Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 449 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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449 beiden als die den Körper belebenden Wesen angesehen werden, in ihr liegt der erste Ursprung der Seelenvorstellung und alle weiteren verfeinerten Auffassungen bis hin zur inmateriellen Seele und zum Nous sind nichts weiter als Fortbildungen dieser ursprünglichen Anschauungen, welchen dieser hüpfende Puls, dieser fühlbare, sichtbare, stoffliche Atem in seiner ganz konkreten Erscheinung und nicht etwa bloß in symbolisierender Deutung die Seelen sind. Hier ist der Punkt bloßgelegt, wo aus der sinnlichen Erscheinungswelt auf Grund rein erfahrungsmäßiger Wahrnehmungen und Beobachtungen der große Fehlschluß gemacht wird, aus denr dann die ganze fernere, große Mythologie des Psychischen herausgesponnen wird, von ifireu ersten grobsinnlichen Formen an, bis hin zu ihren feinsten übersinnlichen Gestaltungen. Der Fehlschluß liegt darin, daß dasjenige, welches nur ein Symptom unter anderen, eine äußerlich in die Augen fallende Wirkung ist, für die einzige innere Ursache gehalten, daß pars pro toto genommen, daß Bedingung und wirkender Grund, daß Erkenntuisgrund und Sachgrund verwechselt werden . . , Wir werden jetzt zeigen, wie die Vorstellung von der Pulsseele sich psychologisch so weiter entwickelt, daß zuletzt nur noch der Atem als Seele gefaßt wird, der Puls dagegen seine Bedeutung als Seele verliert. Selbstverständlich bildet der Wilde diese seine ursprüngliche Vorstellung nur anf Grund rein sinnlicher Wahrnehmungen und erfahrungsmäßig fort; metaphysische Spekulationen kommen dabei gar nicht in Betracht. Unter den Pulsen zeichnet sich vor allen der Herzpuls aus, sowohl durch sein stärkeres Schlagen als auch durch seine Lage int Mittelpunkte des Körpers. Er wird deshalb auch wie Z. B. bei den Kariben, bereits unter den Pulsseelen als die bedeutendste derselben angesehen. So finbet sich denn, daß alle die Redewendungen, in denen bei uns das Herz nur noch symbolisch eine Rolle spielt, ursprünglich in Wahrheit vom fleischlichen Herzen als dem Sitze der Gefühle, ja des Denkens (wie bei den Aegyptern) d. h. von denr Herzen als Seele gellleint waren, und llicht blos kalifornischen Indianern war das Herz die Seele, sondern sogar noch die Stoiker und Alexander von Aphroditias betrachteter! das Herz als Sitz der Vernunft." „Aber es wird noch eine weitere und etwas Liefergehende Entdeckung geinacht. Das Herz, rvenn es nicht gewaltsam aus dein Körper herausgerissen ist, beginnt matter und matter zu schlagen und stockt endlich garrz, und alle Lebenserscheinungen verschwinden in dem Maße, als nach rnrd nach das Blut aus den dem Körper geschlageneli Wunden ausströmt. Nicht also das Herz ist der letzte Grurld des Lebens, sondern das Blut — das Blut in seiner rein sinnlicherr stofflichen Erscheinung — ist die Seele. Ursprünglich war es durchaus nicht bildlich genleint, wenn das vergossene Blut „nach Rache schrie"; nicht blos den Papuas gilt die Seele als Blut, sondern auch der Bibel.... Nicht nur dem Empedokles ist.... das Blut in der Nähe des Herzens.... der Sitz des Denkens sondern auch Aristoteles berichtet: „Das Blut, sagen einige, sei die Seele." (De anima. 2. 405 b 4.) Ja, sogar Harveh, der Entdecker des wirklichen Blntumlaufes (1619) sagt noch: „Das Blut hat wahrhaftig in sich die Seele. Mit dem entschwindenden Blute entweicht auch die Seele, so daß das Blut von der Seele sich durch nichts zu unterscheiden scheint, oder wenigstens die Substanz, woraus es „entstanden, als Seele anzunehmen ist!" Die Seele wohnt im Körper. Wo hat sie ihren Sitz? Auch heute noch spielt die Frage nach denr „Sitze der Seele" in der Psychologie eine Rolle. Die 'ursprüngliche Anschauung aber läßt sie nicht gleich an einer bestimmten Stelle, wie etwa nach Descartes in der Zirbeldrüse wohnen, sondern, da sie das Blut, der warme Atem ist, im ganzen Körper Hausen, sei es nun, daß sie denselben ein für allemal durchdringt, oder sei es, daß sie durch den Körper wandert und ablvechselnd bald in diesem, bald in jenem Teile ihre Wohnung aufschlägt. Letzteres ist z. B. die Anschauung der Mongolen. „Daß in dem ungeschlossenen Käsig, dem neuntorigen Körper, der Vogel Luft (Seele) verbleibt, ist wunderbar, daß er sich auf und davon macht, ist so natürlich, daß man darüber nicht zu reden braucht," sagt ein indischer Spruch. Erschien schon Gussenbauers historische Entwicklung der Kopfseele, eingebettet zwischen den angeführten, autoritativen Darlegungen und Quellennachweisen, anfechtbarl), so ist es nicht minder seine Zusammenfassung der hierüber zur Zeit als gültig erkannten physiologischen Anschauungen, die ich nun int Zusammenhänge mit den Behauptungen anderer medizinischer Größen, mit einigen kritischen Streiflichtern versehen, wiedergebe, lvelche ihren Brennpllnkt in dem Spruche Non licet jurari in verba magistri finden sollen. Das vollständige Aufgeben der Herzseele und die absolute Hegemonie der Kopfseele faßt Gussenbauer in die Worte: „Und wenn wir null heutigen Tages unter Berücksichtigung aller Ergebnisse der verschiedenen morphologischen und physiologischen Forschungsgebiete uns die Frage vorlegen nach den Fllnktioneu des Gehirns, so kann die Antwort liur lauten, daß alle Aeußerungen rnenschlicher Tätigkeit samt der Denkarbeit nnr Fliuktionell des lebendell Gehirnes sind . . . Der Arzt kann mit Recht die Materie als ein Gedankensylnbol für einen relativ stabilen Komplex sinnlicher Elemente betrachten und mit ihm feine übrigen Konsequenzen daraus ziehen. Hervorgegangen aus einer einzellig erscheinenden Keiulanlage nach phylo- und ontogenetischell Gesetzen der Entwicklung, erhebt sich das Gehirrr im vollendeten Individuum der Gattung zu dem kompliziertesten morphologischen Baue, den wir kennen, um im Fortschreiten der Entwicklung auch inuner kompliziertere physiologische Leistungen zu übernehmen." In der Großhirnrinde sind die psycho-sensoriellen Centra gefunden worden, wo die Ermnerungen der Siuneseindrücke sich arlsammelu. Bei dem Ausfall oder bei der Verletzung gewisser Centra tritt Seelenblindheit, Seelentaubheit, Verlust der Geruchs- und Geschmacksfähigkeit ein. Die Hemisphären des Großhirns sind der Sitz aller psychischen Tätigkeiten. Nur bei Intaktheit derselben ist der Vorgang des Denkens, des Fühlens und des Wollens möglich. Nach Zerstörung desselben sinkt der Organismus auf den Wert einer komplizierten Maschine zurück, deren ganze Tätigkeit nur noch als der Altsdruck der auf dieselben eiruvirkendeu inneren und äußeren Reize gelten kann. Die Ulltersuchungen von Ferrier und H. Munk haben ergeben, daß sich auf bestimmten Stellen der Großhirnrinde Bezirke befinden, in denen sich der Akt der bewußten silmlicheu Wahrnehmung vollzieht. Diese Felder stehen durch Faserzüge mit den Siunesnerveu in Verbindung; sie können als sensorielle Rindeucentra oder als „psycho-sensorielle Centra" bezeichnet werden. Die sensoriellen Regionen sind die Stellen, an denen die bewußte Empfindung der sinnlicheu Wahrnehnlungen sich vollzieht. Daneben bilden sie auch das Substrakt der serlsorischen Vorstellungen und des sensorischen Gedächtnisses. Vgl. Lehrbuch der Physiologie des Menschell voll Dr. L. Landois. 7. Auflage. S. 821, 833, 846. Professor Dr. A. Adamkiewiez hat in seiner Monographie „Die Großhirnrinde als Organ der Seele" (Wiesbaden 1902) das Meynertffche System weiter ausgebaut. In den Ganglien der Großhirnrinde, besonders der dritten von deil fünf Schichten erblickt er förmliche Werkstätten der geistigen Arbeit. ') Sogar Landois <a. a. O. 861) hat das Geschichtliche der Gehirnforschung sehr lückenhaft behandelt und bewiesen, wie selbst eine Fachautorität ersten Ranges daran vergessen fönm\ daß die Historie eine Magistra für naturwissenschaftliche Disziplinen sei.