »verden, oder sie erregen, oder sie beeinflussen die Er- »lährung, die Lebensfrische eines Körperteilchens; jene, die sich erregen lassen, sind die sensiblen, jene, die erregen, die »notorischen, und jene, die ans die Ernährung acht geben, die trophischen Ganglien. Anders die Ganglien der Groszhirnrinde! Sie werden erregt, sie errege»», sie arbeiten ferner künstlerisch, schöpferisch, sie halten Erregung und eigene Leistung fest, um geistig 'zu assiu»ilieren. Sie könne»» e»npfinden, »vollen, sich erinnern, sich bewußt sei»» »»nd der»ken — sie können alles, »vas »vir seelisch. Seele nen»»ei». Es haben »»ach Adar»»kie»viez die Seelenfelder zwar eine besümmte Lage, aber keine bestinrmten Grenzer», so daß diese Grenzen gegeneinander rücken, übereinander wachse»» könrren. Die bisher bekannt gewordenen Seelenfelder nehmen n»rr ca. en» Drittel der Gehirnrinde ein. Es bleibt also ein großes, gervisserrnaßer» neutrales Gebiet: aber diese Terra nova kan»», »Die soeben angedeutet wurde, von den »vachsenden Seelenfunktione»» in Anspruch genommen, teilrveise eine»»» oder dem anderen Seelenfelde zugeteilt, den Sinneszentren dienstbar »verde»». Ob es »vohl der» überaus präzise»», erfinderischen Untersuchu»»gen des Gehirns, »vie sie die Naturrvissenschaft »»»it einer »vunderbar entlvickelte»» Technik anstellt, gelingen »vird, der vor» mir aufgeworfenen Frage von den une»r»pfu»»denen Denkaktionen näher z»» fouimeii? Wie weit es schon mit den Ergründnngsresultaten geko»r»»»»e»» ist, zeigte»» uns einige Notize»», die durch die Presse gingen: Aus London »vird berichtet: Professor Wilder von der arnerikanischer» Cornell-Universitüt erließ kürzlich die Aufforderung an hervorragende Männer der Wissenschaft u»»d Künstler, ih»»» für den Todesfall ihre Gehirne zu experimentellen Zwecken testieren zu »vollen. Eine größere Zahl Personen ka»n dieser Aufforderung nach, darur»ter der bekar»nte Gelehrte Dr. Godwirr S»nith. Der dickste Kops der Welt sitzt ohne Zweifel zwischen den Sch»»ltern Arthur Jennings, eines Bürgers der Vereinigten Staaten. Der Niesenl schädel mißt 32 englische Zoll, das sind 81 Centimeter in» Umfang!! Jen»»i»»gs lebt als Hausierer im Staate Colorado, ist aber nicht mehr der Eigentümer seines Kopfes, sondern nur lebenslänglicher Nutznietzer desselben. Wie er Schlipse, Knöpfe rc. verkauft, so hat er auch in» Interesse der Wissenschaft seinen Schädel um klingende Münze verhandelt. und z»var an die medizinische Fakultät der Staatsuniversität in Boulder Cit»), die ihm 3000 Dollar dafür be»villigt hat. 1000 Dollar hat ihn» die Fakultät sogleich ausgezahlt, den Nest erhalten mit Ein-! tritt des Todes Jennings seine Erbe»». Es wird aber nicht berichtet, ob der räumlichen Kapazität des Sensationsschädels auch die geistige entspricht. Daß die Lokalisierung der seelischen Vorgänge in» Gehirn auch nicht so axiomatisch zu neh»nen ist, »vie Landois, Gussenba»»er und Adarnkiervicz unter Hinlveis auf die Forschungsergebnisse der nau»hafteste»» Gehirnanatornen beha»»pten wollen geht aus Berichten hervor, die vor kurzer»» in verschiedenen Blättern zu lesen waren: Haben Fische ei»» Gedächtnis? Zur Beantwortung dieser Frage bat seinerzeit Professor L. Edinger aus Fra»»kfurt an» Main in einem Aufrufe in verschiedener» uaturrvissenschaftlichen Zeitschriften um Einserrdung aller einschlagenden Beobachtungen. Bisher »var es allgemeine Anuahrire, daß die Funktion des Gedächtnisses im wesentlichen an das Vorhandensein einer Hirnrinde geknüpft sei. Ueber die Fähigkeit der tiefer liegenden Hirnteile in dieser Beziehung wissen wir nichts. Fische besitzen aber, wie »»achgelvieseu ist, keine Spur von Hirrrriude. Wenn nun sestgestellt werden kann, daß diese Tiere trotzdem Erfahrungen sammeln und nachher wieder Verlverten, zun» Beispiel, daß sie Personen »viedererkennen, Orte »vieder a»»sz»»finden, beziehu»»gs»veise zu meiden »vissen u»»d dergleichen »»»ehr, so müßte man die bisher allgemein angenommene Lehre, daß nur die Hirnrinde dazu befähige, fallen lassen, u»»d es würden sich ganz neue Untersuch»» ngsaufgabeu eröffnen. In einer Schrift brachte nun ein französischer Gelehrter einige intereffante Beweise für das Erinnerungsvermögen der Fische. Mit a»»ffallende»n Gedächtnis und stark ausgeprägtem Rachegefühl wären vor allen» die Forellen ausgestattet, »vie er durch folgendes Experiment zu erhärten suchte. Eine kleine Forelle wurde in ein Glasbassin gesetzt und einen ganzen Tag über oh»»e Futter gelassen. Von starkem Hunger gepeinigt, schoß das Tierchen unruhig in de»»» Bassin hin und her; jetzt steckte ein Assistent seinen Finger »»» das Wasser, als »venn er das Tierchen füttern wolle. So oft sich ihm aber die Forelle näherte, stieß er sie zurück. Kurz dara»»f hielt ein zlveiter Assistent de»n Tierchen »virklich Futter hin »»nd ließ es dasselbe r»»hig verzehren. Et»va nach acht Tagen steckte der erste Assistent wieder sei»»en Finger in das Bassin, und siehe, die Forelle stürzte sich sofort in zornigster Weise a»»f den Finger, »vährend sie die Ha»»d des andere»» Assistenten unberücksichtigt ließ. Bei einem anderen Versuche wurden einer Anzahl hu»»griger Karpfen einige Apfelstückchen ins Wasser geworfen, auf die sie sich alsbald stürzte»», die sie jedoch mit ihren schwachen Kauwerkzeuge»» nicht zerkleinern und somit nicht ge»»ießen konnten. Als »»»an ihnen nach einigen Tagen wiederum Apfelbrocken ins Wasser warf, ließen sie dieselben trotz ihres Hungers völlig unberührt, stürzte»» sich aber gleich darauf gierig aus eine ihnen unbekannte Nahrung, die sie freilich ebenfalls nicht zerkleinern konnten. Ein anderes Experiment »vurde mit j»»nge»» Hechten »lnteruonuneu: dieselben befanden sich in einem gläsernen Bassin, dessen eine Wand man durch eine besondere Vorrichtung erhitzte, »velche den Fischen im Wasser unbedingt sichtbar »var. Dieselben käme»» denn auch sofort neugierig hera»»geschwommen, stießen aber dabei gegen die heiße Wa»»d, »voraus sie sich schleunigst zurückzogen. Das Glas »vurde alsbald »vieder abgekühlt und erst nach 14 Tagen gab »nan sich den Anschein, als ob man dasselbe Experiment »viederholen wollte. Kann» hatte man aber mit dem Aussteller» der Vorricht»»ng begonnen, als sämtliche Hechte a»»fs eiligste sich in die äußerste Ecke des Bassins zurückzogen. Diese Beobachtungen bestätigen die Erfahrungen eines französischer» Offiziers: dieser promenierte mit einem Kameraden sehr viel in den Gärten der Tuillerie»», und sie machten die Beobachtung, daß die zahlreichen Goldfische in den Teichen jedes- »nal bei ihrer Annäherung herangeschwomrne»» kamen und ihnen in großen Scharen folgten, während die übrigen Spaziergänger keine solche A»»ziehungskraft auf dieselben ausübten. Sie konnten sich dies lange ni»ht erklären, bis sie eines Tages be»»»erkter», daß der Park- »vächter, »velcher die Fische fütterte, dieselben roten Streife»» an seinen Beinkleidern hatte, »velches auffallende Merkmal die Fische zu der Täuschung verleitete, in den Offiziere»» den Wächter zu vermute»». Wer»» auch die beträchtliche Zahl vor» Sitateu ermüdend dünken »nag, wird sie »vohl bei der»» Gedanken nicht für überflüssig halten, daß sie als Beweis für die Unempfindlichkeit der Denktätigkeit gelten, »velche den »naterialistischen Erkeuntrristheorien entgegengestellt werde»» ka»»n. Wie finden sich darnit die Anhänger des berüchtigten Satzes von Karl Vogt ab, daß die Gedanke»» sich zu»n Gehirn verhalten wie die Galle zur Leber, »vie der Harn zu den Nieren? Wie kommt es aber, daß, während die Bildung von Galle»»-, Nieren-, Blasensteinen zu den furchtbarsten Quäler» führt, die Gedankensekretionen im Gehirn ungemessenen Zeitraum hindurch bei Urvölkern unempfunden gebliebe»» sind?! Dubois Reymonds Eisenteilchen, »velches zuverlässig dasselbe „Ding" ist; gleichviel, ob es im Meteorstein de»» Weltkreis durchzieht, in» Dampfwagenrade auf den Schienen dahinschwirrt oder in der Blutzelle durch die Schläfe eines Dichters rinnt, sollte es nie in» Gehirn der Alten rumort haben? Schwebt auch über dieser Frage sein berühmtes Ignorabirmis? Wäre angesichts der rätselhaften Tatsache, daß die schon bei de»» Sirrnesrvahrnehinungen unerläßliche Geistesarbeit und die daraus sich entlvickelnde Denktätigkeit in» Kopfe selbst der bei»»» Nachsi»»nen über die ervige»» Probleme sich verlesenden

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